Ein Zeichen

20. Oktober 2015


Kein Programm

Navid Kermani, der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, hat die Festgemeinde bei der Preisverleihung zum Gebet aufgerufen – für Frieden und Freiheit in Syrien und im Irak, ganz ausdrücklich für die dort vom Islamischen Staat entführten Christen. So schön diese Geste und so wichtig das Anliegen – allein die Tatsache, dass ein Muslim der deutschen Öffentlichkeit das Thema Christenverfolgung nahebringt, ist außergewöhnlich und ehrenwert (da schließe ich mich Monika Metternich an) -, ein dünnes Haar finde ich doch in der Harmoniesuppe.

Es betrifft weniger das Gebet selbst und schon gar nicht dessen Intention, sondern dessen voreilige Ausdeutung als Beispiel für Gemeinsamkeit, ja, Einheit der Religionen für den Frieden, bis in den Ritus hinein, dort also, wo es die vollumfängliche Einheit nicht einmal unter Christen gibt. Es ist wohl einer modernen Unkenntnis und allgemeinen Oberflächlichkeit in religiösen Fragen geschuldet, wenn nun zu hören ist: Seht ihr, so geht es doch auch! Stellt Euch mal nicht so an, mit Gottesbild und Wahrheit! Schließt Kompromisse! Ein Gott, ein Gebet, ein Glaube!

So einfach ist es aber nicht. Der Grundsatz lautet: Gemeinsam debattieren, getrennt zelebrieren. Wir können zusammen über alles reden, aber nicht zusammen beten. Ausnahmsweise vielleicht. Aber nicht als rituelle Regel. Und dann – das weiß der feinsinnige und hochgebildete Kermani – im Schweigen, ohne Worte. Die Stille ist die Form, in die dann jeder sein Gebet, seinen Gedanken hineinlegen kann. Sobald man in Worten zu Gott spräche, zeigte sich die Differenz.

Diese Differenz gilt es nicht zuzudecken, sondern auszuhalten. Versöhnte Verschiedenheit ist ehrlicher als das Streben nach Einheit, wo es keine geben kann. Das gilt für die Ökumene der christlichen Konfessionen und erst recht unter den monotheistischen Religionen. Wie gesagt: Das Gebet in der Frankfurter Paulskirche ist und bleibt ohne Zweifel ein wunderbares Zeichen. Mehr kann es aber nicht sein.

(Josef Bordat)

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