Lizenz zum Töten?

28. September 2015


Ein Sammelband stellt fest: Es gibt kein gutes Töten

Manchmal gibt es auch außerhalb des Fußballplatzes Überraschungen. Sogar in der Politik. Etwa am 11. September des laufenden Jahres. An diesem denkwürdigen Tag hat das britische Parlament über einen Gesetzesvorschlag zur Freigabe der Beihilfe zur Selbsttötung in England und Wales abgestimmt. Das Ergebnis war eindeutig – dagegen. Die überwältigende Mehrheit der Abgeordneten lehnte die Freigabe des assistierten Suizids ab. Eine Überraschung. Nicht für den gesunden Menschenverstand und auch nicht für Vertreter einer Ethik, die sich der philosophischen und theologischen Tradition der vergangenen zwei Jahrtausende verpflichtet weiß, aber doch für den Zeitgeist, für die Stimmung, für die Medien.

In wenigen Wochen entscheidet nun der Deutsche Bundestag über die Neuregelung der (hierzulande bislang verbotenen) aktiven Sterbehilfe. Möglicherweise relativiert er dabei das Lebensrecht, den wichtigsten Ausdruck der einzigen Rechtsfigur, die bei uns absolut gilt: die Achtung der Menschenwürde. Ihr ist alles unterstellt: die Grundrechte, die Gesetze, die Verwaltung, die Rechtsprechung. Und grundsätzlich auch das Handeln von Menschen in privatrechtlichen Vertragsverhältnissen. In Deutschland soll nie wieder die Würde von Menschen verletzt werden. Der Schutz des menschlichen Lebens steht hoch im Kurs. Die Todesstrafe ist abgeschafft, die Abtreibung verboten (obgleich sie unter bestimmten Bedingungen straffrei bleibt), eine aktive Sterbehilfe oder ein assistierter Suizid sind nicht vorgesehen. Wir sind uns seit 70 Jahren einig: Es gibt kein gutes Töten.

Dennoch ist es seltsamerweise anrüchig, darauf hinzuweisen. Wer in Deutschland für den Lebensschutz eintritt, wird verlacht, verspottet, angegriffen. Das kann man durchaus wörtlich nehmen. Es gibt kein gutes Töten – wer so etwas sagt, braucht Mut. Wie die Herausgeber und Autoren eines Sammelbandes mit eben diesem Titel, der auf einen schon fast zwanzig Jahre alten Aufsatz Robert Spaemanns Bezug nimmt: Es gibt kein gutes Töten. Der Band wurde im Nachgang einer Fachtagung mit dem provokanten Leitmotiv „Du sollst mich töten“. Kommt jetzt der ärztlich assistierte Suizid? von Rainer Beckmann, Claudia Kaminski und Mechthild Löhr herausgegeben. Er versammelt Texte von Manfred Spieker, Andreas Lombard, Axel W. Bauer, Stephan Sahm, Rainer Beckmann, Kerstin Kurzke, Gerbert van Loenen und eben jenen Spaemann-Aufsatz. Die Beiträge behandeln sowohl theoretische als auch praktische Aspekte des Problems. Erfahrungsberichte aus den Niederlanden und aus der Hospizarbeit ergänzen die analytischen Abhandlungen aus Soziologie, Philosophie und Medizinethik.

Robert Spaemanns argumentativ überzeugender, aspektenreicher und immer noch (oder gerade jetzt) hochaktueller Beitrag bildet in der Tat den Dreh- und Angelpunkt nicht nur des vorliegenden Bandes, sondern der gesamten Thematik. Spaemann stellt die zentralen Begriffe der Problemstellung auf den Prüfstand, etwa den der Selbstbestimmung oder des lebenswerten Lebens. Er deutet auf die lange europäischen Tradition eines Denkens, das dem Leben einen herausgehobenen Stellenwert gibt und den Selbstmord moralisch verurteilt. Insbesondere zeigt Spaemann, dass hinter der Rede von „Selbstbestimmung“ aufgrund der dabei implizit vorgenommenen willkürlichen Einschränkungen der Freiheit des Suizidalen (dessen Todeswunsch „rational“ nachvollziehbar sein muss, um erfüllt werden zu können) ein verkappter Paternalismus steht, eine Analyse, die Gerbert van Loenen in Kenntnis der niederländischen Sterbehilfe-Praxis mit verstörenden empirischen Befunden zuspitzen kann: Aktive Sterbehilfe führt zu Fremdbestimmung. Wo die Möglichkeit gegeben ist, den Tod zu „wählen“, wird das Leben unerträglich. Formulierungen wie „Du kannst ja sterben – und wenn du nicht willst, dann jammere auch nicht!“, gehören dort nicht in die Drehbücher billiger Horrorfilme, sondern zum Alltag. Freiheit? Selbstbestimmung? Oder vielleicht doch eher: Entsolidarisierung? Lieblosigkeit? Sapere aude.

Mit „Selbstbestimmung“ zu argumentieren, verfinge aber selbst dann nicht, wenn es wirklich Selbstbestimmung wäre: „Die Fiktion der souveränen Willensentscheidung ausgerechnet in der Situation extremer Schwäche ist zynisch, vor allem im Hinblick auf die ohnehin im Leben Benachteiligten wie Arme, Einsame und auch Frauen. Es sind nämlich mehr ältere Frauen arm, verwitwet, chronisch krank und weniger gut versichert als ältere Männer. Das Angebot des assistierten Selbstmords wäre der infamste Ausweg, den die Gesellschaft sich ausdenken kann, um sich der Solidarität mit den Schwächsten zu entziehen – und der billigste.“ Das zu durchschauen ist wichtig.

Ebenso wenig habe es Sinn, so Spaemann, am Konzept der Person zu feilen, um passgenaue Bestimmungen herauszuarbeiten: „Entweder sind Menschen immer Personen, oder sie werden es nie“. Spaemann verweist auf die Solidarität, die alle Menschen verbindet, und die durch Überlegungen zur Reformulierung des Person-Begriffs und durch die zynische Fiktion der „Selbstbestimmung“ geschwächt werde. Und diejenigen, die religiöse Gedanken aus dem Diskurs kicken möchten, erinnert er an eine überkonfessionelle Einsicht: „Eine säkulare Gesellschaft wird barbarisch, wenn sie auf alle Weisheitstradition der Menschheit verzichtet.“ Die Unfähigkeit, Trost als wertvolle Kategorie menschlicher Beziehungen zu begreifen, wird in der säkularen Sterbehilfebefürwortung überdeutlich erkennbar. Das ist ebenso problematisch wie die utilitaristische Denkweise, das Leben müsse (in den Augen des Betrachters) lebenswert sein, man müsse also etwas vom Leben habenleben (einfach so) reiche nicht. Dabei besteht gerade darin die Würde des menschlichen Lebens: in sich. Zumindest war das 70 Jahre lang Konsens in Deutschland.

Spaemanns Plädoyer: „Auch das Sterben ist noch ein Vorgang, der, wenngleich von der Natur verhängt, eingebettet ist in Riten menschlicher Solidarität. Wer sich eigenmächtig aus dieser Gemeinschaft entfernen will, muß das allein tun.“ Eine deutliche Absage an jede Form aktiver Sterbehilfe. Der Band kommt also zur rechten Zeit. Vielleicht gibt es ja auch in Deutschland eine parlamentarische Überraschung. Am 6. November wissen wir mehr.

Bibliographische Angaben:

Rainer Beckmann, Claudia Kaminski, Mechthild Löhr (Hg.): Es gibt kein gutes Töten. Acht Plädoyers gegen Sterbehilfe.
Waltrop/Leipzig: Manuscriptum – Edition Sonderwege 2015.
174 Seiten, € 9,80.
ISBN 978-3944872179.

(Josef Bordat)

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