Ihr Votum für das Leben – jetzt und in Zukunft!

27. Oktober 2015


Offener Brief an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages zur Abstimmung über die gesetzliche Regelung der Suizidbeihilfe am 6. November.

Sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages,

am 6. November werden Sie über die gesetzliche Regelung der Suizidbeihilfe abstimmen. Sie entscheiden in dieser schwierigen Frage nach Ihrem Gewissen. Ich bitte Sie, bei Ihrer Entscheidung – die Sie sicher vor Ihrem Gewissen intensiv prüfen – folgende Aspekte zu berücksichtigen, die ich an anderer Stelle bereits ausführlich begründet habe:

1. Aus Würde folgt Freiheit, nicht umgekehrt.

Selbstbestimmung ist kein absoluter Wert. Absolut ist allein die Würde des Menschen. Sie ist zu achten und zu schützen. Immer. Dies geschieht in erster Linie dadurch, dass die Bedingung der Möglichkeit von Würde – das Leben selbst – unter allen Umständen geachtet und geschützt wird.

Dieser Gedanke stammt aus dem Christentum. Er lässt sich aber auch in der säkularen Ethik Kants aufweisen. Schließlich hat er Eingang gefunden in unser Grundgesetz, in die Präambel („Verantwortung vor Gott und den Menschen“) und in der höchsten und vordersten Stellung, die das Grundgesetz der Würde zuspricht („Die Würde des Menschen ist unantastbar“, Art 1 Abs 1 Satz 1 GG). Diesem Würdekonzept haben sich auch die Freiheitsrechte zu unterstellen.

Wenn wir das akzeptieren, dann müssen wir dort die Grenze für Freiheit und Selbstbestimmung ziehen, wo die Würde und das Leben des Menschen gefährdet sind. Das ist bei allen aktivischen Formen der Sterbehilfe – gleich welcher Art, ob als Beihilfe zur Tötung oder als Tötung auf Verlangen – ohne jeden Zweifel der Fall.

2. Selbstbestimmung führt zu Fremdbestimmung.

Ärzte, Pflegepersonal und Angehörige, aber auch die Menschen, denen man „helfen“ will, geraten durch die Möglichkeit der Sterbehilfe unter einen kaum kalkulierbaren psychischen und sozialen Druck. Berichte über Erfahrungen in den Niederlanden zeigen das überdeutlich.

Die Folgen zeigen sich in der Alltagsmoral, im Umgang mit kranken und alten Menschen und vor allem auch mit deren Angehörigen, die ja schließlich „helfen“ könnten. Es steht zu befürchten, dass mit der Akzeptanz von Sterbehilfe in Form eines ausdrücklich erlaubenden Gesetzes der Druck auf kranke und alte Menschen immer mehr zunehmen wird, doch bitte „sozialverträglich“ aus dem Leben zu scheiden, beziehungsweise auf Angehörige, ihnen dabei zu „helfen“. Mit dem Recht, Sterbehilfe beanspruchen beziehungsweise leisten zu können, korrespondiert nämlich die Pflicht zur Rechtfertigung, warum man diese Möglichkeit nicht realisiert. Schließlich gibt es sie ja.

Am Ende steht eine Gesellschaft, die kein echtes Mitgefühl mehr kennt, und die nicht mehr weiß, was Trost bedeutet.

3. Aktivische Sterbebeihilfe impliziert aktive Sterbehilfe.

Wer das nicht will, muss bereits jetzt einhalten. Sonst stehen wir in einigen Jahren vor einer anderen Frage, die sich aber direkt aus der jetzt zu entscheidenden Frage ergibt: Soll aktive Sterbehilfe erlaubt sein?

Es wird schon ziemlich bald um das Töten auf Verlangen gehen, das im Sinne der Gleichbehandlung aller zu erlauben sein wird. Denn mit welchem Recht ermöglicht man einem Teil der suizidalen Menschen das, was man dem anderen Teil verwehrt? Mit welchem Recht unterscheidet man zwischen denen, die noch selbst die Hand zum Mund führen oder sich selbst die Todesspritze setzen können, und denen, die das nicht mehr können, aber dennoch sterben wollen? Das ist Diskriminierung.

Sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages,

Sie werden erkennen, dass mit diesen drei Aspekten bestimmte Gesetzentwürfe in offenem Widerspruch stehen. Der einzige mir bekannte Entwurf für eine Neufassung des § 217 StGB, der allen drei Aspekten hinreichend gerecht wird, ist der von Patrick Sensburg, Thomas Dörflinger et al. (Drucksache 18/5376). Ich bitte Sie, in diesem Sinne um Ihr Votum für diesen Gesetzentwurf.

Mit diesem Votum erheben Sie Ihre Stimme für das menschliche Leben und unterstreichen, dass es einen unendlichen Wert hat. Mit diesem Votum machen Sie deutlich, dass es nicht darum gehen kann, das Urteil eines verzweifelten Menschen über den eigenen „Lebensunwert“ zynisch als „Selbstbestimmung“ zu verklären. Mit diesem Votum sichern Sie das Fundament unserer Rechtsordnung: die Achtung und den Schutz der unantastbaren Würde des Menschen. Dahinter gibt es kein Zurück. Nicht jetzt, und auch nicht in Zukunft.

Herzliche Grüße,
Ihr
Josef Bordat

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