Ein Wort zu Lage und Laune

9. November 2015


In diesen Tagen erlebe ich viel Belastendes, aber auch vieles, das Mut macht. Etwa, dass so viele Menschen sich in so wunderbarer Weise solidarisch zeigen – durch ihre guten Wünsche, durch ihre Gebete, durch ihre Gedanken. Darunter auch viele Menschen mit einer in Sachfragen stark bis völlig abweichenden Meinung. Diese Menschen zeigen mir, dass es über alle Gräben hinweg eine uns verbindende Gemeinsamkeit gibt: die Ablehnung von Gewalt als Mittel der Durchsetzung von Positionen im Diskurs. Diesen Zuspruch und diese Verbundenheit zu spüren, tut gut.

Besonders freut (und berührt) mich das Gebet und die guten Gedanken, die viele Menschen mir zugesichert haben. Schließen wir einander ins Gebet ein und auch all diejenigen, die aufgrund ihres Glaubens, ihres Gewissens, ihrer Meinung bedroht werden. Und auch diejenigen, die sich nicht anders zu helfen wissen als mit Gewalt. Mögen sie erkennen, dass dies niemals ein gangbarer Weg ist, hin zu dem, was wir alle – oder: fast alle – wollen: mehr Gerechtigkeit, mehr Frieden, eine bessere Welt. Die Geschichte lehrt uns, dass Gewalt oft gerade das Gegenteil befördert. Zu oft.

Jedenfalls haben mir die allermeisten Menschen, die sich in den letzten Tagen bei mir gemeldet haben, Kraft und Trost geschenkt. Ich kann das gar nicht näher beschreiben, aber es ist so, als umgeben mich diese ganzen guten Wünsche, Gebete und Gedanken wie ein weiter Mantel, dessen Wärme Hoffnung spendet und mich davon abhält, in meiner Zerknirschtheit zu verzweifeln. Mir ist klar geworden, dass wir dort, wo man Gewalt anwendet – in welcher Fom auch immer – zwar viel gegen die Täter, aber noch viel mehr für die Opfer tun müssen.

Ich bin in den letzten Tages vieles gefragt worden – zur Zukunft des Blogs, zu meiner Arbeit, zum Stand der Ermittlungen, zu meiner Einstellung gegenüber den Drohmail-Schreibern, zu meiner Einschätzung, das mögliche Strafmaß betreffend, mit dem diejenigen rechnen müssen, die Drohmails schreiben, zu meiner Laune, zu meiner Lage. An dieser Stelle nur das Wichtigste in Kürze.

Die Polizei hat meine Anzeige aufgenommen, die Dokumentation, die ich vorgelegt habe, zu den Akten genommen und Ermittlungen eingeleitet. Es geht dabei um den Tatbestand der Bedrohung (strafbar nach § 241 StGB). Nach § 241 StGB droht einem Bedroher bis zu ein Jahr Haft. Ist das viel? Ist das wenig? Ich bin mir gar nicht sicher, ob die Strafandrohung der Schlüssel ist. Wenn da jetzt zwei Jahre stünde oder drei oder zehn – würde der E-Mail-Schreiber von einer Bedrohung Abstand nehmen? Oder aber – in der kranken Logik, in der er nun einmal als anonymer Bedroher zuhause ist – besonders stolz sein auf seine Tat, die der verhassten Gesellschaft offenbar so sehr weh tut, dass sie sie derart massiv strafbewehrt? Ich weiß es wirklich nicht. Das müssen ja auch andere entscheiden. Psychologen zum Beispiel.

Mir wäre es zunächst wichtig, dass die Anbieter von anonymisierten Instant-Mail-Accounts erstens zur Rechenschaft und zweitens aus dem Verkehr gezogen werden, da sie zwar nicht für die Inhalte der Mails verantwortlich sind, aber doch ein Mittel zur Verfügung stellen, das für Drohmails geradewegs maßgeschneidert ist. Und wenn man sich dann auch noch „Guerilla-Mail“ nennt („Guerilla“: kleiner Krieg, Krieglein), ist damit – so denke ich – fast schon eine Aufforderung verbunden, die angebotenen Möglichkeiten in einem ganz bestimmten Sinne zu nutzen – nämlich kriegerisch. Hier muss sich der Gesetzgeber überlegen, ob er solche Angebote für böswillige Feiglinge weiterhin dulden will.

Ich habe vieles über mich gelesen. Einiges ist amüsant (in einem bestimmten Blog bin ich „evangelischer Pastor“, auf einer bestimmten Facebook-Seite „katholischer Pfarrer“), anderes irritierend. Insbesondere wundert mich die Debatte um Rechts- und Linksextremismus: Was es denn nun war, was nun schlimmer ist, was vom Staat in welcher Weise besonders eklatant übersehen wird. Die Polizei schloss sich meiner Einschätzung an, dass es sich in meinem Fall mutmaßlich um einen linksextremistischen Täterkreis handelt. Aber, ich sage Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser: Wenn man bedroht wird, ist es völlig egal, ob von rechts, von links, von oben, von unten, von hinten oder von vorn. Das ist die Erfahrung, die ich derzeit mache.

Summa summarum bin ich in dieser Woche gereift. Erwerben und/oder bewahren wir uns das Vermögen, in der Auseinandersetzung zwischen inhaltlichen und methodischen Fragen zu unterscheiden. Hüten wir uns vor Pauschalurteilen über „die“ Anderen! Hüten wir uns vor Gewalt – bereits in der Sprache! Das heutige Schicksalsdatum der deutschen Geschichte, an dem deutlich wird wie an keinem anderen Tag im Jahr, wohin totalitäre Vorstellungen führen, an dem aber auch klar aufscheint, dass diese nicht das letzte Wort haben, wenn Menschen sich mutig und gemeinsam widersetzen, ist kein schlechtes Datum, um anzufangen, innezuhalten.

(Josef Bordat)

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