Suizidbeihilfe. Vielleicht doch einfach ungeregelt lassen?

2. November 2015


Nach über zweistündiger, spannender, ausgewogener und – wie ich fand – in angenehmer Atmosphäre stattfindender Diskussion zur Suizidbeihilfe, bin ich erschöpft, aber nicht unbedingt wesentlich weiter. Doch miteinander gesprochen zu haben, ist bei diesem Thema wohl schon etwas an sich Gutes. Bevor durchaus kontrovers, aber äußerst sachlich aufeinander eingegangen wurde, hatte jede und jeder auf dem Podium die Gelegenheit, die eigene Position kurz zu umreißen. Ich hatte folgendes Eingangsstatement geschrieben, dass ich in den wesentlichen Punkten auch referiert habe.

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Ich spreche mich als Philosoph, als Christ, als Katholik, aber auch als Angehöriger eines demenzkranken Menschen entschieden gegen aktive Sterbehilfe und auch gegen jede Form der Beihilfe oder Assistenz aus (um die es hier geht), welche aus guten Gründen fast überall in Europa verboten ist. Warum bin ich dieser Meinung? Ich möchte eingangs nur drei Gründe nennen.

1. Weil die viel zitierte Selbstbestimmung kein absoluter Wert ist. Absolut ist allein die Würde des Menschen. Sie ist zu achten und zu schützen. Immer. Dies geschieht in erster Linie dadurch, dass die Bedingung der Möglichkeit von Würde – das Leben selbst – unter allen Umständen geachtet und geschützt wird. Dieser Gedanke stammt aus dem Christentum. Er lässt sich aber auch in der säkularen Ethik (etwa bei Kant) aufweisen. Schließlich hat er Eingang gefunden in unser Grundgesetz. Diesem Würdekonzept haben sich auch die Freiheitsrechte zu unterstellen.

2. Weil Suizid gar kein Ausdruck von Freiheit ist, sondern ein Bruch mit einem Grundprinzip von Freiheit, dass dazu nämlich Grenzen gehören, dass dazu Verantwortung gehört und dass dazu Klarheit und Vernunft gehört. Das alles fehlt im Entscheidungsmoment, das zumindest berichten Menschen, die einen Selbsttötungsversuch überlebt haben. Suizidale Menschen brauchen Hilfe zum Leben, nicht zum Sterben. Ich befürchte aber, dass der Suizid mit fortschreitender Offenheit gegenüber Sterbehilfe gar keinen Anlass mehr gibt für Aufkärung, Prävention und echte Lebenshilfe. In den Niederlanden gibt es kaum noch Suizidprävention. In den letzten 6 Jahren ist die Zahl der Selbsttötungen um 36 Prozent gestiegen. Suizid als ganz normale Alternative – wollen wir das auch bei uns?

3. Weil Sterbehilfe zur Erhöhung des Rechtsfertigungsdrucks und zur Entsolidarisierung mit Alten, Kranken, Behinderten und Suizidalen führt. Auch das können wir in Holland beobachten. Ärzte, Pflegepersonal und Angehörige, aber auch die betroffenen Menschen geraten durch die Möglichkeit der Sterbehilfe unter einen kaum kalkulierbaren psychischen und sozialen Druck. Mit dem Recht, Sterbehilfe beanspruchen beziehungsweise leisten zu können, korrespondiert nämlich die Pflicht zur Rechtfertigung, warum man diese kostengünstige Möglichkeit dann nicht auch realisiert. Kranke alte Menschen sollen sich aber nicht rechtfertigen müssen, wenn sie leben wollen.

Ich denke, Sterben ist Teil des Lebens und gute Palliativmedizin mit optimaler Schmerzmittelversorgung macht Sterbehilfe überflüssig. Wir brauchen Fachpersonal, das Sterbebegleiter ist, nicht Tötungsgehilfe. Die Hospizbewegung ist daher die menschenwürdige Antwort auf die demographische Entwicklung, nicht die Sterbehilfe.

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Zu meinem Eingangsstatement stehe ich. Aber meine Haltung, es müsse unbedingt eine strafbewährte Verbotsregelung her, kann ich – Stand: heute, 23 Uhr – nicht mehr als alternativlos bezeichnen. Vielleicht wäre es ja doch eine Möglichkeit, bei der jetzigen Nichtregelung zu bleiben und die Frage der Suizidbeihilfe dort zu belassen, wo sie schon jetzt beantwortet wird: im Gewissen des Einzelnen. Ich sehe in der Bildung des Gewissens im Sinne des Lebensschutzes jedenfalls die wichtigste Aufgabe für eine christliche Ethik. Sie überall dort, wo es um die moralische Bildung des Menschen geht, beherzt zu erfüllen, scheint mir nach dem heutigen Abend wichtiger als die Forderung nach Strafbarkeit ins Zentrum zu stellen, eine Forderung, für die es wohl auch keine Mehrheit gibt. Dennoch: Ich bin mit dem Thema noch lange nicht fertig. Für heute aber schon.

(Josef Bordat)

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