Mit zweierlei Maß

15. Oktober 2015


Ein Bild macht die Runde. Eigentlich sind es zwei, die geschickt komponiert wurden. Es stellt die Aufnahme eines Galgens neben die eines Fallbeils. Beide Artefakte symbolisieren als Instrumente einer weithin bekannten Form von Hinrichtungspraxis (Erhängen oder Köpfen) den Wunsch nach Exekution. Sie nehmen gleichermaßen Bezug auf Vize-Bundeskanzler Sigmar Gabriel. Also: Einmal wird der Tod Gabriels durch den Galgen, ein andermal durch das Fallbeil gefordert. Beides ist bösartig, abscheulich, verwerflich – und dürfte zudem gleichermaßen strafbar sein. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen beider Entgleisungen gleichermaßen zur Rechenschaft gezogen werden.

Doch meine Hoffnung ist unbegründet. Denn nur in einem Fall – dem des Galgens – reagiert eine breite Öffentlichkeit mit Empörung und der Forderung nach Strafverfolgung. Im anderen Fall – dem des Fallbeils – schweigt sie. Der Eindruck entsteht: Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Der ganz unterschiedliche Umgang mit den beiden Fällen hat weniger mit Galgen oder Feilbeil an sich zu tun (unterschwellig mag sich wohl die sehr fragwürdige, aber kulturalisierte Vorstellung von der grausamen archaischen respektive der humanen modernen Hinrichtungsmethode auf die Bewertung der Fälle auswirken), sondern vielmehr damit, in welchem Kontext die Artefakte auftraten. Der Galgen bei Pegida, das Fallbeil bei TTIP. Das ist der Unterschied. Für „TTIP Fallbeil“ liefert eine vielgenutzte Suchmaschine 7.130 Ergebnisse, für „TTIP Guillotine“ immerhin 69.800. Für „Pegida Galgen“ sind es hingegen gleich sechsmal so viele Treffer: 437.000. Eine Strafverfolgung findet derzeit nur in Sachen Galgen, nicht in Sachen Fallbeil statt. Die einschlägige „Störung des öffentlichen Friedens durch die Androhung von Straftaten“ (§ 126 StGB) braucht Störung, aber auch Öffentlichkeit.

Die Öffentlichkeit stört sich eher an Pegida als an TTIP. Das allein ist noch nicht das Problem – es gibt sogar gute Gründe, das eine Anliegen gegenüber dem anderen vorzuziehen. Da ist es nicht nur kein Problem, sondern es liegt gerade in der Natur der Verschiedenheit der Phänome diese mit zweierlei Maß zu bemessen und etwa zu der einen Veranstaltung zu gehen, zu der anderen aber nicht. Das Problem beginnt dort, wo man gleichermaßen verwerfliches Handeln vor dem Hintergrund des unterschiedlich bewerteten Kontexts ebenfalls unterschiedlich bewertet. Es gibt aber keine gute „Störung des öffentlichen Friedens durch die Androhung von Straftaten“, die als solche nicht verfolgt werden muss. Zumindest dann nicht, wenn unser Rechtsstaat nicht auf Gesinnung, sondern auf Gerechtigkeit gebaut sein soll.

Doch die Sache mit dem doppelten Maßstab ist zu tief in uns verwurzelt, als dass man meinen könnte, hier sei noch etwas zu reparieren. Aus der Psychologie wissen wir, dass äußerlich gutaussehende Straftäter in vergleichbaren Fällen mit milderen Strafen davonkommen als ihre weniger hübschen Kollegen. Auch die Bewertung von Schülern, Mitarbeitern und Politikern hängt – sogar ganz wesentlich – von ihrer äußeren Erscheinung ab, auch wenn diese mit der eigentlich zu bewertenden Leistung nur extrem schwach korreliert (und auch, obgleich wir um den fehlenden Zusammenhang von Maßstab und dem, was es zu messen gilt, ganz genau wissen). Bei einem Mädchen, das schlägt, wird gefragt, was zuvor geschehen ist, bei einem Jungen, was wohl als nächstes geschehen wäre.

Auch soziokulturelle Ursachen bedingen eine Ungleichbehandlung des Gleichen. Passiert eine Katastrophe (etwa ein Extremwetterereignis) in Europa oder den USA, ist das Medienecho gigantisch, obgleich oftmals die Schäden aufgrund der funktionierenden Infrastruktur begrenzt sind. Bei Katastrophen in Regionen, die uns räumlich und kulturell fern stehen, muss schon das hundertfache an Opfern zu beklagen sein, damit sich in den Redaktionen etwas regt. Ein Terroranschlag in Nigeria findet kaum Widerhall in den Medien, ein Terroranschlag in Paris wird hingegen wochenlang rezipiert – unter größter Anteilnahme der Menschen. Dass in diesen Wochen der Anteilnahme zehn bis zwanzig weitere Anschläge in Nigeria stattfinden, bekommt man vor lauter Anteilnahme gar nicht mit.

Besonders verstörend ist das Messen mit zweierlei Maß aus ideologischen Gründen. Das beginnt in der Bewertung historischer Ereignisse. Während die Hexenverfolgung mit 50.000 Opfer in 350 Jahren in jedem aufgeklärten Munde ist, finden die 50.000 Terror-Opfer der Französischen Revolution aus dem Sommer 1794 kaum Beachtung (so man überhaupt von ihnen weiß). Das setzt sich im Urteil der Medien über die Gegenwart fort. Für verfolgte Christen gibt es weit weniger Empathie als für verfolgte Jesiden. An manchen Tagen wünsche ich mir, das Sterben der christlichen Kultur in weiten Teilen der arabischen Welt löste zumindest soviel Anteilmahme aus wie irgendeine vom Aussterben bedrohte Pflanzenart. Missbraucht ein Priester Kinder – 500 „Rübe ab“-Kommentare binnen weniger Stunden. MIssbraucht ein englischer Fernsehmoderator Kinder – so what? Eine unzeitgemäße Kirche verliert viele Mitglieder und man wirft ihr vor, nicht zeitgemäß zu sein. Eine zeitgemäße Kirche verliert doppelt so viele Mitglieder und man schweigt.

Die Welt ist ungerecht. Damit ein Phänomen in der Öffentlichkeit eine skandalisierende Wirkung erfährt, muss es nicht nur wahr sein, es muss auch stimmen. Es muss zur Stimmung passen. Und wenn diese eine bestimmte ist, ist auch das Maß ein ganz bestimmtes. Der moderne Mensch ist in nichts besser geübt als im Messen mit zweierlei Maß. Dabei ist diese Methode erst dann ungerecht, wenn wirklich dasselbe gemessen wird. Gerechtigkeit ist nicht Gleichheit, sondern Entsprechung. Ungleiches muss auch ungleich bemessen und bewertet werden – alles andere wäre ungerecht. Es ist also zu prüfen, ob tatsächlich relevante Unterschiede vorliegen, die eine unterschiedliche Bewertung rechtfertigen. Dabei ist mit beiden Augen auf das Phänomen zu schauen. Partielle Blindheit mag Stimmungen beleben, sie führt aber zwangsläufig an der Wahrheit vorbei.

Vielleicht meint man also, wenn man sich gegen den Galgen, nicht aber gegen die Guillotine wehrt, dass die reale Gefahr einer Exekution durch Pegida-Sympathisanten im Zweifel höher einzuschätzen ist als die reale Gefahr einer Exekution, durchgeführt von TTIP-Gegnern. Nur müsste man diese Einschätzung auch gut begründen, damit nicht der Eindruck entsteht, es werde systematisch eine Seite der Welt im Dunken gelassen, während man die andere Seite überbelichtet.

(Josef Bordat)

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