Sterbehilfe. Aktiv und passiv

8. Oktober 2015


Es gibt einen Unterschied zwischen „töten“ und „sterben lassen“. Auch, wenn es in der Konsequenz (langfristig) dasselbe ist, ob man einen 35jährigen Mann erschießt oder eben 50 oder 60 Jahren wartet, bis er „von selbst“ stirbt, beurteilen wir „erschießen“ und „warten“ moralisch und rechtlich unterschiedlich. Das ist trivial, man muss es sich aber für die Sterbehilfedebatte noch einmal so klar vor Augen führen.

Denn: Worum geht es in der aktuellen deutschen Debatte eigentlich? Es geht um die aktive Form der Sterbehilfe, um ein Eingreifen mit dem Ziel der Tötung eines Menschen (in Deutschland verboten, auch dann, wenn es dem Wunsch des Patienten entspräche). Es geht nicht um die passive Form der Sterbehilfe, um ein Nicht- oder Nicht mehr-Eingreifen unter Inkaufnahme eines Sterbens, das früher eintritt als in dem Fall, in dem man „alles“ versucht, was menschlich und technisch möglich ist (in Deutschland erlaubt, soweit vom Patienten willentlich verfügt).

Man kann tatsächlich der Ansicht sein, dass die passive Form der Sterbehilfe (Sterben lassen auf Verlangen) erlaubt, die aktive Form der Sterbehilfe (Töten auf Verlangen) hingegen verboten sein sollte, weil die gezielte Beendigung menschlichen Lebens ebenso gegen die Würde des Menschen verstößt wie eine Lebensverlängerung um „jeden“ Preis. Gerade in einer hochtechnisierten Medizin ist es möglich, biologische Funktionen durch technische zu „ersetzen“ und so das „Leben“ erheblich zu verlängern. Der Mensch aber ist mehr als seine Biologie.

Der Philosoph Robert Spaemann meint dazu in seinem Aufsatz Es gibt kein gutes Töten (1997): „Die Medizin kann nicht mehr dem Prinzip folgen, jederzeit jedes menschliche Leben so lange zu erhalten, wie das technisch möglich ist. Sie kann es nicht aus Gründen der Menschenwürde, zu der auch das menschenwürdige Sterbenlassen gehört.“ Das bedeutet konkret: „Das ärztliche Berufsethos muß angesichts der ständig wachsenden Möglichkeiten der Medizin Kriterien der Normalität entwickeln, Kriterien für das, was wir jedem Menschen, und gerade den kranken und alten, an Zuwendung, an Pflege, an medizinischer Grundversorgung schulden, und für das, was statt dessen abhängig gemacht werden muß von Alter, Heilungsaussicht und persönlichen Umständen.“

Den moraltheoretischen Hintergrund der Differenzierung von „töten“ und „sterben lassen“ bildet der prinzipielle Unterschied zwischen „handeln“ und „unterlassen“. Auch dazu gibt Robert Spaemann den entscheidenden Hinweis: „Der Wert jedes menschlichen Lebens ist zwar inkommensurabel, daher das unbedingte Tötungsverbot. Es gibt aber in moralischer Hinsicht einen Unterschied zwischen Handlungsgeboten und Unterlassungsgeboten. Nur Unterlassungsgebote können unbedingt sein, Handlungsgebote nie. Handlungsgebote unterliegen immer einer Abwägung der Gesamtsituation, und dazu gehören auch die zur Verfügung stehenden Mittel.“

Ironischerweise bestärkt die Aufhebung der Differenz nicht den Vorrang der Unterlassung, sondern sie erhöht den Druck zu handeln: „Wer jeden Verzicht auf den Einsatz der äußeren Mittel als Tötung durch Unterlassen brandmarkt, der bereitet – und zwar oft absichtlich – den Weg für das aktive Umbringen.“ Motto: Wenn das eine geht, warum dann nicht auch das andere – wenn es doch auf dasselbe hinausläuft? Dass es aber darauf – auf die Folgen allein – nicht ankommt (zumindest nicht in der Ethik und idealerweise dann auch nicht im Recht), muss man heute wieder stärker betonen.

Schließlich appelliert Spaemann, den Tod bewusst ins Leben zu holen: „Die Hospizbewegung, nicht die Euthanasiebewegung ist die menschenwürdige Antwort auf unsere Situation. Wo Sterben nicht als Teil des Lebens verstanden und kultiviert wird, da beginnt die Zivilisation des Todes.“ Oder, um es mit Bundespräsident a. D. Horst Köhler zu sagen: Der Mensch sollte an der Hand, nicht durch die Hand der Angehörigen sterben. Das macht die Würde seines Lebens im Sterben aus.

(Josef Bordat)

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