Weisheit

11. Oktober 2015


Daher betete ich, und es wurde mir Klugheit gegeben; ich flehte, und der Geist der Weisheit kam zu mir. Ich zog sie Zeptern und Thronen vor, Reichtum achtete ich für nichts im Vergleich mit ihr. Keinen Edelstein stellte ich ihr gleich; denn alles Gold erscheint neben ihr wie ein wenig Sand, und Silber gilt ihr gegenüber soviel wie Lehm. Ich liebte sie mehr als Gesundheit und Schönheit und zog ihren Besitz dem Lichte vor; denn niemals erlischt der Glanz, der von ihr ausstrahlt. Zugleich mit ihr kam alles Gute zu mir, unzählbare Reichtümer waren in ihren Händen. (Weisheit 7, 7-11)

Die Wertschätzung der Weisheit, ihr Primat gegenüber allen materiellen Segnungen, ist so ganz nach meinem Geschmack: Gold und Silber verblassen, andere Reichtümer begleiten die Weisheit. Der Weise blüht auf im Glanz der Weisheit und auch seine Umgebung profitiert – mit der Weisheit kommt das Gute. Damit ist die Weisheit ein Schlüssel zu gelungenem Leben, zum Glück. Das tut gut, wenn man als Freund der Weisheit nicht weiß, wie man die Betriebskostennachzahlung leisten soll.

Dabei bin ich gar nicht weise. Als Freund der Weisheit bin ich zwar bemüht, ihr nahe zu sein, aber das gelingt ja viel zu selten. Wenn überhaupt. Es ist eher eine Fernbeziehung, die getrübt ist durch den Zwang, Verwertbares zu produzieren. Und das ist nicht immer weise. Es sollte sachangemessen sein, richtig informiert, vielleicht auch noch gut geschrieben. Wenn es ganz gut läuft: klug. Das sind dann aber schon publizistische Sternstunden.

In der Perikope hören wir: „Daher betete ich, und es wurde mir Klugheit gegeben; ich flehte, und der Geist der Weisheit kam zu mir.“ (Weisheit 7, 7). Es scheint so, als sei Weisheit das größere Geschenk, das man zum einen erst erhält, nachdem man die Klugheit bekam, zum anderen nur nach besonders intensiver Bitte. Weisheit kommt dabei in Form des Geistes, der höchsten Erkenntnisinstanz.

Weisheit ist der rechte Gebrauch des Wissens. Sagt Charles Haddon Spurgeon. Im Gegensatz zu Wissen lässt sich Weisheit nicht erwerben, nicht erarbeiten. Weisheit ist einem Menschen geschenkt. Zu Wissen und Bildung kann man systematisch gelangen, nach bestimmten Regeln, auf festgelegten Wegen. Man muss sammeln, ordnen, deuten – kurz: aktiv werden. Weisheit aber verlangt einen gedanklichen Rückzug, eine Passivität, die sich beschenken lässt und zu einem gelassenen, humorvollen, spielerischen Umgang mit dem Wissen führt.

Klugheit und Weisheit, Weisheit und Klugheit. Auch Thomas von Aquin unterscheidet diese beiden Tugenden, die Weisheit (sapientia) und die Klugheit (prudentia). Die Weisheit ist auch bei ihm als allgemeine Erkenntnisdisposition von prinzipieller Art: Zurückgehend auf die „ersten Gründe“ werden mit ihrer Hilfe „letzte Ziele“ des Handelns identifiziert. Klugheit ist dagegen die Fähigkeit, in gegebener Situation sein Verhalten so auszurichten, dass die mit Weisheit definierte Grundtendenz eingedenk der Besonderheiten der spezifischen Entscheidungssituation nicht aus dem Blick gerät.

Anders gesagt: Das Ziel der moralischen Kompetenz ist die „Erreichung des vernünftigen Optimums“ (Summa theologica, II-II, 47, 8) aus einer Grundorientierung heraus, welche die Weisheit dem Menschen verschafft. Doch das „vernünftige Optimum“ kann nur dann tatsächlich erreicht werden, wenn auch die zielführenden Mittel optimal eingesetzt werden; genau dafür sorgt die Klugheit. Das aus Weisheit gewonnene „Grundlagenwissen“ kann nur mit Hilfe des aus Klugheit gewonnenen „Ableitungswissens“ zur Geltung kommen.

Woran erkennt man Weisheit? Ich denke, ein ganz wichtiger Aspekt ist die Schlichtheit des Gedankens, der trotzdem weiter trägt. Das Verhältnis von Präsentation und Bedeutung stimmt. Und: Weisheit zeigt sich offen für die Transzendenz, verweist auf etwas, das über uns, unser Wissen, unsere Vernunft hinausgeht. Ergo: „All unsere Weisheit, sofern sie wirklich den Namen Weisheit verdient und wahr und zuverlässig ist, umfasst im Grunde zweierlei: die Erkenntnis Gottes und unsere Selbsterkenntnis.“ Johannes Calvin.

(Josef Bordat)

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