Was Menschen denken

22. Oktober 2015


Oder: Wohin mit dem Hass?

Es gibt Geschichten, in denen geht es darum, dass Menschen mit allen erdenklichen Mitteln versuchen, die Wahrheit über Einstellungen, Haltungen und Meinungen anderer Menschen zu erfahren. Es wird erzählt, wie Könige sich unter ihr Volk mischen, um zu erfahren, was die Menschen denken, was sie als Untertanen von der Regentschaft halten. Ganz ehrlich. Was reden sie untereinander, wenn sie unter sich sind, wenn sie sich unbeobachtet fühlen? Was sind die Gesprächsthemen auf dem Markt, in der Gaststätte? Für wen halten mich die Menschen? Diese bange Frage bekommt der König beantwortet. Auch Jesus fragt seine Jünger: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ (Mt 16, 13).

In der Moderne haben ganze Staaten einen Großteil der humanen und materiellen Ressourcen aufgewendet, um zu erfahren, wie Menschen denken. Wie sie wirklich denken. Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR beschäftigte fast 100.000 offizielle und noch einmal doppelt so viele inoffizielle Mitarbeiter, um etwas über die Stimmung im Volk herauszufinden. Ein gigantischer Apparat entstand, um nur eine Frage zu klären: „Was denken die Menschen?“ Daran schließen sich freilich Fragen an („Was haben sie vor?“ und „Wie können wir das, was uns daran nicht gefällt, erfolgreich verhindern?“), aber zunächst wollte die Stasi wissen, was gedacht und gesprochen wird – draußen im Lande.

Im demokratischen Westen hatte die Demoskopie diese Aufgabe übernommen, allerdings mit weit mäßigerem Erfolg hinsichtlich der Validität ihrer Ergebnisse. Denn: Eine Meinungsumfrage ist eine Situation, in der viele Menschen nicht das sagen, was sie denken, sondern das, von dem sie denken, es werde erwartet, dass sie es sagen. Man will ja nicht anecken. Dieser Faktor, den die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann „Schweigespirale“ nannte, muss bei quantitativen Analysen nachträglich korrigiert werden. Dennoch kann es Überraschungen geben – zum Beispiel bei einem signifikant vom Umfragewert abweichenden Wahlergebnis einer extremistischen Partei.

Bei qualitativen Forschungen konnte man nur spekulieren, ob die Wahrheit gesagt wurde oder ob nicht vielleicht doch das eine oder andere weit schärfer formuliert sein würde, wäre die Gesprächssituation eine andere oder der Fragebogen kein Fragebogen, sondern ein geheimes Tagebuch. Ich sage: „konnte“. Denn das ist heute nicht mehr nötig. Wir erfahren zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, wie Menschen wirklich denken. Die Anonymität – oder das Gefühl davon – sorgt dafür, dass die Menschen bei Diskussionen im Internet kein Blatt vor den Mund nehmen. Ungefiltert, ohne Schere im Kopf, ohne jede zivilisatorisch angeeignete Selbstzensur, wird genau das gesagt, was gedacht wird. Das ist wertvoll, auch, wenn es bisweilen schmerzlich irritiert, was Menschen zu denken in der Lage sind.

Aber ist es wirklich besser, dies gar nicht wissen zu wollen? Wäre das nicht so, als kappe man die Kabel einer Alarmanlage, damit endlich wieder Ruhe herrscht? Wenn wir wirklich wissen wollen, was in den Köpfen der Menschen vorgeht, dürfen wir sie nicht verschrecken, indem wir ihnen ihr ohnehin trügerisches Sicherheitsgefühl nehmen und sie in ihrem Äußerungsdrang ausbremsen. Der Hass, von dem wir erstmals so umfassend unterrichtet werden, kehrte sich wieder nach innen. Ist er dort besser aufgehoben? Ist es gut, wenn er dort vor sich hin brodelt und nicht einmal mehr ein verbales Ventil finden? Es ist sicherlich nicht gut, wenn Menschen beleidigt und bedroht werden, aber ist es besser, wenn man stattdessen gleich zur Tat schreitet?

Ich weiß nicht, was in der Summe besser ist: eine Gesellschaft, in der Hass einen Platz bekommt, damit möglicherweise entlastend wirkt, aber eben auch aufwiegelnd, oder eine Gesellschaft, in der man sich, wenn man Hass in sich trägt, auf die Zunge beißen muss oder eben ganz aus dem Diskurs ausscheidet, dadurch auf sich selbst zurückgeworfen ist – ohne Korrektiv, denn es gibt ja ohne Äußerung von Hass Niemanden, der weiß, dass und was und wie man hasst – und dann möglicherweise dem Druck nicht standhält, so ganz ohne Möglichkeit von Aus-Druck.

Man weiß ja, dass Amokläufer oft als sehr verschlossen und unauffällig beschrieben werden und nie ein Wort des Hasses über ihre Lippen kam. Man weiß aber auch, dass Amokläufe oft in den USA stattfinden, in einem Land, dass Meinungsfreiheit auch im Modus von Hass achtet und schützt, so dass sie ihrem Hass hätten Ausdruck geben können, es aber nicht taten und stattdessen zur grausamen Tat schritten. Die Frage ist also: Wohin mit dem Hass, von dem sich offenbar einige Menschen (einige wenige!) leiten und bestimmen lassen? In den gewaltsamen Sprechakt oder (möglicherweise) direkt in den Gewaltakt?

Wäre es also sinnvoll, grundsätzlich keine strafrechtliche Verfolgung von Äußerungen in bestimmten Foren und Sozialen Medien vorzunehmen, um dem Hass einen Ort zu geben (und allen, die mit empirischer Sozialforschung zu tun haben, auch)? Oder wäre das ein zu großes Risiko? Oder ist das alles viel zu konsequentialistisch gedacht und übersieht, dass man damit Würdeverletzungen perpetuierte, ja, gewissermaßen gar förderte? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins: „Du sollst nicht hassen!“ funktioniert nur dort, wo auch das Liebesgebot entsprechend ernst genommen wird: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander!“ (Joh 13, 34). Und das ist in unserer Gesellschaft nicht der Fall. Wir müssen also mit dem Hass, von dem wir jetzt ungeschönt und lupenrein erfahren, umgehen. Irgendwie.

(Josef Bordat)

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