Alles Wissenswerte zum Lichterfest

30. Oktober 2015


In ein paar Tagen ist es wieder soweit: das „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ steht an. Es geht auf einen Dialog zwischen Karl dem Großen und Stefan Effenberg zurück, die gemeinsam ein Spiel der Oberliga Nord-Nordost schauen und eine vergebene Möglichkeit (Freistoß aus 18 Meter Torentfernung, zentrale Position) kommentieren.

Karl: Sonne Chance krisse nich zweimal!
Stefan: Mond, Mond, Mond!
Karl: Un jetz?
Stefan: Dat steht inne Sterne!

Dennoch hält sich allenthalben hartnäckig das Gerücht, das Fest habe irgendetwas mit einem gewissen „Martin von Tours“ zu tun (auch „Sanktmartin“).

Sanktmartin (Abbildung ähnlich). Bildnachweis: Bundesarchiv, Bild 183-R1220-401. Veröffentlichung erfolgt unter folgenden Bedingungen: CC-BY-SA 3.0.

Sanktmartin (Abbildung ähnlich). Bildnachweis: Bundesarchiv,
Bild 183-R1220-401. Veröffentlichung erfolgt unter folgenden Bedingungen: CC-BY-SA 3.0.

Dabei ist Martin eine höchst zweifelhafte Gestalt. Ein Mann aus Karlsruhe hat ihn folgerichtig angezeigt – wegen Sachbeschädigung! Die so genannte „Teilung des Mantels“, dessen Eigentumsverhältnisse nach Angaben der Staatsanwaltschaft in der Tat „noch ungeklärt“ sind, sei in der Absicht erfolgt, ein völlig integeres Kleidungsstück zu zerstören. Dass Martin angeblich aus Nächstenliebe gehandelt und einem Bettler das Leben gerettet habe, spiele dabei keine Rolle. „Hier geht’s ums Recht“, erläutert sein Anwalt Dr. Manfred Brockmüller aus Lüdenscheid.

Ferner hätte sich Martin mit seinem Schwert erhebliche Schnittverletzungen zuziehen können. Ein derartiger Einsatz von Hieb- und Stichwaffen durch einen Soldaten sei zudem „kein gutes Vorbild“ für Kinder und Jugendliche, wie Brockmüller erklärte, der zuletzt mit einer Klage gegen die Stadt Troja (Türkei) Schlagzeilen gemacht hatte, der er beim Bau des Pferdes erhebliche Sicherheitsmängel vorwarf. Unterstützung bekam Brockmüller damals vom TÜV Rheinland.

Ob die Anzeige gegen Martin, der sich zu den Vorwürfen bisher nicht äußerte, nun das Aus für die beliebten Laternenumzüge bedeutet, ist zur Stunde noch ungewiss. Sein Mandant sehe einem Ende der Tradition allerdings sehr gelassen entgegen. Es sei zwar nicht das Ziel der Anzeige, aber dennoch ein durchaus erwünschter Nebeneffekt. „Auch wegen die Hexen“, wie der 58jährige Maschinenbauingenieur auf Nachfrage betonte.

Doch auch, wenn es scheinbar „nur“ um Laternen geht, ist Vorsicht geboten. Denn: Auch in harmlos erscheinendes Kulturgut schleichen sich Zölibatszwang und Kreuzzüge (auf Kosten des Steuerzahlers!) ein. Mir liegt ein Gutachten vor, das eindeutig vor den Gefahren eines zu großen Einflusses dieses Kulturguts auf das Lichterfest warnt. Gegenstand des Gutachtens ist ein so genanntes „Laternenlied“ mit dem Titel Ich gehe mit meiner Laterne (Verfasser unbekannt, vermutlich katholisch), das einen bedenklichen Subtext birgt, der geeignet ist, die Sän_ger*Ix irreversibel zu indoktrinieren. Der Text ist nachfolgend dokumentiert:

Ich gehe mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir.
Dort oben leuchten die Sterne und unten da leuchten wir.
Mein Licht ist aus, ich geh’ nach Haus’,
rabimmel rabammel rabumm.

Ergebnis der Beurteilung: Die weltanschauliche Neutralität des so genannten „Laternenliedes“ mit dem Titel Ich gehe mit meiner Laterne ist nicht gegeben. Das Liedgut wird vom Standpunkt weltanschaulicher Neutralität als bedenklich eingestuft. Der Verfasser ist vermutlich katholisch.

Begründung: Das Lied beginnt mit einer Verhöhnung des Selbstbestimmungsrechts freier Individuen in einer modernen Gesellschaft durch die Macht der Kirche, die auf antiindividualistische Zwangsvergemeinschaftung basiert und in einer auf Repression und Unfreiheit fußenden Bindung des Menschen an sein Artefakt mündet: Ich gehe mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir.

Die in Aussicht gestellte Autonomie („Ich“) und die scheinbare Freizügigkeit („gehe“) wird durch die kollektivistische Auflage („mit“) und die Fesselung an das im Zuge rücksichtsloser Indoktrination stark verinnerlichte („meiner“) Symbol der Unterdrückung („Laterne“) zynisch konterkariert. So wie die Kirche seit Jahrtausenden Menschen unterdrückt, so unterdrückt hier die „Laterne“ die Freiheit dessen, der sie sich gutgläubig zu eigen macht und damit in eine Abhängigkeit gerät, die in ihrer stabilen Konstitution nicht mehr zu brechen ist, ohne dass der Mensch selbst daran zerbricht. Am Ende „geht“ hier ein Mensch, der ohne seine „Laterne“ im Duktus der Liedtextdiktion keine Daseinsberechtigung mehr hat. Um darüber hinwegzutäuschen, wird die Verbindung wechselseitig konstruiert und zu einer vitalen Verzahnung von Mensch und „Laterne“ umgedichtet („Ich gehe mit meiner Laterne und[sic!] meine Laterne mit mir“). In Wahrheit wurde der Mensch jedoch längst zum Opfer der „Laterne“, also: der katholischen Kirche.

Es folgt eine wahnwitzige Idealisierung der Lebenswelt derer, die unter eben jener klerikalen Repression leiden: Dort oben leuchten die Sterne und unten da leuchten wir. Die unterdrückten Massen werden durch die absurde Analogie („Sterne“ – „wir“) in einer menschenverachtenden Weise verspottet. Zudem erinnert der Sternenhimmel („oben“) an die von brennenden Scheiterhaufen übersäte Erde („unten“), ein Umstand, der durch die euphemistische Zustandsbeschreibung („leuchten“) dramatisch verharmlost wird.

Mein Licht ist aus muss als die geradezu logische Konsequenz dieser Verhältnisse gelten. Wie sollte es außerdem anders sein, in einer Lebensform, in der kirchliche Ignoranz gegenüber dem „Licht“ den Gläubigen das Dasein verdunkelt und der Aufklärung keine Chance auf Entfaltung gibt? Für Wissenschaft und Bildung ist es im klerikalen Repressionssystem umgehend „aus“! Dem seiner Würde vollends beraubten Menschen bleibt nichts anderes übrig: ich geh’ nach Haus’. Das gegängelte Pseudoindividuum endet im „Haus“, einem dogmatisch eingezäunten und strengstens bewachten Sittengefängnis, in dem sämtliche Lebensvollzüge permanent kontrolliert werden.

Doch damit nicht genug: Die Gewaltaffinität des Christentums gipfelt in der martialischen Schlusszeile Rabimmel, rabammel, rabumm. Man sieht vor dem freigeistigen Auge die Folterknechte des Pfarrgemeinderats vor der Tür jenes Hauses („rabimmel“), bekommt eingedenk der tradierten Grausamkeiten unweigerlich Angst („rabammel“) und kann sich wegen des großen Einflusses der Kirche gegen die vom Bischof angeordnete Zwangsöffnung („rabumm“) juristisch nicht zur Wehr setzen (Staatskirchenrecht). Die Trennung von Kirche und Staat ist hier eindeutig nicht mehr gegeben.

Fazit: Bei Laternenfesten ist auf das Absingen von Ich gehe mit meiner Laterne zu verzichten. Es enthält zahlreiche weltanschauliche Konnotationen, die schwere psychische Beeinträchtigungen verursachen und nahtlos anknüpfen an die blutige Tradition der Kirche (Hexen, Kirchensteuer).

***

Ich freue mich in diesem Sinne auf ein weltanschaulich neutrales „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“. Und sollte eines der Kinder Martin oder Martina heißen, kann man ja immer noch die Eltern verklagen. Sonne Chance gibt’s nur einmal im Jahr.

(Josef Bordat)

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