Sexualität und Sex. Und Homosexualität

29. September 2015


Ein Beitrag zur Familiensynode

Ich weise vorsorglich darauf hin, dass ich nun eine Idee von Sexualität aufgreife, der die Lehre der Katholischen Kirche im Rücken stehen soll. Es geht dabei um einen Ansatz, der nicht allein biblisch und moraltheologisch begründet sein will, sondern auch aussagenlogisch. Mir geht es vor allem darum, herauszufinden, a) ob ich die Lehre der Kirche damit treffe und korrekt rekonstruiere, b) ob die gewählte Analogie so richtig ist und c) ob damit die Schlussfolgerungen stimmen. Vor allem an die katholischen Leserinnen und Leser ergeht daher der Aufruf, den Gedankengang kritisch zu prüfen und sich dann über die bekannten Kanäle mit mir in Verbindung zu setzen.

I. Sexualität und Sex

1. Der Mensch ist Geschöpf Gottes. Das Leben und seine Leiblichkeit sind Geschenke. Also auch die Sexualität. Sexualität ist Ausdruck der Liebe, der Beziehung, der Freude am Dasein.

2. Gott ist heilig. Gottes Geschenke sind heilig. Sexualität ist ein Geschenk Gottes an den Menschen. Also: Sexualität ist etwas Heiliges.

3. Sex ist eine Ausdrucksform der Sexualität. Sex ist daher auch etwas Heiliges. Sexualität geht jedoch weiter: Auch Enthaltsamkeit (periodische oder grundsätzliche) gehört zur Sexualität (weswegen zölibatär lebende Menschen wie buddhistische Mönche, orthodoxe Bischöfe oder katholische Priester selbstverständlich nicht ausgeschlossen sind von der Sexualität).

4. Weil Sexualität etwas Heiliges ist, soll in ihr durch den Menschen alles getan werden, das diese Heiligkeit unterstreicht und alles unterlassen werden, das diese Heiligkeit beschmutzt. Die Kirche sagt im Anschluss an Thomas von Aquin, dass guter katholischer Sex in diesem Sinne immer drei Aspekte hat: Lust, Beziehungsvertiefung und Offenheit für Fortpflanzung.

5. Es sollen in der Sexualität also keine Handlung geschehen, die ausschließlich darauf ausgerichtet sind,
– Kinder zu zeugen, denn es fehlen die Lust und (möglicherweise auch) die Beziehungsvertiefung (u.a. deshalb ist die Kirche gegen In-vitro-Fertilisation und Leihmutterschaft),
– unverbindlich Spaß zu haben, denn es fehlen die Beziehungsvertiefung und (oftmals) die Offenheit für Fortpflanzung (u.a. deshalb sieht die Kirche One-Night-Stands, Selbstbefriedigung, künstliche Empfängnisverhütung und wechselnde Partnerschaften kritisch),
– nur einem der Beteiligten Spaß zu bereiten, denn es fehlen (partiell) die Lust, und (insgesamt) die Beziehungsvertiefung und (in den allermeisten Fällen) die Offenheit für Fortpflanzung (u.a. deshalb ist die Kirche gegen Prostitution, auch, wenn diese in gegenseitigem Einvernehmen realisiert wird).

6. Um der Heiligkeit menschlicher Sexualität den geeigneten Rahmen zu verleihen, bietet die Kirche an, dass sich die Partner vor Gott gegenseitig das Sakrament der Ehe spenden.

7. Die Ehe ist der Raum, in dem die Sexualität in ihrer Heiligkeit am besten gelebt werden kann.

II. Homosexualität

1. Homosexualität ist eine Form der menschlichen Sexualität, die einen (von Thomas nicht bedachten) Grenzfall erzeugt: Beim Sex Homosexueller – so lustvoll und beziehungsvertiefend er sein mag – steht die Fortpflanzung gar nicht zur Debatte.

2. Formal könnte man daraus schließen, dass der Sex homosexueller Partner der kirchlichen Bedingung genügt, wenn sich die Partner zuvor offen für Fortpflanzung zeigen. Also: Wenn zwei Männer zusammen ins Bett gehen und Sex haben und zuvor sagen: „Sollten aus unserem Handeln Kinder entstehen, dann nehmen wir sie vorbehaltlos an!“, so zeigen sie sich offen für Fortpfanzung. Damit wäre der Sex homosexueller Partner immer „Thomas-konform“.

3. Material könnte man jedoch sagen, dass der Sex homosexueller Partner der kirchlichen Bedingung nie genügt, weil sich die Partner de facto gar nicht wirklich offen für Fortpflanzung zeigen können (insoweit sie ja wissen, dass der Fall nie eintritt). Also: Wenn zwei Männer zusammen ins Bett gehen und Sex haben und zuvor sagen: „Sollten aus unserem Handeln Kinder entstehen, dann nehmen wir sie vorbehaltlos an!“, dann heilt das nicht den Umstand, dass sie gar keine Kinder bekommen können – jedenfalls nicht als Ergebnis dieser Zusammenkunft. Damit wäre der Sex homosexueller Partner nie „Thomas-konform“.

4. Was gilt nun? Dazu muss man wissen, wie die Kirche analoge Fälle behandelt. Grundsätzlich gilt: Tat geht vor Wort. Lippenbekenntnisse, also Aussagen, die entweder subjektiv nicht ernst gemeint oder auch gleich objektiv gegenstandslos sind, lehnt die Kirche ab, konkludentes Handeln belohnt die Kirche durch Hinweis auf die faktische Zugehörigkeit des formal Außenstehenden zur Gemeinschaft. Das geht zurück auf Worte Jesu, die besagen, dass nicht das formale Bekenntnis zählt („Herr, Herr!“, vgl. Mt 7, 21), sondern das materiale Tun („…und danach handelt“, vgl. Mt 7, 24). Maßgebend ist hier das Gleichnis von den beiden Söhnen, die zur Arbeit im Weinberg aufgefordert werden (Mt 21, 28-32). Welcher der Söhne hat den Willen getan? Der, der nicht sagt, dass er geht, sondern der, der tatsächlich geht.

5. Es zählt also der materiale Aspekt. Damit kann der Sex homosexueller Partner niemals im Einklang stehen mit der Idee von Sexualität, welche die Katholische Kirche vertritt, weil ihm ein Wesensmerkmal fehlt: die in Wirklichkeit angenommene Offenheit für Fortpflanzung.

6. Was ist dann aber mit heterosexuellen Partnern, die keine Kinder bekommen können? Fällt ihr Sex ebenfalls aus der kirchlichen Idee von Sexualität heraus? Nein, denn es ist ja niemals objektiv unmöglich, dass ein Mann und eine Frau ein Kind zeugen, sondern nur gemäß dem, was wir aufgrund unserer unvollkommenen Einsicht über die Biologie von Mann und Frau wissen. Es ist ja schon passiert, dass ältere Partner Kinder bekommen haben, bei denen die „biologische Uhr“ längst abgelaufen zu sein schien. Auch hier gibt es biblische Beispiele (Sara, Elisabeth). Selbst Partner, die sich haben sterilisieren lassen, sind schon Eltern „ungeplanter“ Kinder geworden. Die Offenheit, diese dann trotzdem anzunehmen – darauf kommt es aus Sicht der Kirche an.

7. Die Kirche lehnt also praktizierte Homosexualität nicht deshalb ab, weil sie von Homosexuellen vollzogen wird und insoweit sie eben etwas gegen Homosexuelle an sich hätte (dagegen: Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2358), sondern insoweit der Sex homosexueller Partner – wie einige andere Formen der Sexualität auch – nicht im Einklang steht mit der Idee von Sexualität, welche die Katholische Kirche vertritt, weil sie aufgrund von Offenbarung und Tradition der Meinung ist, sie sei genau so von Gott gewollt. Daher sehe ich für die Katholische Kirche keine Möglichkeit, das Sakrament der Ehe für homosexuelle Partnerschaften zu öffnen.

(Josef Bordat)

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