Eine Kleinigkeit

7. Oktober 2015


Eine Sache macht mich ratlos. Nichts Besonderes, aber doch so bezeichnend, dass sie der Rede wert ist. Und zwar der Umstand, dass soziale Maßstäbe ganz selbstverständlich auf den Kopf gestellt werden. Ich meine nicht Krieg, Terror und Amokläufe, sondern den gewöhnlichen Alltag, an dem wir alle regelmäßig teilhaben. Gestern Abend in der U9 Richtung „Osloer Straße“. Ein junger Mann besteigt den Wagen, öffnet gleich das Fenster, das seinem Sitz am nächsten liegt, kommt dann auf mich zu, drängt sich zwischen mich und einen älteren Herrn, um auch „unser“ Fenster zu öffnen. Was soll das?, frage ich mich. „Was soll das?“, fragt der ältere Herr neben mir den jungen Mann, der soeben das Fenster aufgerissen hatte.

Der junge Mann reagiert gereizt auf die Frage und fragt zurück: „Was willst du?“ Das ist die entscheidende Frage. Ich für meinen Teil will zweierlei: erstens, dass das Fenster geschlossen bleibt, und zweitens, dass jemand, der in eine bestimmte soziale Situation eintritt, mit der offenbar alle Beteiligten bis dato einverstanden sind, nicht einfach Fakten nach eigenem Gusto schafft, ohne die Anderen zu fragen, ob sie mit der geplante Veränderung der Situation einverstanden sind. Das heißt konkret: „Ist das OK für Sie, wenn ich das Fenster öffne?“ oder „Hätten Sie etwas dagegen, dass ich das Fenster öffne?“ So etwas in der Art.

Diese Ebene wird aber zunächst nicht erreicht. Es geht um die Sache. Der ältere Herr verweist darauf, dass es nun Zugluft gäbe, der junge Mann – offenbar Experte in Sachen Strömungslehre – verneint schroff. Ehe das Gespräch zu einem physikalischen Kolloquium werden kann, wechsle ich die Ebene und sage dem jungen Mann, er hätte ja auch mal fragen können, ob wir einverstanden sind, dass das Fenster geöffnet wird. Verständnislosigkeit. Nachtrag: „Ich finde das offene Fenster nämlich auch nicht so gut.“ – „Ja, dann mach’s doch wieder zu! Ist doch nur ein Handgriff!“ Den tat ich dann auch, dankbar begleitet von dem älteren Herrn, für den das Problem damit behoben war. Für mich begann es erst. An der Reaktion des jungen Mannes merkte ich, dass er den Punkt nicht verstanden hatte. Zudem zischte er zum Abschluss irgendetwas, in dem „egoistisch“ und „asozial“ vorkam – und meinte damit höchstwahrscheinlich noch nicht einmal sich selbst.

Wie gesagt: Die Sache hat nichts mit dem Klimawandel zu tun und löst auch nicht das Flüchtlingsdrama. Sie ist eine Kleinigkeit. Aber es zeigt sich an dieser Kleinigkeit, wie weit weg das Selbstverständliche im Miteinander entrückt ist, wenn es ein Hinweis darauf mit solch einem Unverständnis zu tun bekommt. Wir müssen in der Ethik auch über Umgangsformen sprechen, über Aufmerksamkeit, Höflichkeit, Rücksichtnahme. Das postmoderne Nachdenken über Freiheit und Glück hat so ein ganz klein wenig verdrängt, dass es auch zur Moral gehört, sich nicht wie der letzte Arsch auf Erden zu benehmen. Einfach zu sagen: „Nun, lass doch die verhaltensgestörten Soziopathen in Ruhe, die sind nun mal so!“, wäre fatal. Kurzfristig für die Luftströmung im U-Bahn-Wagen, langfristig für das Klima in der Gesellschaft. Auch dessen Wandel müssen wir aufmerksam beobachten.

(Josef Bordat)

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