Ein wichtiger und wertvoller Text

10. Oktober 2015


Der Aufsatz Lamechs Rückkehr von Tobias Klein ist deswegen ein wichtiger Text, weil er ein wichtiges Thema der Ethik kenntnisreich abhandelt: den Umgang mit Menschen, die gegen geltendes Recht und / oder anerkannte Moralprinzipien verstoßen. Die meiste Zeit seit dem Beginn menschlicher Zivilisation stand dieser unter einem Grundsatz: Vergeltung in Selbstjustiz. So richtig raus aus den Genen ist das scheinbar immer noch nicht, wie Tobias Klein an ebenso erhellenden wie erschreckenden Beispielen zu diesem fragwürdigen Retro-Phänomen verdeutlicht, das mir auch schon mal aufgefallen ist.

An die sehr klare Zeitdiagnose schließt sich eine hervorragende Darlegung der wesentlichen Entwicklungsschritte des Vergeltungsprinzips in Ethik und Recht an. Tobias Klein erläutert, dass dessen Einschränkung und Überwindung Errungenschaften der judeo-christlichen Ethik sind, die der neuzeitliche Staat in der Figur des Gewaltmonopols verrechtlichte. Diesen Teil kann man als Lehrbeitrag aufnehmen – schon von daher ist der Text wertvoll.

Richtig spannend wird es dann allerdings zum Schluss, als Tobias Klein Zeitdiagnose und Ideengeschichte zusammenbringt und damit auf die entscheidende Befindlichkeit hinter einer Vergeltungslogik aufmerksam macht, die nicht einmal die Proportionalität wahren will: das Gefühl, irgendwie besser und daher auch zu überzogener Vergeltung berechtigt zu sein. Wer diesen Konnex im Hinterkopf behält und dann in Debatten um Kriminalitätsbekämpfung der Aufforderung zur Selbstjustiz oder einem „Rübe ab!“-Fanatismus begegnet, weiß das vor dem Hintergrund der Analyse Tobias Kleins einzuordnen. Lesenswert!

(Josef Bordat)

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