Moderne Tyrannei

27. September 2015


Papst Franziskus hat auf seiner USA-Reise zur Achtung eines wichtigen Menschenrechts aufgerufen, der Religionsfreiheit. Diese sei von „moderner Tyrannei“ bedroht, mit der Folge, dass Vertreter der Religionen „ohne Mitsprache- und Stimmrecht in der Öffentlichkeit“ blieben und ihr Beitrag damit vom Diskurs ausgeschlossen werde.

In Deutschland sehe ich diese Gefahr (noch) nicht in diesem Ausmaß. Vertreter der Kirchen etwa werden gehört, wenn es um ethische Fragen geht, sei es im Rahmen von Gesetzgebungsverfahren, in der Politikberatung oder auch in der (eher symbolischen) Medienaufsicht. Das ist gut und richtig so.

Dennoch ist ebenfalls nicht zu übersehen, dass die Zahl „moderner Tyrannen“ wächst, die gerne sähen, dass Religion im allgemeinen und die (Katholische) Kirche im speziellen gesellschaftlich marginalisiert werden – unabhängig von ihrem konkreten Beitrag, von dem nicht selten auch „moderne Tyrannen“ profitieren.

Dabei fällt mir immer wieder auf, wie die Missverständnisse hinsichtlich des Gegenstands des in Frage stehenden Freiheitsrechts von Woche zu Woche zunehmen. Nun, wer bloß eine Außenperspektive auf „Religion“ hat, muss diese zwangsläufig missverstehen. Das ist gar nicht das Problem.

Das Problem ist vielmehr, dass das Missverständnis, das Zerrbild immer mehr die Deutungshoheit über den Begriff „Religion“ erlangt und damit dem Verständnis, dem Schaffen eines vernünftig begründeten Bildes, also der wahrheitsuchenden Bildung, im Weg steht. Das ist eine ganz große Tragik, die sich an (mindestens) fünf Aspekten zeigt.

1. Der Zusammenhang von persönlicher Glaubensüberzeugung und institutionalisierter Religion wird dramatisch unterschätzt. Religion ist dann nichts, das für den Menschen eine Antwort auf die Letzten Fragen darstellt, sondern ein Subsystem des Politischen, in dem man eben mitmacht oder nicht. Religion wird damit schon im Ansatz völlig falsch verstanden, zumindest, soweit es um die Religion des Religiösen geht.

2. Damit fällt beim Thema Religion eine wichtige, traditionell mit ihr verbundene Kategorie völlig aus dem Diskursrahmen: das Gewissen. Erst wenn wieder verstanden wird, dass Glaube und Religion Ausdruck des Gewissens sind, kann verstanden werden, warum man positivem Recht nicht apodiktisch einen Vorrang vor Religion einräumen kann, ohne damit zugleich einer objektivistischen Ordnung das Wort zu reden, die weit hinter die Aufklärung (in dem Fall passt der Bezug ausnahmsweise mal) zurückfiele, aber auch dem christlichen Menschenbild widerspräche, in dem die Freiheit eine wichtige Facette bildet.

3. Immer öfter wird Religionsfreiheit nur noch negativ oder nur insoweit positiv verstanden, als daraus keine öffentlich erkennbaren Phänomene resultieren. Das ist so als meinte man, Pressefreiheit beschränke sich darauf, einen Artikel zu schreiben, vielleicht noch darauf, ihn zu Hause auszudrucken, nicht aber darauf, ihn zu veröffentlichen. Ich glaube nicht, dass der Vorschlag, Religionsfreiheit darauf zu reduzieren, dass jeder Mensch, der es nicht lassen kann, eine, keine oder mehrere Gottesvorstellungen haben darf, zynisch gemeint ist. Ich glaube einfach, dass er Konsequenz aus (1) und (2) ist.

4. Die Verbindung von Religion und Gewalt braucht eine ernsthafte Auseinandersetzung. Die Gleichsetzung von Christentum und Islam in dieser Frage verhindert diese ernsthafte Auseinandersetzung. Denn: Weder hinsichtlich der Entstehungsbedingungen noch der Geschichte und schon gar nicht der Gegenwart sind Christentum und Islam in der Gewaltfrage ernsthaft gleichzusetzen. Ganz im Gegenteil: Größer kann der Unterschied kaum sein. Je areligiöser eine Gesellschaft, desto deutlicher wird die Lastenverteilung zu Ungunsten der Religion (der Hinweis, dass Religion auch nicht-gewaltsam und Gewalt auch nicht-religiös sein kann, verstärkt die Last eher als dass es sie nimmt).

5. Die Frage, die sich mir stellt, wenn die Religionsfreiheit in Frage gestellt wird, ist folgende: Was folgt daraus? Wie etwa umgehen mit Zeugen Jehovas, von denen sich offenbar so viele Menschen belästigt fühlen? Festnehmen, wegsperren? Wie umgehen mit Katholiken, die auf öffentlichem Grund und Boden liturgische Handlungen vollziehen? Festnehmen, wegsperren? Wie umgehen mit einer Muslima, die in der U-Bahn eine Misbaha aus der Handtasche zieht? Festnehmen, wegsperren? Ich höre jetzt auf, sonst kommen wir irgendwann auch zu den Juden. Also, Frage: Wie sieht das in der Praxis aus, die konsequent religionsbefreite Gesellschaft? Erstmal: so.

Doch wie auch immer die Antwort in der Phantasie „moderner Tyrannen“ aussehen mag, fest steht: Die Auseinandersetzung mit einem Phänomen wie Religion wird über kurz oder lang zu einer Auseinandersetzung mit den Menschen, die das Phänomen als Teil ihrer Persönlichkeit betrachten. Was das für den Wunsch nach einem „Ende der Religion“ bedeutet, zumal unter der Voraussetzung, dass sich dieser „von selbst“ kaum erfüllen wird, kann man sich ausmalen. Wenn man denn will.

(Josef Bordat)

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: