Warum ist es der Kirche wichtig, eine Position zu Ehe, Familie und Sexualität zu vertreten?

5. Oktober 2015


Neben vielen inhaltlichen Anmerkungen zu Detailfragen wird anlässlich der Familiensynode auch die Grundsatzfrage gestellt: Warum ist das überhaupt wichtig für die Kirche: Familie, Ehe, Sexualität? Warum kann sich die Kirche da nicht raushalten?

Raushalten – das geht nicht! Zumindest dann nicht, wenn die Kirche die Offenbarung, auf der sie gründet, ernst nimmt. Gerade gestern wurde die einschlägige Stelle aus dem Evangelium Jesu Christi weltweit in den Heiligen Messen gelesen – nicht, weil gerade Familiensynode ist, sondern weil es die Leseordnung so vorsieht: „Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ (Markus 10, 2-9).

Raushalten – das geht nicht! Zumindest dann nicht, wenn die Kirche überhaupt einen moralischen Anspruch aufrecht erhalten will. Und das sollte sie, ja, das muss sie, wenn sie Kirche Jesu Christi sein will. Sexualität ist Teil der Person und die Person ist ein Gegenstand des Christentums – sowohl in ihrer Beziehung zu Gott als auch zu anderen Personen, also: in der Art und Weise, wie sie ihr Leben führt. Wenn die Kirche sich da raushalten soll, dann kann sie sich auch auflösen. Die Kirche muss sich also auch in Fragen einmischen, die das Innerste der Person betreffen, das gehört zu ihrem Wesen. Dass wir als Gläubige dabei mit Anforderungen konfrontiert werden, die wir nicht verstehen und denen gerecht zu werden uns schwer fällt, und dass sogar – aus der heutigen theologischen Sicht – Fehler gemacht wurden in den letzten 2000 Jahren, das ist unbestritten, darf aber nicht dazu führen, nun gar nichts mehr zu sagen, wenn eine Gesellschaft darüber diskutiert, was gut und richtig und was böse und falsch ist. Hier erwartet auch die Gesellschaft von der Kirche, dass sie Orientierung gibt. Auch für die Gewissensbildung, die zu dem führen soll, das immer wieder vehement eingefordert wird, die Eigenverantwortung nämlich, ist eine Orientierung hilfreich bis nötig.

Raushalten – das geht nicht! Zumindest dann nicht, wenn die Kirche überhaupt noch am ethischen Diskurs teilnehmen will. Der Blick auf Familie, Ehe und Sexualität ist Teil der Anthropologie (christliches Menschenbild) und Teil der Ethik (christliche Moraltheorie). Von der anthropologischen Positionierung hängt ab, wie ethische Fragen beantwortet werden, nicht nur im Bereich der Sexualmoral. Es ist wichtig, die Sexualmoral als Spezialgebiet der christlichen Ethik bzw. der katholischen Morallehre aufzufassen. Diese erschöpft sich nicht darin, kommt aber ohne Sexualmoral nur zu fragmentarischen Ergebnissen. Erst die Sexualmoral schafft eine Verbindung zwischen Anthropologie und Ethik, die auch in andere Bereiche der Moraltheorie führt, etwa in die Bioethik, die Medizinethik, die Umweltethik. Die Vorstellung von gelungener Sexualität macht die Ethik rund. Eine Ethik, die der Frage nachgeht, wie der Mensch handeln soll, und dabei Fragen von Ehe, Partnerschaft, Freundschaft, Familie und Sexualität, ja, auch von Erotik und Sex, ausblendet, wird immer unvollständig sein.

Deshalb kann sich die Kirche da nicht raushalten. Das gilt übrigens nicht nur für die Kirche. Viele Ethiken machen anthropoligische Voraussetzungen, die gerade auch sexual- und reproduktionsethisch konnotiert sind. Sie sind zum Teil viel stärker an der Regulierung der Sexualität interessiert als es die Kirche je war. Der hedonistische Utilitarismus etwa basiert ganz wesentlich darauf, Sex und Reproduktion zu trennen, um das Moment des Spaß-Habens in den Vordergrund stellen und als wesentliches Merkmal von bzw. wichtiges Kriterium für Freiheit anbieten zu können.

Das lässt auch Gesellschaftsentwürfe nicht unbeeinflusst. Nicht nur Nationalsozialismus (Mutterkreuz) und Kommunimus (FKK als Ersatzfreiheit) sind da einschlägig, auch die neuere deutsche Demokratie. In dieser kam es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu der tragischen Entwicklung, die sexuelle Befreiung nicht nur phänomenologisch, sondern normativ aufzufassen (Wer beim Spaß-Haben nicht mitspielt, ist verklemmt und gerät unter sozialen Druck; man muss sich nur vor Augen führen, was die Opfer des Missbrauchs an der Odenwaldschule über die Überzeugungs- und später auch Rechtfertigungsstrategien ihrer Peiniger aussagen).

Gerade auch an Familienmodellen und Sexualutopien machen sich Ethiken fest. Vorstellungen zur Reproduktion sind von Platon über Thomas Morus bis hin zu den Entwürfen des 20. Jahrhunderts ganz zentrale Überlegungen eines jeden Sozialingenieurs. Und ausgerechnet die Kirche soll hierzu schweigen? Gerade im Politischen Utopismus ging es dabei übrigens um Macht, Sozialkontrolle und Unterdrückung (also das, was der Kirche oft als Motiv unterstellt wird, wenn sie sich zu Fragen der Sexualität äußert), ausgehend von einem sehr unchristlichen Menschenbild (etwa einem behavioristischen wie bei Skinner, Autor von Walden Two).

Kurz gesagt: Wer will, dass die Kirche nichts mehr zum Thema Ehe, Familie und Sexualität sagt, muss zugleich wollen, dass sie Teile der Offenbarung verleugnet, auf der sie gründet. Wer will, dass die Kirche nichts mehr zum Thema Ehe, Familie und Sexualität sagt, der muss in Kauf nehmen, dass sie dann auch nichts mehr zur Ethik insgesamt sagen kann, weil ihrer Morallehre die anthropologischen Grundlagen entzogen sind. Wer will, dass die Kirche nichts mehr zum Thema Ehe, Familie und Sexualität sagt, verleiht ihr unter den moralischen Instanzen gerade jenen Sonderstatus, den er ihr nehmen will.

(Josef Bordat)

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