Facebook und der Hass

11. Oktober 2015


Es gehört zu den wenigen allgemein anerkannten Grundsätzen zivilisierten Miteinanders, dass man Niemandem das Lebensrecht absprechen darf. Ein Hass, der sich darin äußert, Menschen als Zugehörige einer bestimmten Gruppe den Tod zu wünschen, gehört nicht in die öffentliche Auseinandersetzung und ist auch nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt. Insbesondere in Diskussionen innerhalb Sozialer Medien wie Facebook scheint das nicht mehr ganz so selbstverständlich zu sein. Die Rückkehr in den vorzivilisatorischen Modus hat zuletzt der Kollege Klein in ausgezeichneter Weise analysiert. Wir müssen also in der Ausgangsthese ein Wörtchen ergänzen: Es gehört eigentlich zu den wenigen allgemein anerkannten Grundsätzen zivilisierten Miteinanders, dass man Niemandem das Lebensrecht absprechen darf.

Durch göttliche Fügung (anders kann ich es mir nicht erklären) bin ich kürzlich im Facebook auf eine Seite geraten, deren Beschreibung vielversprechend klingt: „‚Die Atheisten‘ ist eine Gruppe für alle Freidenker da draußen! Für alle die sich nicht durch Religionen, Ideologien oder verwirrten[sic!] Menschen im Leben stoppen lassen wollen! Jeder ist willkommen!“

Angetrieben von Logik und Vernunft:

Angetrieben von Logik und Vernunft: „Die Atheisten“. Screenshot der Facebook-Seite.

Ich will jetzt gar nicht wagen, die Selbstbezichtigung im Titelbild („Angetrieben von Logik und Vernunft“) auch nur ansatzweise in Frage zu stellen, oder gar zu Untersuchungen darüber aufrufen, ob das Bild von „Religionen“ nicht an der einen oder anderen Stelle (oder auch an beiden) modifikationsbedürftig sein könnte und mir geht es jetzt auch nicht um die Grammatik. Entscheidend ist für mich etwas anderes: Oft wird behauptet, Religionskritik bleibe immer und auch im Äußersten auf Inhalte bezogen, sei also keine Kritik an Menschen, die religiös sind. Nun muss ich bei den Basisinformationen zur „Gruppe“ (eigentlich: Seite) jedoch lesen, dass es beim Engagement für den „Guter Zweck“ durchaus auch gegen „verwirrten Menschen“ gehen soll. 7497 Personen gefällt das.

Es dauert nicht lange, bis ich (angetrieben von Langeweile), herausgefunden habe, wer denn das sein soll: „verwirrten Menschen“. Die Antwort lautet: Alle Menschen, die einen religiösen Glauben haben. Das sind eine ganze Menge, aber gehen wir nicht in die Details. Zur Kenntnis gelangt mir diese von Logik und Vernunft angetriebene Bestimmung des Menschen mit religiösem Glauben u. a. anhand eines Bildes, das einen Menschen in Zwangsjacke zeigt und das beschriftet ist mit: „Pragmatophobie (Angst vor Realität). Religion ist eine psychische Störung“. Gleich daneben wird durch Bekanntgabe des Diagnose-Codes der klinischen Psychologie die Arbeit erleichtert. 623 Personen gefällt das.

Neues, zugleich weitverbreitetes Krankheitsbild: Pragmatophobie.

 „Die Atheisten“ entdecken ein neues, zugleich weitverbreitetes Krankheitsbild: Pragmatophobie. Screenshot der Facebook-Seite.

Derart angetrieben von Logik und Vernunft (Sprachlogik und vernünftige Formalstandards mal außen vor) kommt der Motor richtig ins Laufen und man erfährt, wie dumm, wie gestört, wie rückständig und denken Sie sich irgendwas aus, das nicht unbedingt charmant klingt, also: wie genau man als religiöser Mensch halt in diese Abteilung passt: „verwirrten Menschen“. Gut, das allein wäre nicht der Rede wert – zumindest nicht im Kontext des in der Einleitung angeschnittenen Themas. Schon eher passt dazu die Bemerkung eines der von Logik und Vernunft Angetriebenen, welcher am 8. Oktober um 21:46 Uhr meinte: „Diese Psychoidioten gehören nach Auschwitz!“.

Ein Besucher der Seite „Die Atheisten“ meint: „Diese Psychoidioten gehören nach Auschwitz!“. Screenshot der Facebook-Seite.

Wir brauchen nicht darüber zu sprechen, dass die Reaktion unmittelbar darauf völlig verfehlt ist, auch nicht darüber, dass der Kommentator nicht ernsthaft meinen kann, man solle alle Menschen mit einem religiösen Glauben (also: „Diese Psychoidioten“) tatsächlich in ein Vernichtungslager verbringen und vergasen, und sicherlich auch nicht darüber, dass eine solche Haltung nun typisch für Menschen ohne religiösen Glauben wäre (ist sie nicht – noch einmal: ist sie nicht), aber wir müssen uns sehr wohl darüber unterhalten, ob wir auch in diesen Fällen beherzigen wollen, was Justizminister Maas mit Blick auf rechtsextreme Ausfälle fordert: Grenzen zu ziehen.

„Wenn jemand aufruft, Flüchtlinge zu ermorden oder Juden zu verbrennen, dann ist das nichts, was von der Meinungsfreiheit gedeckt ist, sondern dann ist das strafbar. Dann wird das verfolgt, und dann sollten das die sozialen Plattformen auch aus dem Netz löschen.“ Sagt Maas. Mal sehen, was Facebook sagt, nachdem ich Facebook gesagt habe, dass die fragliche Seite mich oder eine Person, die ich kenne, belästigt. Das tut sie. Zum einen ganz konkret: Hier wird ziemlich unverblümt auch meine Vergasung gefordert (und die meiner Frau). Zum anderen aber auch ganz grundsätzlich: Menschen zu pathologisieren und in die Psychiatrie zu verbringen war die favorisierte Art des Umgangs, den die Sowjetunion wählte, wenn sie, die Menschen, sich als religiös erwiesen. In diese Umgangsform sollten wir nicht zurückfallen. Nicht mal virtuell.

(Josef Bordat)

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