Frau und Kirche. Annäherungen an eine ganz besondere Beziehung

3. November 2015


Über kaum ein Thema wird kirchenintern wie gesellschaftlich so heftig gestritten wie über die Frage, inwieweit die Kirche in der modernen Gesellschaft einen legitimen Platz hat. Das entzündet sich insbesondere an der Frage der Gleichstellung. Während sich die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten weitestgehend dem Paradigma des Egalitarismus verschrieben hat, in dem die Gleichheit eine wesentliche Stütze der Gerechtigkeit ist, so differenziert die Kirche aufgrund ihrer tradierten Lehre sehr fein. Und schließt dabei auch aus. Ein Opfer ist die Frau. In allen gesellschaftlichen Bereichen – Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Militär – prinzipiell gleichgestellt, sind ihr in der Katholischen Kirche Ämter verwehrt. Das kann zu Verbitterung führen, gar dazu, der Kirche den Rücken zu kehren. Beides gilt jedoch nicht für Theresia Heimerl, Autorin des bei Styria Premium (Wien) jüngst erschienenen Studie Andere Wesen. Frauen in der Kirche.

Theresia Heimerl – als katholische Christin und Professorin für Religionswissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät Graz eine Frau in der Kirche – zeichnet den Weg der Frauen in der Kirche (besser: der Kirchenlehre) nach, ausgehend vom Zweiten Vatikanischen Konzil über wichtige frauenrelevante Enzykliken bis hin zur ganz aktuellen Debatte um Familienmodelle. Sie tut dies nicht in einer trockenen Inhaltanalyse, sondern im Rahmen einer empathisch-engagierten „teilnehmenden Beobachtung“ (eine Methode der Ethnologie, mit der sich Forscher fremden Kulturen annähern). Im Ergebnis steht eine unterhaltsame Umsicht in den einschlägigen Texten, auch in Gestalt origineller Kontrastierungen von Frauenbildern in Kirche und Gesellschaft, die zeigen: So schlecht ist es um die Frau in der Kirche gar nicht bestellt. Jedenfalls nicht schlechter als in der Gesellschaft.

Denn man(n) kümmert sich in der Kirchenlehre um Frauen: Zahlreiche wichtige Texte behandeln insbesondere die Frau und ihre Rolle im göttlichen Heilsplan; eine Konzilskonstitution oder Enzyklika speziell für Männer gibt es hingegen nicht. Das, so Heimerl, hänge damit zusammen, dass in der katholischen Ideengeschichte seit (spätestens) Thomas von Aquin der Mann als Norm, die Frau hingegen als eine zu erläuternde Abweichung gesehen werde, über deren Rolle verhandelt werden kann und muss. Doch spielt sie, die Frau, überhaupt eine Rolle? In der Kirche, für die Kirche? In deren Lehre? Aber ja! Die Frauenrolle werde Heimerls Ansicht nach von der Kirche ziemlich eindeutig bestimmt: Mutter zu sein – und damit marianisch zu leben. Dies erscheint ihr zu eng, spätestens mit Humanae vitae (1968) beginne „die kirchliche Uhr nachzugehen“, entferne sich die Kirchenlehre „von der neuen Lebensrealität von Frauen“. Aber auch von der der Männer: das in Humanae vitae implizit enthaltende Bild des Mannes als eines triebgesteuerten Monsters, das nur die Furcht vor Schwangerschaft davon abhalten kann, seinen natürlichen Neigungen nachzugeben, ist alles andere als ein Abbild der Wirklichkeit.

Ohnehin beruht vieles in den Lehrtexten auf Missverständnissen und Klischees. Die Schutzbedürftigkeit der Frau, ihre soziale Abhängigkeit vom Mann, ihre auf Fortpflanzung reduzierte Körperlichkeit – die Kirchen-Männer hielten noch daran fest, als es dafür keinen sachlichen Grund mehr gab – also spätestens seit den 1970er Jahren. Spitz und manchmal auch mit leichten Anflügen von Sarkasmus begegnet die Kirchen-Frau Heimerl dieser Engstirnigkeit, diesem aus Angst vor Veränderung im Geschlechterverhältnis verkrampften Festhalten an Bestehendem. Zu keinem Zeitpunkt jedoch nimmt die eigene Betroffenheit der Wissenschaftlerin die Feder aus der Hand, um etwa larmoyant zu werden. Theresia Heimerl macht dann lieber lustige Seitenhiebe. Ihr Buch unterscheidet sich damit wohltuend von Polemik und Apologie, von unfairer Kritik und kritikloser Aneignung, wie sie sonst beim Thema Frau in der Kirche allzu oft den Ton angeben.

Bibliographische Angaben:

Theresia Heimerl: Andere Wesen. Frauen in der Kirche.
Wien: Styria Premium 2015.
176 Seiten, € 24,90.
ISBN 978-3-222-13512-5.

(Josef Bordat)

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