Geschieden und wiederverheiratet

20. November 2015


Ein Dialog über Lehre und Leben

Auf meine Rezeption der Familiensynode erhielt ich einen längeren Brief, der mich zu einem Gedankenaustausch über die Frage des Umgangs mit wiederverheirat Geschiedenen in der Katholischen Kirche aufrief. Der Austausch entwickelte sich – insbesondere durch die Beiträge des Gesprächspartners – zu einer sehr wertvollen Sammlungen von Argumenten in der Frage der Zulassung wiederverheirat Geschiedener zu den Sakramenten. Ich möchte ihn daher an dieser Stelle weitgehend unredigiert wiedergeben.

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1. Der Gesprächspartner stellt sich vor I

Mein Name ist Jörg Napp, ich bin verheiratet und habe eine neunjährige Tochter. Gemeinsam leben wir im beschaulichen Duderstadt, nahe der Grenze zu Thüringen. Ich arbeite seit gut 23 Jahren als Pulverlackierer in einer Blechverarbeitungsfirma. Vor drei Jahren entschloss ich mich zum Theologiestudium im Fernkurs, weil ich damals dachte und auch heute noch denke, dass man in der Theologie etwas über sich selbst erfahren kann, z.B. über seine Herkunft und Zukunft – auch über den Tod hinaus. Das Studium konnte ich vor kurzem erfolgreich abschließen, sodass ich nun mit der Ausbildung zum Ständigen Diakon im Bistum Hildesheim beginnen darf.

Der Tag an dem meine Tochter geboren wurde, stellte einen Wendepunkt in meinem Leben dar. War mein Weltbild vor ihrer Geburt eher agnostisch geprägt, wurde mir mit ihrer Geburt die Gewissheit geschenkt, dass Gott tatsächlich existiert. Gott hatte sich mir durch die Geburt meiner Tochter offenbart. Als ich sie im Kreissaal in den Händen hielt, wusste ich, dass wir uns einer höheren Intelligenz zu verdanken haben. Fortan war ich am christlichen Glauben interessiert und gleichermaßen von ihm fasziniert. Diese Faszination bezog sich im Wesentlichen auf eine Person: Jesus Christus.

Durch dieses Ergriffensein wurde mein Interesse an der Theologie und deren Literatur geweckt. Im fünften „Gottesbeweis“ des heiligen Thomas von Aquin beispielsweise, der von einer zweckmäßigen und zielgerichteten Ordnung in der Welt ausgeht, spiegelte sich für mich die Geburt meiner Tochter wider. Da jede Ordnung einen ordnenden Geist voraussetzt, die Ordnung aber, die das embryonale Leben beginnen lässt und die Entwicklungsreise des Embryos steuert, um ihn nach einer bestimmten Zeit als neuen Menschen auf die Welt zu bringen, auf keinem menschlichen Geist zurückzuführen ist, muss ein anderer Geist, eine höhere Intelligenz dafür verantwortlich sein. Diese höhere Intelligenz ist für mich der dreifaltige Gott.

Aus tiefer Dankbarkeit heraus, dass Gott sich mir zu erkennen gegeben hat und aus Liebe zu Jesus Christus, der mein Leben bereichert und erfüllt, wurde in mir der Wunsch immer größer, mich in seinen Dienst zu stellen.

2. Mahlgemeinschaft im Geiste Jesu und im Sinne Pauli

[Herr Napp schreibt:] Als katholischer Christ und womöglich zukünftiger Diakon, schätze ich die Lehre der katholischen Kirche sehr. Sie hat für mich auch in praktischen Lebensfragen einen ganz besonderen Wert. Was mir bezüglich des Inhalts und der Verkündigung dieser Lehre sehr am Herzen liegt, ist, dass sich Jesus Christus darin widerspiegelt. Seine Person, sein Leben und Wirken, oder kurzgesagt, sein Heilshandeln sollte in der kirchlichen Lehre zum Ausdruck kommen. Das gilt es meines Erachtens zu berücksichtigen, wenn darüber debattiert wird, ob wiederverheiratet Geschiedene zur Kommunion zugelassen werden dürfen oder nicht.

Nach kirchlicher Lehre leben nun Eheleute, die nach einer Ehescheidung eine neue “Ehe“ eingehen, ohne dass die frühere Ehe für nichtig erklärt wurde, in Sünde und sind damit von den Sakramenten – Buße und Eucharistie – ausgeschlossen. In dieser Debatte kann es nicht darum gehen, die Unauflöslichkeit der Ehe in Frage zu stellen – und darum geht es auch nicht. Von der Unauflöslichkeit der Ehe darf und wird die Kirche nicht abrücken, da sie sonst die Bundestreue Gottes als auflösbar bezeichnen würde. Die im Sakrament gegebene Grundlage der Ehe ist und bleibt aber jene Bundestreue, die kein Mensch auflösen kann. Die Frage ist, ob der sich im Stand der Sünde befindende Mensch, automatisch von den Sakramenten auszuschließen ist. Und wenn ja, kann sich die Kirche hier unmittelbar auf Jesus berufen? Diese Fragen beschäftigen mich schon seit einiger Zeit und lassen mich irgendwie nicht los. Die Kernfrage, um die es mir geht, lautet: Stimmt die Lehre der Katholischen Kirche, bezüglich des Ausschlusses der wiederverheirat Geschiedenen von den Sakramenten, mit der Lehre Jesu überein? Jesus selbst ist ja das Licht der Welt. Die Kirche, die ihre Existenz nicht sich selbst zu verdanken hat, sondern vielmehr im Werk Jesu Christi gründet, hat die Aufgabe, etwas von diesem Licht aufzufangen und es in die Welt hinein zu reflektieren. Ich fände es wunderbar, wenn ein Gedankenaustausch zwischen uns zu diesen Fragen und vor allem zu den Antworten stattfinden könnte, da ich Ihre Ansichten sehr schätze. Es geht mir dabei nicht darum, Partei für oder gegen wiederverheiratet Geschiedene zu ergreifen, sondern darum, die Wahrheit des Evangeliums unseres Herrn Jesus Christus zu finden.

In meinen Gedankengängen zu dem Thema bin ich bis dato an einem Punkt angelangt, an dem ich eine Diskrepanz zwischen kirchlicher Lehre und der Lehre Jesu auszumachen meine. Eine zentrale Botschaft des Evangeliums besteht darin, dass wir Menschen trotz unserer Schuld und unseres Versagens von Gott unbedingt angenommen und geliebt sind. Jesus wendet sich den Sündern in Liebe zu, und das nicht erst, nachdem sie ihre Schuld eingestanden und Buße getan haben, sondern trotz ihrer Sünden. Das Evangelium ist reich an Beispielen, die diese These untermauern – von der Ehebrecherin, über Zachäus, bis hin zur stadtbekannten Dirne im Haus des Pharisäers. Jesus fühlt sich in besonderer Weise zu den Sündern hingezogen und gilt als Freund der Zöllner und Sünder (Lk 7, 34), ja er ist wegen der Sünder in die Welt gekommen. So geht er in das Haus des Zöllners Levi, in dem noch viele andere Zöllner sind, und hält Mahl mit ihnen. Als die Pharisäer und ihre Schriftgelehrten daran Anstoß nehmen und Jesus zur Rede stellen, antwortet er ihnen: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um die Sünder zur Umkehr zu rufen, nicht die Gerechten“ (Lk 5, 31-32).

An dieser Stelle kann man – bezüglich meiner Fragen – festhalten, dass Jesus also auch mit Sündern an einem Tisch saß und ihnen Mahlgemeinschaft mit sich gewährte. Aber lässt sich nun aus der gewöhnlichen Mahlpraxis Jesu mit den Sündern, ein Zutritt der Sünder zur Eucharistiefeier herleiten? Ich schwanke bei dieser Frage und neige dazu, sie weder eindeutig mit ja noch mit nein zu beantworten. Einerseits lässt sich die Feier der Eucharistie wohl nicht ausschließlich von der Mahlpraxis Jesu mit den Sündern herleiten, sondern vielmehr von seinem Letzten Abendmahl, das er im Kreis der zwölf Apostel gefeiert hat. Andererseits steht das Letzte Abendmahl im Zentrum seines Heilshandelns und darf deswegen nicht völlig davon isoliert werden. Zum Heilshandeln Jesu gehört aber auch seine Mahlgemeinschaft mit den Sündern, wie aus der Perikope mit Levi hervorgeht.

Geht man dennoch einmal davon aus, dass sich der Zugang zur Eucharistiefeier ausschließlich vom Letzten Abendmahl herleiten lässt, so zeigt sich, dass auch Judas Iskariot daran teilnahm. Judas befand sich zum Zeitpunkt des Abendmahls im Stand der Sünde, denn er hatte zuvor den Menschensohn verraten. Hier sind allerdings einige der Ansicht, dass der Verrat erst durch den sogenannten Judaskuss – und damit erst nach dem Mahl – zustande kam. Schaut man in die Evangelien, dann zeigt sich bei den Synoptikern eine große Übereinstimmung in Bezug auf die Chronologie der Ereignisse. „Judas ging zu den Hohenpriestern und den Hauptleuten und beriet mit ihnen, wie er Jesus an sie ausliefern könnte. Da freuten sie sich und kamen mit ihm überein, ihm Geld dafür zu geben. Er sagte zu und suchte von da an nach einer Gelegenheit, ihn an sie auszuliefern…“ (Lk 22,4-6; vgl. Mt 26,14-16; Mk 14,10-11). Die synoptischen Evangelien berichten also vom Verrat durch Judas noch vor dem Abendmahl. Durch die Übereinkunft, der Zusage, die Judas den Hohenpriestern gibt, wird dieser verräterische Pakt beschlossen. Der Kuss des Judas, der erst nach dem Abendmahl stattfand, kann hier lediglich für die Auslieferung des Menschensohnes stehen.

Man kann also festhalten: Obwohl Judas sich im Stand schwerer Sünde befand und er auch nicht vorhatte, davon Abstand zu nehmen – was seine Auslieferung unterstreicht – teilte Jesus das Brot mit ihm. Jesus spricht zwar eine deutliche Mahnung aus – „Aber weh dem Menschen, durch den er verraten wird“ (Lk 22,22) – er schließt aber Judas trotzdem nicht vom Mahl aus. Später wird diese Mahnung durch den Apostel Paulus im ersten Brief an die Korinther erneuert: „Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken“ (1 Kor 11,27-28). Auch Paulus spricht also keineswegs von Ausschluss, sondern fordert die Menschen dazu auf, sich ernsthaft und mit aller Sorgfalt im Gewissen zu prüfen, ob man würdig ist, den Leib des Herrn zu empfangen. Damit erfüllt Paulus – aus meiner Sicht – ganz die Intention Jesu Christi.

3. Das Gewissen und der Kern des Glaubens

Ich erwiderte daraufhin folgendes: Ich nehme an, dass Sie sich auf meinen Versuch einer Einordnung beziehen. Ich hatte bewusst flapsig getitelt, komme bewusst zu mehreren Kehrtwendungen im Text, weil ich zeigen will, dass es sich nicht um eine einfache Frage handelt, sondern eine, die Sachkenntnis und Empathie benötigt – in beide Richtungen.

Wie schwer es ist, zwischen Dogmatik und Pragmatik zu vermitteln, oder sagen wir es etwas weniger polemisch: zwischen fundamental- und pastoraltheoretischer Sicht, zeigte sich schon bald darauf daran, welche harschen Reaktionen ich auf den – meiner Ansicht nach – ausgewogenen Text (dessen Gedanken ja keineswegs neu sind) bekam. Auch hier stellt Ihre Reaktion eine große positive Ausnahme dar, für die ich sehr dankbar bin.

Ich kann Ihrer Argumentation folgen. Für mich liegt der Schlüssel denn auch im Gewissen des Einzelnen. Es ist eine Gewissensfrage – wohlverstanden als eine Frage, bei deren Beantwortung man die kirchliche Sicht mit der eigenen in Verbindung bringen muss, denn eine Gewissensentscheidung darf nicht als beliebiger oder bequemer Ausweg aus dem Dilemma (ich sehe nach wie vor eines) missdeutet werden. Sie ist ein Ringen um die Wahrheit, die für uns in Christus selber liegt.

Die Textstellen, die Sie anführen, unterstreichen ja deutlich den Vorrang einer echten Gewissensentscheidung gegenüber der unbedingten Bindung an die objektive Norm. Andererseits gibt es die Aufforderung Jesu zur Umkehr: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8, 11). Zur Umkehr gehört ja die Einsicht in den Umstand, dass das bisherige Handeln sündhaft war und überhaupt einer Änderung bedarf („von jetzt an nicht mehr“ ). Wer gar keine Sünde erkennt in einem bestimmten Verhalten, braucht dieses auch nicht zu ändern. Insoweit griffe eine generelle Änderung der Praxis einer Sakramentenspendung aus pastoralem Wohlwollen den Kern der christlichen Ethik an: das Wissen um die Erlösungsbedürftigkeit des sündigen Menschen. Dagegen steht das, was Sie sehr deutlich machen: Erlösung ist keine Selbsterlösung, sondern Sache Gottes, den wir Menschen daran nicht zu hindern versuchen sollten.

Also, ich kann mir eine konkrete Lösung nur im Einzelfall vorstellen, in dem das Gewissen gesprochen hat (nachdem es sich hat beraten lassen). Es gibt ja ohnehin die unterschiedlichsten Fallkonstellationen, die man schon aus moralischer Sicht nicht alle gleich bewerten darf. In welcher Weise das nun geschehen kann, weiß ich nicht. Als geduldete Praxis des persönlichen Gewissensgebrauchs jedes einzelnen Betroffenen? So ist es ja de facto jetzt. Als geregeltes Verfahren einer Gewissensprüfung – durch ein bischöfliches Gremium? Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: Das Verfahren der Eheannullierung muss vereinfacht, verkürzt und vor allem kostengünstiger werden. Mir sind aus meinem persönlichen Umfeld Fälle aus Spanien und Lateinamerika bekannt, die mit katholischer Geschwisterlichkeit nicht viel zu tun haben.

Das dazu. Ich spreche als Nicht-Theologe und als Laie. Ich hoffe, dass ich mit meiner Haltung Vieles übersehe und es theologisch viel mehr Türen gibt, die zu öffnen wären, als ich das meine. Das würde mich ehrlich freuen, denn ich sehe beide Seiten (Gnade und Gesetz, wenn man so will) und kann auch beiden Seiten etwas abgewinnen. Und ich halte eine Lösung für sehr wichtig, nicht nur, weil die Zahl der Betroffenen steigt, die wir sonst „verlieren“, sondern weil es um Kernfragen unseres Glaubens geht.

4. Der Gesprächspartner stellt sich vor II

An dem Tag, an dem meine Tochter geboren wurde, geschah noch etwas anderes, etwas, das im krassen Gegensatz zu neugeborenem Leben stand. Etwas, das sich zwar weit weg von Duderstadt ereignete, plötzlich aber doch so nah war, mich tief berührte und einen fast unerträglichen Schmerz in mir auslöste. Die Erinnerung ist noch so frisch, als wäre es erst gestern gewesen. Ich hatte gerade das Krankenhaus verlassen und mich von meinen beiden Lieben verabschiedet. Ich befand mich auf dem Nachhauseweg, als aus den Lautsprechern meines Autoradios eine Nachricht zu mir drang, die ich nicht verstehen konnte, nicht verstehen wollte. Die Polizei hatte im Gefrierschrank irgendeiner Mietswohnung zwei tote Säuglinge aufgefunden. Jemand – wohl die Mutter – hatte sie dort hineingelegt, wie ein totes Stück Fleisch. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange ich in dieser Nacht, ganz allein, in der Dunkelheit meines Wohnzimmers saß und einfach nur weinte. Ich hatte doch selbst gerade, vor wenigen Stunden, so ein Neugeborenes in den Händen gehalten. Ich hätte es am liebsten in einen überdimensionalen Wattebausch eingehüllt, weil ich Angst hatte, ich könnte ihm beim Anfassen wehtun. Ich hätte es damals niemals für möglich gehalten, dass auch nur irgendein Mensch zu so einer grausamen Tat imstande ist. Eine Frage bohrte sich immer und immer wieder in meinen Verstand: Wie kann sich eine menschliche Seele so weit von ihrem Schöpfer entfernen? Und ich begann, mit Gott zu sprechen: Ich weiß nicht genau, was ich tun kann und ich weiß auch nicht genau, wie ich es tun kann, eins aber weiß ich ganz genau. Ich will etwas dafür tun, dass die Menschen dich, lieber Gott, erkennen. Denn wer dich wirklich erkennt, der kann so etwas niemals tun. Bitte, lieber Gott, mach, dass ich helfen kann! So gab ich ihm mein Versprechen.

Diese beiden Ereignisse, die wohl gegensätzlicher kaum sein konnten, und sich an ein und demselben Tag ereigneten, lösten ein ziemliches Gefühlschaos in mir aus. Ich habe mich oft gefragt, welches Gefühl an diesem Tag überwog: die unglaubliche Daseinsfreude über unseren Nachwuchs und die damit verbundene endgültige Gewissheit, dass Gott wirklich existierte, oder eben dieser tiefe Seelenschmerz. Wie gerne würde ich sagen können, dass die Freude damals überwog… Andererseits hat mich dieser Schmerz dazu bewogen, Gott mein Versprechen zu geben. Heute habe ich, wie schon gesagt, ein Theologiestudium im Fernkurs absolviert und darf nun mit der Ausbildung zum Ständigen Diakon beginnen. Gott scheint mein Gebet von damals erhört zu haben. Ich bin sehr dankbar dafür, dass Er mich das machen lässt und diesen Weg gemeinsam mit mir geht.

5. Eine mutige Kirche

[Herr Napp schreibt:] Man wird wohl den Einzelfall prüfen müssen, wenn man die Lehre nicht ändern will. Wie das in die Praxis umzusetzen ist, bleibt die Frage. Ich frage mich allerdings auch, ob Gott das wirklich so kompliziert gewollt hat? – Wenn ich mir eine mutige Kirche wünsche, dann meine ich damit konkret, dass sie bezüglich der wiederverheiratet Geschiedenen den Einzelfall beurteilt, und dass diese Regelung auch ganz offiziell Zugang in die Lehre der Kirche findet. Das entscheidende Kriterium zur Zulassung des Sakramentenempfangs, ist dann aus meiner Sicht nicht der äußere Stand (die Sünde) des Menschen, sondern die innere Glaubenshaltung.

Ein Beispiel. Nehmen wir an, eine Frau hat sich von ihrem Ehemann scheiden lassen. Der Mann hat im Laufe der Ehe begonnen, seine Frau seelisch und körperlich zu misshandeln. Als gläubige Katholikin und regelmäßige Kirchengängerin hat sie dieses Martyrium lange ausgehalten, denn sie wusste um die Unauflöslichkeit der Ehe – in guten wie in schlechten Zeiten. Bis sie sich eines Tages in der Notaufnahme wiederfand. Sie sah nun keinen anderen Ausweg mehr, als sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Nach einer Zeit der Genesung lernte sie einen anderen Mann kennen und lieben. Liebevoll kümmerte er sich um ihre beiden Kinder, als wären es seine eigenen. Sie beschlossen zu heiraten und gaben sich auf dem Standesamt das Jawort. Nach Kirchengesetz lebt die Frau nun in ständiger Sünde und ist von den Sakramenten – Buße und Eucharistie – ausgeschlossen, da sie auch nicht die Absicht hat, etwas an dieser Situation zu ändern. Die Frau steckt nun in der Zwickmühle: Sie verspürt einerseits ein großes Verlangen danach, den Leib des Herrn zu empfangen. Andererseits möchte sie aber nicht schon wieder eine Scheidung, denn sie will weder ihren Mann vor den Kopf stoßen, noch ihren Kindern einen erneuten Schaden zufügen. Das müsste sie aber, um die Sakramente empfangen zu dürfen.

Wenn ein Mensch alles ihm mögliche dafür tut, aus dem Glauben heraus zu leben und seine Kinder aus dem Glauben heraus zu erziehen, und er das Verlangen nach den Sakramenten verspürt, als die Quelle der Kraft in seinem Leben, er sich aber im Stand der Sünde befindet, dann darf die Kirche ihm den Zugang zu den Sakramenten nicht verweigern. Um mit den Worten Papst Franziskus’ zu sprechen: „Die Eucharistie ist, obwohl sie die Fülle des sakramentalen Lebens darstellt, nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen. Diese Überzeugungen haben auch pastorale Konsequenzen, und wir sind berufen, sie mit Besonnenheit und Wagemut in Betracht zu ziehen. Häufig verhalten wir uns wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer. Doch die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.“

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Ich danke Jörg Napp für seine offenen Worte, sein Leben, seine persönliche Glaubenserfahrung und seine theologische Haltung betreffend! Sein Weg zu Gott hat mich sehr berührt. Das Bistum Hildesheim kann jedenfalls froh sein, in Herrn Napp einen Diakon mit Lebenserfahrung und Tiefe im Glauben zu gewinnen. Ich bin sicher, er ist für seine künftige Wirkungsstätte eine große pastorale Bereicherung.

(Josef Bordat)

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