Leben gegen Leben

26. Oktober 2015


Der Tatort „Preis des Lebens“ (Stuttgart), der gestern ausgestrahlt wurde, behandelt ein moralisches Dilemma: Soll man in einer Konstellation, in der das Leben eines geliebten Menschen gegen das Leben eines brutalen Straftäters steht, handeln dürfen, um das Leben des geliebten Menschen zu retten, indem man das andere Leben opfert? Die Antwort, die Hauptkommissar Sebastian Bootz in dem Fernsehfilm gibt, lautet: Nein.

Denn, wie Bootz am Ende des Tatorts in der Schlüsselszene sagt: Er trägt keine Verantwortung an der Lage, insbesondere nicht dafür, dass der Entführer seiner Tochter diese möglichweise tötet. Dass er seine Tochter rettet, kann nicht erwartet werden (auch, wenn ihre Mutter, Bootz‘ Ex-Frau Julia, so etwas zu unterstellen scheint), wohl aber, dass er alles unterlässt, was das Leben des ihm anvertrauten Strafgefangenen gefährdet.

Dessen Leben – das ergibt sich eindeutig aus dem Handlungsverlauf – ist sicher in Gefahr, wenn sich Bootz auf den Deal einlässt und den Straftäter zu der Person führt, die sich geschworen hat, an ihm, dem Straftäter, Rache zu üben. Bootz‘ Kollege Lannert spricht gar davon, dass um eine Auslieferung zur Hinrichtung geht. Andererseits ist – auch danach lässt die Handlung keinen Zweifel – der Rächer fest entschlossen, seinen Plan zu verwirklichen und ein Scheitern ohne weiteres zum Anlass zu nehmen, die Tochter des Hauptkommissars zu töten.

Bootz ist verzweifelt. Wie könnte er angesichts des Dilemmas auch die Nerven bewahren. Doch am Ende legt er das Problem ethisch sauber auseinander: Er hat in der Situation, in die nicht er, sondern der Entführer ihn gebracht hat, zunächst einmal eine konkrete Verantwortung für das Leben des Straftäters, so widerlich dieser sein mag. Seinen Tod müsste er, Bootz, sich zurechnen lassen, wenn er handelt. Für das Leben seiner Tochter hat er allenfalls eine abstrakte Verantwortung, ihren Tod verschuldet der Entführer, wenn er an ihr zum Mörder wird – nicht aber Bootz, wenn er nicht handelt.

Dass er sich auf die Forderung des Entführers nicht einlässt, mag im ungünstigesten Fall die Rettung seiner geliebten Tochter verhindern, sie zu retten fällt aber in dieser Sitution nicht in seinen konkreten Verantwortungsbereich. Das ist Sache des Entführers, denn nur er kann in dieser Situation entscheiden, was mit ihr geschieht. Er kann sie verschonen. Es liegt bei ihm.

Bootz muss also zunächst alles unterlassen, was das Leben des Straftäters gefährdet, ehe er dazu übergeht, an Handlungen zu denken, die das Leben seiner Tochter retten. Nur Unterlassungsgebote gelten absolut, Handlungsgebote sind immer Gegenstand von Abwägungen. Das sagt Robert Spaemann, der sich als Moralphilosoph intensiv mit dem Thema des gestrigen Tatorts befasst hat.

Der Tatort macht deutlich – vielleicht viel deutlicher, als es eine ethische Abhandlung je könnte – wie schwierig es ist, ein als gut erkanntes moralisches Prinzip durchzuhalten, wenn man selbst betroffen ist. Natürlich ist der Entführer (und dessen Frau) grundsätzlich ein Gegner der Todesstrafe – und er vollstreckt sie doch. Natürlich würde auch Julia nicht behaupten, man dürfe einen Menschen opfern, um einen anderen zu retten – genau dafür plädiert sie aber, weil der andere ihre Tochter ist.

Wieder einmal ein Tatort mit ethischem Tiefgang. Hervorragend!

(Josef Bordat)

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