Heimat

6. Oktober 2015


Zur Zeit läuft in der ARD die Themenwoche Heimat. Was ist das eigentlich: Heimat? Ein Ort? Ein Gefühl? Eine Spurensuche.

Heimat, das sind für mich zunächst vier Orte, an denen ich Nuancen des Gefühls von Geborgenheit und Zugehörigkeit spüre. Die Erste Heimat ist Straelen am Niederrhein, mein Geburtsort, an den ich oft zurückkehre. Die Zweite Heimat ist Berlin, mein Wohnort seit mehr als zwei Jahrzehnten. Die Dritte Heimat ist Arequipa (Peru), der Geburtsort meiner Frau, in dem ich 2002 ein halbes Jahr lebte, 2003 heiratete und den ich seither so oft es geht besuche. Die Vierte Heimat ist Alella, ein Vorort von Barcelona, in dem ich 2010 und 2011 lebte und in den ich regelmäßig reise, zuletzt im September. Straelen, Berlin, Arequipa, Alella – das wäre ein räumlicher Begriff von Heimat. Der Heimatort ist Inbegriff für Geborgenheit, Sicherheit und Gewissheit. Er steht für die Verwurzelung im wohldefinierten lebensweltlichen Kontext, für familiäre und freundschaftliche Beziehungen und für ein bekanntes soziales wie kulturelles Umfeld.

Doch Beheimatung findet auch statt, wo Ideen geteilt werden und wo man sich geistig und geistlich wohl fühlt. Der Glaube ist insoweit die geistige und geistliche Heimat des Christen, die der Heimatverbundenheit in topographischer Hinsicht oft quer liegt. Viele Menschen müssen gerade deswegen ihre örtliche Verbundenheit aufgeben, ihren Heimatort verlassen, weil sie im christlichen Glauben eine Beheimatung gefunden haben. Der Glaube gibt Geborgenheit in der Ungeborgenheit der Welt (Peter Wust), zugleich verlangt er den Aufbruch aus der Komfortzone des Gewohnten.

Wie dramatisch ist es aber, einen Ort wie die Heimat aufgeben zu müssen – freiwillig tut das kaum jemand! Viele Menschen, die ein solches Drama des Verlustes ihrer räumlichen Heimat erlebt haben, kommen in diesen Tagen und Wochen zu uns – in unsere Heimat. Es kommt darauf an, den Heimatbegriff von einem geschlossenen, räumlichen Verständnis zu einer Haltung geistig-geistlicher Offenheit weiterzuentwickeln, die ein Konzept von Heimat als Gefühl ermöglicht, als Ahnung eines Eu-topos, der nicht an einen Topos gebunden ist, der aber auch keine Utopie bleibt. Gesucht ist mithin eine Haltung, die möglichst vielen Menschen das Gefühl zu vermitteln versucht, eine Heimat zu haben, auch jenseits der Heimat.

Kann das gelingen? Das gilt natürlich vor allem im Umgang mit diejenigen Migranten, die bereits in unserem Glauben verwurzelt sind, viel tiefer zum Teil als wir selbst. Das gilt für die Opfer der Christenverfolgung, für die christlichen Flüchtlinge aus Syrien, aus Ägypten und aus dem Irak. Hier ist die geistige Heimat ja grundsätzlich die gleiche, wir können – mal abgesehen von Sprachbarrieren – unmittelbar in Beziehung treten: Gemeinsam Gottesdienst feiern, zusammen beten. Das schafft Nähe, das schafft Vertrautheit, das schafft Ausgangspunkte für weitere Schritte.

Kirchengemeinden sind bereits jetzt Knotenpunkte im Netzwerk der Flüchtlingshilfe. Immer noch ist die Verzahnung der kirchlichen Strukturen mit dem gesellschaftlichen Leben eine enge. Zum Sonntagsgottesdienst kommen auch Kommunalpolitiker und lokale Unternehmer, mit denen Kontakte entstehen, die über die Ebene des praktizierten Glaubens hinausgehen und weitreichende Integration ermöglichen. Integration ist noch nicht Heimat. Doch Integration kann helfen, neue Heimat zu finden. Die Beheimatung im geteilten Glaube kann dabei helfen.

(Josef Bordat)

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