Paderborner Peanuts

30. September 2015


Nichts erregt den Menschen mehr als das Geld anderer Leute. Glühender Sozialneid ist immer noch die am leichtesten entflammbare Substanz auf Erden. Wenn das Geld dann nicht nur Anderen, sondern gar der verhassten Katholischen Kirche gehört, gibt es kein Halten mehr. In wenigen Stunden sind hunderte Kommentare geschrieben. Die meisten fordern die sofortige Enteignung der Kirche, einige ihr Verbot. Auch sofort. Was ist passiert? Das Erzbistum Paderborn hat sein Vermögen auf 4 Milliarden Euro taxiert. Das sind pro Katholik in der Diözese 2500 Euro.

4 Milliarden Euro – ist das viel? Das kommt darauf an, womit man es vergleicht. Um etwa die Quandt-Familie auf diesen Wert zu bringen, müsste man ihr 90 Prozent des Eigentums wegnehmen. Das Manipulieren von Abgaswerten hat beim Volkswagenkonzern zu einer Vernichtung von rund 50 Milliarden Euro Börsenwert geführt. In einer Woche. Etwa genauso viel gibt Deutschland für sein Militär aus. Jedes Jahr. Die 500 reichsten Deutschen Privatpersonen haben ein Vermögen von 400 Milliarden Euro. Der hundertste Teil davon sind jene 4 Milliarden. Ein Prozent. Oder: Peanuts.

Reichtum ist relativ. Das erstaunliche an den gestern veröffentlichten Zahlen ist auch gar nicht mal die absolute Höhe des Paderborner Vermögens, sondern die Tatsache, dass das Erzbistum damit der angeblich reichsten Diözese Deutschlands, dem Erzbistum Köln, deutlich den Rang abläuft (3,4 Milliarden). Der Jahresetat des Erzbistum Paderborn ist freilich weit geringer: 500 Millionen Euro betrug er zuletzt (etwas über 300 Euro pro Kirchenmitglied). Auch hier erkennt man, wie relativ der Reichtum ist: Würden die Einnahmen ab morgen wegfallen (wie sich das einige Eiferer sehnlichst wünschen), wäre nach acht Jahren Schluss im Erzbistum Paderborn, nach über 1200jähriger Geschichte.

Entscheidend ist, was mit dem Geld passiert. Es ist also zunächst eine Rücklage für schwere Zeiten, wenn die Ausgaben die Einnahmen übersteigen werden. Doch es wird auch hier und jetzt genutzt: Jeden Tag gibt das Bistum mehr als eine Million Euro für die Arbeit in den Kirchengemeinden sowie für die Caritas, die katholischen Schulen und die Kindertagesstätten aus. Das soll auch dann noch so sein, wenn die zuletzt üppigen Kirchensteuereinnahmen wegbrechen – kein ganz unwahrscheinliches Szenario für die nächsten 50 bis 100 Jahre. Und auch dann wollen Kirchen instandgehalten werden.

Andererseits ist tatsächlich zu überlegen, ob der vorhandene finanzielle Spielraum nicht pastoral sinnvoller genutzt werden könnte. Das Schöne ist ja, dass eine reiche Kirche eine Kirche für die Armen sein kann – und nicht überall ist die Kirche reich. Das beginnt in der Diözese Paderborn selbst, wo offenbar einige Projekte gestrichen wurden – aus finanziellen Gründen. Das geht dann weiter, wenn es um die Diaspora-Diözesen geht, die im Vergleich zu Köln und Paderborn tatsächlich arm sind. Berlin zum Beispiel. Das Vermögen des Erzbistums beträgt nicht einmal jene 500 Millionen Euro, die Paderborn Jahr für Jahr zur Verfügung hat. In unserer Gemeinde stehen umfangreiche Sanierungsarbeiten am Kirchengebäude an, deren Kosten nur zum Teil vom Erzbistum Berlin übernommen werden. Wie unser Eigenanteil von voraussichtlich 60.000 Euro geleistet werden kann, steht in den Sternen. Paderborn? Köln? Irgendjemand?

Die Überlegung endet bei der Frage, ob wirklich alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, Menschen bei der Suche nach Perspektiven in ihrer Heimat zu helfen. Manches gute, aber in der Fortführung bedrohte christliche Entwicklungsprojekt braucht nur 50.000 oder 100.000 Euro. Für solche Zwecke könnte von der Deutschen Bischofskonferenz ein Fond angelegt werden. Gerade jetzt, wo es viele Menschen aufgrund von Perspektivlosigkeit zu uns treibt, wäre das eine langfristig vielversprechende Maßnahme. Wie wäre es, von den vierzehn reichen Diözesen Deutschlands einen „Zehnten“ zu sammeln, der dann auf die dreizehn armen Diözesen in Deutschland und auf Entwicklungsprojekte in der Welt verteilt wird?

Das geht allerdings nur dann, wenn die Kirche nicht enteignet und zerschlagen wird. Wenn man der Rage des Durchschnittskommentators folgt, dann wäre genau das aber die einzig aufgeklärte Endlösung der Katholikenfrage. Natürlich wird in der ganzen Erregung vergessen, dass nicht nur die Kirche gemeinnützige Leistungen subventioniert bekommt, sondern auch der Humanistische Verband. Natürlich wird vergessen zu erwähnen, dass der Staat die Kirchensteuer nicht deswegen einzieht, weil die Kirche ihn unterdrückt, sondern weil die Kirche ihn bezahlt (seit der Vereinigung hat der Staat für seine Inkasso-Tätigkeit 5 Milliarden Euro eingenommen). Natürlich wird verdrängt, dass die Dotationen keine Almosen sind, sondern Entschädigungsleistungen. Aber vielleicht sollte man auch nicht zu viel voraussetzen. Gut, man könnte sich informieren. Muss man aber nicht.

(Josef Bordat)

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