Weihnachten. Oder so

8. Oktober 2015


Falls Sie es noch nicht bemerkt haben: Es weihnachtet wieder. In den Supermärkten lagert der Lebkuchen schon seit einem Monat (oder länger), die Temperaturen gehen spürbar in den Keller und in den Pfarrnachrichten wird schon für Adventsbazar und Krippenspiel geworben. Mancher Zeitgenosse hat die Gabenliste für dieses Jahr bereits zur Hälfte abgearbeitet, um dem Dezember-Stress zu entgehen.

Weihnachten – einer immer säkularer werdenden Gesellschaft sagt das jenseits von Glühwein, Gänsebraten und Geschenkpapier kaum noch etwas. Vielen graut es vor den stillen Tagen, die sich um die Stille Nacht herum gruppieren. Alles wird dann intensiver empfunden: die Familie, aber auch die Einsamkeit, der Konsumismus, aber auch die Armut. Vor allem die kulturelle. Von der geistlichen Armut ganz zu schweigen.

Man kann diesem Phänomen als Christ offensiv begegnen. Aus dem Glauben heraus kann man sich auf den eigentlichen Kern des Festes besinnen, auf die Menschwerdung Gottes, die mit Holzhüttenromantik und golden glänzenden Christbaumkugeln weit weniger zu tun hat als mit der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen und der Notwendigkeit radikaler Umkehr.

Neben dieser Abgrenzung des Wesensgehalts zum kulturellen Bestand des Festes kann man versuchen, Elemente der Tradition spirituell wiederzubeleben, um eine Brücke zu schlagen zwischen der christlichen Bedeutung von Weihnachten und der profanen Erfahrung mit Weihnachten. Diesen Weg geht Johannes Toegel in seinem Buch Weihnachten für Erwachsene. Verborgene Schätze, das jetzt – pünktlich zur Saison – bei Styria Premium erschienen ist.

Toegel, promovierter Theologe und Philosoph sowie Gründer des Wisdom Science Project zur Vermittlung von Spiritualität und Wissenschaft, verfolgt mit seiner Monographie das Ziel, einer vom Weihnachtsfest entfremdeten Generation jenseits „rührseligen Getues“ und „kindischer Formen der Religiosität“ den Weg zur frohen Botschaft vom menschgewordenen Gott zu ebnen, um auch dieser die Erfahrung der Wirklichkeit von Weihnachten zu ermöglichen, die Erfahrung, dass hier etwas passiert, „das die Seele nährt und erhebt“.

Der Verfasser nimmt sich verschiedene Motive aus der Weihnachtsgeschichte und der Tradition des Weihnachtsfestes vor und remodelliert sie in konfessionell und religiös offener Perspektive zu einer „Sammlung von Impulsen, die zusammenwirken wie die Melodien und die Harmoniewechsel in einem Werk klassischer Musik“. So möchte er eine glaubensferne Leserschaft an das „Mysterium“ der Weihnacht heranführen.

Bei seinen Anregungen greift Toegel – selbst stark von fernöstlicher Spiritualität beeinflusst – auch auf synkretistische Deutungsansätze zurück. Übrig bleibt ein niedrigschwelliges, keinen Anstoß erregendes, sehr leicht vermittelbares, weil im heißen Bad von Theosophie, Psychoanalyse, Buddhismus und Aufklärung auf ein handliches Maß zusammengeschrumpftes Christentum, das in den Sinn-Setzkasten der kritischen Moderne passt.

Pastorale Initiativen, die nicht mehr bieten als Anleitung zur Selbstsäkularisierung oder Verflüchtigung in Gemeinplätze, die das Christentum als etwas begreift, das in erster Linie ‚gut tut‘ sowie Bücher aus der Rubrik „Christliche Spiritutalität“, deren Hauptzweck es ist, „in einer kalten Winternacht den Menschen das Herz zu wärmen und sie ein wenig näher zueinander zu führen“, zeigen den Bedarf an gelungener Glaubensvermittlung durch Theologie mit Tiefgang wohl am deutlichsten. Aber das nur nebenbei.

Toegels Impulse können insoweit überzeugen, als sie wirklich den ernsthaften Versuch unternehmen, den mitteleuropäischen Durchschnittsmenschen, der sich fragt, ob es da nicht doch noch was anderes gibt (außer Geld verdienen und Geld ausgeben), mit liebevollem Verständnis exakt an der Stelle abzuholen, an der er so ratlos dasteht. Der Autor nimmt ihn an der Hand und tanzt mit ihm um das Geheimnis der Menschwerdung Gottes herum; mehr – so Toegel bereits im Vorwort – sei nicht möglich.

Der Tanz selber ist mit seiner eingängigen Melodie, seinem angepassten Rhythmus und der recht einfachen Schrittfolge hervorragend geeignet, möglichst viele Menschen zum Mitmachen zu animieren. Die Vers-für-Vers-Erläuterung der biblischen Weihnachtsgeschichte enthält zahlreiche interessante Interpretationen, die gängige theologische Deutungen zu ergänzen vermögen. Und wenn am Ende nur einer der Leser ein wenig weniger angeödet vor dem Christbaum steht, hat sich die Mühe wohl gelohnt, die sich Johannes Toegel gemacht hat.

Bibliographische Angaben:

Johannes Toegel: Weihnachten für Erwachsene. Verborgene Schätze.
Wien: Styria Premium 2015.
160 Seiten, € 16,90.
ISBN 978-3-222-13513-2.

(Josef Bordat)

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