Tragisch. Entsetzlich. Verstörend. Aber nicht christlich!

16. Oktober 2015


Was in der „Word of Life Church“ geschah, gehört nicht nur in die Kategorie „Einzelfall“, sondern hat insbesondere mit Christentum und Kirche nichts zu tun.

In einer Veranstaltung der „Word of Life Church“ wurden Medienberichten zufolge zwei Jugendliche von ihren Eltern (und offenbar auch von weiteren Personen) so schwer misshandelt, dass eines der Opfer seinen Verletzungen erlegen ist. Die Täter wurden festgenommen, sie erwartet eine Anklage wegen Körperverletzung bzw. wegen eines Tötungsdelikts. Die Tat geschah offenbar im Zusammenhang mit einem Gespräch, in dessen Verlauf die Opfer ein reuevolles Bekenntnis ihrer Sünden hätten vornehmen sollen, dies aber mutmaßlich nicht taten, damit den Zorn der Eltern und anderer Tatbeteiligten heraufbeschwören, der sich dann in brutaler Gewalt entladen haben soll. Was ich denn dazu sage, wurde ich gefragt – offenbar in der Absicht, von mir zu hören: „Ja, so sind wir. Heute regnet es, aber gleich Montag, wenn hoffentlich wieder die Sonne scheint, gehe ich zum Bürgeramt und trete aus der Kirche aus.“ Dann hätte ich wohl zumindest über’s Wochenende meine Ruhe. Aber um die sollte es einem Christen nie in ersten Linie gehen. Also versuche ich mich an einer etwas ausführlicheren Antwort, aus der dann auch hervorgehen sollte, dass ich einen Kirchenaustritt einstweilen für die falsche Reaktion halte.

Denn: Eigentlich müsste ich mir diesen Schuh gar nicht anziehen, als katholischer Christ. Denn schließlich geht es nicht um die Katholische Kirche, sondern um die eigenartige „Word of Life Church“, die mit „Word of Life“ und „Church“ gerade soviel zu tun hat wie Kardinal Marx mit „WordPress“ und „Blog“. Es handelt sich bei der „Word of Life Church“ um eine 1981 von dem damals 22 Jahre alten Brian Zahnd gegründete Sekte, die keinerlei formale Beziehung zu christlichen Denominationen unterhält, auch nicht zu Gemeinschaften aus dem evangelikalen Spektrum. Das klingt nach einer regelrecht anti-katholischen (also: alles andere als allgemeinen) Privatinitiative eines Menschen mit gesteigertem Sendungsbewusstsein in eigener Sache. Dass sich in diesem Umfeld auch eigentümliche Glaubenslehren manifestieren können, ist eine Binsenweisheit. In der Katholischen Kirche gibt es einen festgelegten Ritus der Buße, in dem Gewalt keinen Platz hat (auch, wenn manchem Priester bei Abnahme der Beichte der Kragen platzen mag). Ein öffentliches Bekenntnis von Sünden kennt die Katholische Kirche nur in sehr allgemeiner Form. Die unmittelbare Sühne durch Gewalt ist ihr wesensfremd. Bei der „Word of Life Church“ scheint das anders zu sein. Von daher muss man schon eingangs differenzieren.

In der englischsprachigen Presse ist denn auch immer von der „Word of Life Church“ die Rede, damit jeder weiß, worum es geht. Da die deutsche Presse jedoch übereinstimmend von „Kirche“ („Eltern schlagen ihren Sohn in Kirche tot“, Die Welt; „Eltern sollen Sohn in Kirche totgeprügelt haben“; Spiegel Online) sprechen, entsteht zumindest in der deutschsprachigen Öffentlichkeit der falsche Eindruck, es ginge hier quasi um den Alltag unter Christen. Entsprechend springen die Kommentatoren auf diesen Zug auf. Aber dieser Fall mutmaßlichen Totschlags ist nicht nur ein Einzelfall, sondern er hat insbesondere mit „Kirche“ und Christentum nichts zu tun! Das sage ich auch und gerade vor dem Hintergrund, das nun von interessierter Seite eiligst versucht wird, das total kranke Verhalten der Eltern mit alt-israelitischen Erziehungsprinzipien und mit Züchtigungs- und Strafvorschriften aus der hebräischen Bibel (etwa dem Buch Levitikus) in kausale Verbindung zu bringen und das Ganze dann als christliche Durchschnittsexegese der Heiligen Schrift zu labeln. Um es deutlich zu sagen: Sollte irgendjemand meinen, in welcher Absicht auch immer – rechtfertigend oder bloßstellend – derartige Gewalttaten einerseits und andererseits Bibelverse des Alten Testaments mit christlicher Schleife zusammenbinden zu können, so leistet er sich eine der wohl dramatischsten Fehldeutungen der Heiligen Schrift, die man sich als Mensch leisten kann. Warum? Das will ich Ihnen sagen.

Ganz grundsätzlich ist es zunächst einmal so, dass man Bibelverse nicht aus dem textlichen und historischen Zusammenhang reißen darf, sondern diesen immer mitbedenken muss. Bei Levitikus handelt es sich um ein Buch mit zahlreichen Vorschriften, die Gott durch Mose für Sein Volk erlässt. Darunter befinden sich viele Vorschriften, die gegenüber vorrechtlich-anarchischen Zuständen durchaus fortschrittliche Regelungen enthalten, wie die Achtung älterer Menschen (Lev 19, 32), der Respekt vor Fremden (Lev 19, 33-34), der faire Handel (Lev 19, 35-36) u.v.a.m., aber auch harte Strafen für – aus der Sicht Gottes – schwere Verirrungen (Lev 20). Wenn wir das Buch Levitikus aus dem Alten Testament lesen und die dortigen Gesetze Alt-Israels als Handlungsanweisungen Gottes nach dem Verständnis des Mose, also eines Menschen aus der Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christus, verstehen wollen, dann müssen wir schauen, womit wir sie vergleichen. Die hermeneutische Methode legt nahe, die Vorschriften mit anderen Rechtstexten aus dieser Zeit zu vergleichen – und nicht mit unseren heutigen Vorstellungen von Gottes Gebot. Das wäre ahistorisch. Hier werden wir in der Summe und bei redlicher Betrachtung feststellen können, dass es sich bei der Satzung Alt-Israels – bei aller Kritik, die wir über 3000 Jahre später formulieren können – um einen zivilisatorischen Fortschritt handelte, schon deshalb, weil es sich überhaupt um verbindliche Normen handelt, die Willkür und Selbstjustiz einzudämmen halfen. Aber die Vorschriften sind eben historisch und heute nicht mehr bindend. Bereits Jesus brach mit einigen Regeln bzw. deutete sie um, so dass klar wurde: Das Gesetz ist für den Menschen da. Nicht umgekehrt.

Diesen Anspruch, dem Menschen zu dienen, verband Mose aber auch mit der Satzung, im Vertrauen auf Gott, schließlich musste er mit ansehen, wie die Israeliten immer wieder machten, was sie wollten. Das ganze Alte Testament ist voller Bespiele dafür, wie Menschen (einzeln oder in Gruppen), die Gott zum Heil beruft, dieses Heilsangebot ausschlagen und sich damit selbst ins Unheil stürzen. Zudem sollten die (für einen Christen mit Kenntnis des Neuen Testaments und der Ethik Jesu) kaum mehr nachzuvollziehenden Vorschriften über die „Reinheit“ (hinsichtlich Essen, Trinken, Kleidung, Hygiene, Sexualität) zur „Heiligkeit“ führen, da alt-orientalische Religionen (und zwar alle) nicht zwischen (Alltags-)Kultus und (religiösem) Ritus unterschieden. Das Dasein war Gottesdienst, nicht im übertragenen Sinne (das ist es für Christen auch), sondern im Sinne konkreter Lebenspraxis. Insoweit hat Gott das Recht (und auch die Pflicht, da er sonst den Weg zu sich verdunkeln würde), über den Ritus wie den Kultus möglichst genaue Regeln zu erlassen und bei Verstößen harte Konsequenzen anzudrohen – so das Verständnis in Alt-Israel. Wer sich an die Gebote Gottes hält, hat daraufhin das Heil zu erwarten, wer mutwillig dagegen verstößt, das Unheil. Diese Sicht verschafft dem Judentum bis heute seine Identität. Beim Christentum liegt die Sache etwas anders.

Es ist richtig, dass das Christentum aus dem Judentum hervorging, was aber eben sogleich anzeigt, dass es einen Unterschied geben muss (sonst hätte hier nichts „hervorgehen“ müssen, man hätte einfach weiter gemacht wie bisher). Damit sich diese Differenz auch in der Kirche und der Lebensweise der Christen niederschlägt, war die Christenheit von Beginn an bemüht, der von Jesus selbst vorgenommenen Abgrenzung zum Judentum und zum Lebensstil der Juden eine sichtbare Gestalt zu geben. Bereits Mitte der 40er Jahre fand dazu ein Treffen statt – die erste Synode der Kirche, wenn man so will. Auf dem Jerusalemer Apostelkonzil wurde das Verständnis der Urgemeinde Jesu Haltung zum Judentum betreffend intensiv diskutiert, sicherlich so kontrovers wie in diesen Tagen in Rom. Dabei wurde die Hauptstreitfrage zwischen den Judenchristen (vertreten durch Petrus, Jakobus und Johannes) und den Heidenchristen (vertreten durch Paulus) geklärt, ob es den direkten Weg der Heiden zur Christengemeinde geben kann (durch die Taufe) oder ob die Heiden zuvor erst Juden werden, sich also z.B. beschneiden lassen müssten. Das Konzil entschied sich für die Gleichberechtigung von Juden- und Heidenchristen und bewirkte so die sichtbare Eigenständigkeit des Christentums. Es ebnete damit den Weg für die Völkermission in Europa und legte den Grundstein zur kulturübergreifenden Universalkirche. Im Ergebnis steht: Paulus hat sich mit seiner Deutung der Botschaft Jesu durchgesetzt; nicht einmal die Jakobusklauseln (Apg 15, 22-29) konnten sich langfristig halten (von den Zeugen Jehovas und anderen Splittergruppen einmal abgesehen). Doch da ging es nicht um Gewalt, sondern um Reinheits- und Speisevorschriften. Paulus lehnt aber auch diese Restbestände an rituellen Regeln explizit ab und betont im Ersten Korintherbrief mehrmals deren Hinfälligkeit (1 Kor 8, 1-13 und 1 Kor 10, 14-33). Andererseits empfiehlt er den Heidenchristen der Gemeinden in Korinth und auch in Rom (die Paulus ob ihrer inneren Freiheit von der rituellen Form für die eigentlich „starken“ Christen hält) zur Wahrung der Einheit die Spreisevorschriften freiwillig einzuhalten, um die „schwachen“ Judenchristen, die derartige Regeln brauchen, nicht im Glauben zu gefährden und aus der Gemeinde zu treiben („Reiß nicht wegen einer Speise das Werk Gottes nieder! Alle Dinge sind rein; schlecht ist es jedoch, wenn ein Mensch durch sein Essen dem Bruder Anstoß gibt. Es ist nicht gut, Fleisch zu essen oder Wein zu trinken oder sonst etwas zu tun, wenn dein Bruder daran Anstoß nimmt“, Röm 14, 20-21). Ein wenig Entgegenkommen aus Höflichkeit – mehr ist vom Judentum in der christlichen Lebenspraxis nicht geblieben. Keine Normen im engeren Sinne, schon gar nicht ein Mandat irgendwelcher „Gewaltgebote“!

Der Alte Bund ist aber nicht aufgelöst, sondern er bleibt bestehen. Was bedeutet das? Entscheidend für das Christentum ist die Deutung des Gesetzes im Lichte des Evangeliums. Für den Christen, der dem Alten Testament nicht ganz gleichgültig gegenüberstehen kann (ich teile jedenfalls die Einschätzung nicht, das Alte Testament sei durch das neue Licht, den neuen Weg zu Gott, durch Jesus Christus, komplett „überholt“ – das ist theologisch falsch, denn es widerspricht den vielen Bezügen von Altem und Neuem Testament), gilt es, das dort enthaltene Ethos an der Ethik Jesu zu spiegeln. Bezogen auf „Verirrungen“ – theologisch würde man auch „Sünden“ sagen – gilt nach Christus: Hasse die Sünde, liebe den Sünder! Diese Liebe markiert nur scheinbar etwas völlig Neues, knüpft sie doch an die zivilisatorische Leistung an, spitzt sie jedoch so zu, dass echter Fortschritt entsteht. Echter Fortschritt in der Moral kann nämlich nur dort entstehen, wo ein Übergang vom reziproken Rechtsprinzip der Vergeltung zum Grundsatz des Wünschenswerten stattfindet. Nicht mehr Gleiches mit Gleichem zu beantworten (nach dem alttestamentlichen ius talionis, also „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, Dtn 19, 21), sondern zu erkennen, dass die Fortschreibung von moralisch falschem Verhalten nur in der empathischen Haltung dem Anderen gegenüber durchbrochen und nur in der Bezugnahme auf das Erwünschte überwunden werden kann, stellt eine neue Form des Umgangs miteinander dar, die alle Möglichkeiten friedlich-kooperativen Zusammenlebens eröffnet. Diese Umgangsform lehrt Jesus Christus, nicht zuletzt in Gestalt der Goldenen Regel („Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, also tuet auch ihr ihnen“, Mt 7, 12), vor allem aber durch Seine bedingungslose Liebe und Hingabe. Die Zehn Gebote werden auf ihre Basis, die Gottesliebe und die Nächstenliebe, zurückgeführt, das Gesetz, das erfüllt werden muss, erfüllt sich in der Liebe. Jesu Einstellung zu den Sündern und die Bereitschaft – entgegen der Reinheitsvorschriften – mit ihnen zu speisen und sie damit in die (Mahl-)Gemeinschaft aufzunehmen, ein Kernpunkt der Ethik Jesu, wird verdeutlicht an der Berufung eines Zöllners, und der hieß – dreimal dürfen Sie raten – Levi (Lk 5, 27-32)! Dieses pikante Detail im Hinblick auf die Behandlung der Sünder verdeutlicht die Wendung, die durch Christus in die Welt kommt.

Was ist aber nun – positiv gesprochen – für den Christen zentral? Darauf gibt es eine theologisch recht einfache Antwort: Das, was Jesus den Jüngern gesagt hat, so wie es in den Evangelien steht, ist wichtig. Bedeutend ist darunter vor allem das, was Christus selbst als wichtig, als Kern Seiner Botschaft bezeichnet und als bedeutend eingeführt hat, mal durch bestärkende Rhetorik („Amen, ich sage euch…“), mal ganz offen, wie etwa bei der Frage nach dem „wichtigsten Gebot“ (Mt 22, 36-39). Weiterhin ist zentral, was Christus all denen mit auf den Weg gegeben hat, die Ihm folgen und zu Ihm halten möchten, die so genannten „Abschiedsreden“ (Joh 13-17). Kernpunkte sind der Dienst (Fußwaschung, Joh 13, 1-20) und die Liebe (Joh 13, 34; Joh 15, 17: „Dies trage ich euch auf: Liebt einander!“) sowie die Einheit von Vater und Sohn, von Sohn und Gemeinde durch den Geist (Joh 14, 15-31). Alles muss sich fortan an diesen Stellen messen lassen. Man erkennt nun leicht, dass es einem Christen schwer fallen dürfte, das Buch Levitikus als Aufforderung zur Gewalt zu missdeuten, weil im Spiegel der Barmherzigkeit, die in Jesu Botschaft der Liebe hervorsticht, aber auch der Gewaltlosigkeit Seines Auftretens sich schlussendlich ein ganz anderes Bild ergibt. Sowohl die Theologie als auch die Pastoral haben das erkannt und weisen vielstimmig darauf hin. Nur einige Sekten scheinen in diesem Chor nicht mitzusingen.

Wie aber verhält sich die Barmherzigkeit, die uns Jesus nicht nur lehrt, sondern auch lebt, mit Seiner Rolle als Rabbi? Schließlich will auch Jesus das mosaische Gesetz nicht abschaffen, sondern erfüllen. Damit gerät Er in den Verdacht, auch nicht besser zu sein als die alttestamentliche Väter-Generation. Lässt sich hier nicht eine Brücke bauen zwischen Christentum und Gewalt? Schon die Pharisäer sahen hier eine Chance, Jesus in Widersprüche zu verwickeln und zu diskreditieren – entweder als Jude (wenn Er sich nicht an das Gesetz des Mose halten wolle) oder als Reformator (wenn er sich – ganz traditionell – doch an das Gesetz des Mose halten wolle). Jesus selbst sagt ja ganz deutlich, Er sei nicht gekommen, „um das Gesetz und die Propheten aufzuheben“, sondern „um zu erfüllen“ (Mt 5, 17). Und weiter: „Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich“ (Mt 5, 18-19). „Amen, ich sage Euch…“ – Es ist Ihm also wichtig, dass das Gesetz bestehen bleibt. In der Tat: Das Gesetz und die Propheten werden durch Christus nicht aufgelöst, sondern erfüllt. Die Frage ist: Wie erfüllt Christus das Gesetz? Die Antwort lautet: In der Liebe! Jesus sagt einem Pharisäer (also einem, der sich mit dem Gesetz gut auskennt), dass „das ganze Gesetz samt den Propheten“ am Doppel-Gebot der Gottes- und Nächstenliebe „hänge“ (vgl. Mt 22, 34-40). Es hängt also ganz von der Liebe ab – darin besteht die Erfüllung. Und wer die Stelle in Mt 5 weiterliest, merkt sehr schnell, dass Jesus gleich darauf zu sprechen kommt, dass Er sich (im Geist der Liebe) eine Gerechtigkeit wünscht, die über die Buchstaben des Gesetzes weit hinausgeht (vgl. Mt 5, 20), ohne dass dadurch die Buchstaben des Gesetzes bedeutungslos würden.

Nur: Sie müssen richtig gedeutet werden! Richtig heißt: in Liebe! Der entscheidende Wendepunkt in der Ethik Jesu ist also nicht die Geltung des Gesetzes selbst (die bleibt), sondern die Auslegung des geltenden Gesetzes in Gerechtigkeit und Liebe (das ist neu). Es steht bei der Auslegung eines Gesetzes – und das erkannte Jesus – immer Barmherzigkeit gegen Buchstabentreue. Die Barmherzigkeit überwiegt bei ihm, weil sie bei Gott überwiegt. Das begründet die Spannung zwischen Ihm und den Seinen auf der einen Seite und den Pharisäern auf der anderen Seite, die Jesus oft für ihren inhaltsleeren Formalismus gerügt hat. Jesus kommt mit Seiner Ethik etwa zu dem Schluss, dass Heilen und Versorgen wichtiger ist als die Sabbatruhe, die im Dekalog immerhin an prominenter Stelle (3. Gebot) genannt wird und der in Exodus 20 genauso viele erläuternde Verse gewidmet sind (Ex 20, 8-11) wie Mord, Ehebruch, Diebstahl und Lüge zusammen (Ex 20, 13-16). Es ist also nicht so, dass Jesus keinen Respekt vor dem Sabbat gehabt hätte, sondern dass er abwägt. Es muss einen guten Grund geben, die Ruhe des siebenten Schöpfungstages zu brechen – eine Frau, die „seit achtzehn Jahren krank war“ (Lk 13, 11), ein Mann, „dessen Hand verdorrt war“ (Mk 3, 1) oder hungrige Menschen (Mk 2, 23-28). Fest steht in diesen Fällen: Barmherzigkeit ist wichtiger als Gehorsam dem Wortlaut einer Norm gegenüber, oder wie Jesus den Pharisäern mitteilt: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat“ (Mk 2, 27).

Eine besondere Zuspitzung, ja geradezu ein dramaturgischer „Show-Down“ zwischen den beiden Auslegungsschulen findet sich im Johannes-Evangelium, in der Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin (Joh 8, 1-11). Man muss dazu wissen, dass es Jesus mit dem Verbot des Ehebruchs sehr ernst ist. Es ist auch in Seinen Augen keineswegs eine Bagatelle, die schon wegen Geringfügigkeit straffrei bleiben muss. Vielmehr verschärft Er in gewisser Weise das Gesetz des Mose an diesem Punkt: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen“ (Mt 5, 27-28). Diese Verschärfung ist zugleich eine sehr lebensnahe Warnung nach dem Motto „Wehret den Anfängen!“ Jesus betrachtet die Tat auf der intentionalistischen Ebene („im Herzen“) und führt sie auf ihren eigentlichen Beginn zurück. In der Tat ist nicht der vollzogene Geschlechtsverkehr das eigentliche Problem, sondern der Wille, die Absicht, die zu ihm führt. Der lüsterne Blick ist der erste Schritt ins Verderben. Hier gilt es anzusetzen, bei der Einstellung, der Haltung. Jesus spricht hier in einer psychologischen Klugheit, die an Klarheit und Wahrheit das mosaische Gesetz weit übertrifft. Also: Für Jesus ist die Ehe ein hohes, kostbares Gut, so hoch und so kostbar, das nichts sie gefährden soll. Jesus wendet sich denn auch nicht gegen das Gesetz des Mose, das die Ehe ebenfalls schützen will, sondern gegen die Selbstgerechtigkeit derer, die es unbedingt anwenden wollen, die ohne Gnade sind – „hartnäckig“, wie Johannes schreibt (Joh 8, 7). Das Gesetz gilt und Steinigungen fallen auch nicht prima facie aus, doch beides wird in Beziehung gestellt zur Richter-Attitüde der Pharisäer und der Fehlbarkeit („Sündhaftigkeit“) des Menschen. Jesus geht es um die strengen Bedingungen, unter denen überhaupt nur an eine Anwendung des Gesetzes gedacht werden kann: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie“ (Joh 8, 7). Wir sind alle Sünder, diese Einsicht wächst mit der Lebenserfahrung („Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten“, Joh 8, 8). Wir sollten also nicht in einer absoluten Weise richten – und was könnte absoluter sein als die Todesstrafe. Das ist allein Gottes Sache. Jesus geht mit der menschlichen Hybris ins Gericht, in letztgültiger Weise über Menschen urteilen zu können. Er sprengt die engen Grenzen der Rechtsnorm-Rechtsfolge-Logik, die eine menschliche Denkweise kennzeichnet, in der es nicht mehr um „gut“ und „böse“ geht, sondern nur noch um „strafbar“, die daher nicht auszubrechen imstande ist aus dem Konnex von Schuld und Strafe, von Vergehen und Verurteilen – und in der Vergeben keine Rolle spielt. Im Ergebnis steht: Das Gesetz bleibt – Ehebruch bleibt Ehebruch –, aber es siegt die Barmherzigkeit. Die Ehebrecherin wird als Sünderin nicht verurteilt (Joh 8, 11), wohl aber der Ehebruch als Sünde. So deutet Christus nach dem Gnadenerweis wieder zurück auf das Vergehen: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8, 11). Damit bestärkt er das Gesetz, das jene Sünde verhindern soll. Die Ehebrecherin erhält ihre Bewährungschance – nicht gegen das Gesetz, sondern mit dem Gesetz. Das Gesetz bleibt (Mt 5, 17), aber es wird um den Aspekt der Gerechtigkeit (Mt 5, 20),vor allem aber um den Aspekt der Liebe erweitert, die sich in der tätigen Barmherzigkeit Jesu gegenüber der Ehebrecherin zeigt. Allgemein zeigt sie sich immer dort, wo unter bestimmten Umständen um Gottes und um des Menschen willen auf die buchstabengetreue Anwendung von Normen verzichtet wird.

Soweit die Theorie. Und die Praxis des Christentums? Ist die nicht voller Gewalt, durch Manipulation und Indoktrination perpetuiert von Generation zu Generation? Die Wissenschaft sagt etwas anderes. Sie hat festgestellt: Kinder, die im christlichen Glauben erzogen werden, lehnen psychische und physische Gewalt entschiedener ab als ihre Altersgenossen, die eine Erziehung nach anderen Grundsätzen genießen. Weiterhin sind sie hilfsbereiter. Das ergab 2014 eine interdisziplinäre Studie, für die Forscher von mehreren deutschen Universitäten 1377 Kinder im Alter von acht bis neun Jahren sowie deren Eltern befragten. 72 Prozent der christlich erzogenen Kinder lehnen es ab, ein anderes Kind zu mobben – bei den Kindern nicht-christlicher Eltern sind es 65 Prozent. 81 Prozent der Kinder, die mit christlichen Werten groß wurden, sind auf keinen Fall bereit, aus Spaß ein anderes Kind zu schlagen – bei den Kindern aus der Kontrollgruppe gaben das 76 Prozent an. 43 Prozent der Kinder, die gelernt haben, an den christlichen Gott zu glauben, gaben an, ihr Taschengeld mit Bedürftigen teilen zu wollen, bei den anderen Kindern waren es nur 26 Prozent. Religion sei ein wichtiger Faktor für die Vermittlung von Werten, folgerten die Experten der Forschungsgruppe Religion und Gesellschaft aus diesen Befunden. Den Wissenschaftlern zufolge können diese auch ein Beleg dafür sein, dass die kirchliche Begleitung von Kindern einen wichtigen Teil zur Werteerziehung leisten kann.

Mit Gewalt, Mensch, sollst du nichts zu tun haben, von Gewalt halte dich fern. Das sagt uns Jesus Christus. Für mich steht daher fest, dass jeder, der meint, Gewalt mit Gott, mit Jesus Christus rechtfertigen zu können, dem wohl größtmöglichen Irrtum unterlegen ist, dem ein Mensch überhaupt unterliegen kann. Ich denke, dass in der Kirche die meisten Menschen dieser Ansicht sind. In der Katholischen Kirche zumindest. Für die „Word of Life Church“ lege ich meine Hand nicht ins Feuer. Denn das ist eine andere Sache, eine ganz andere. Ich hoffe, das ist verstanden worden. Und ich hoffe, es wird verstanden, warum ein Katholik seiner Kirche nicht den Rücken kehrt, wenn in komischen Sekten abstruse Glaubenslehren zu strafbaren Handlungen führen. Also: Ich gehe nicht zum Bürgeramt. Auch, wenn es gerade zu regnen aufgehört hat.

(Josef Bordat)

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