Von Brüdern und Menschen

25. November 2015


So richtig es ist, dass man in allen Religionen – also auch der eigenen – Anregungen zu Gewaltlosigkeit finden kann, so heikel ist das von Alexander Görlach im Tagesspiegel erwähnte Beispiel der Goldenen Regel, die es in der Tat in allen großen Religionen und in vielen Kulturen gibt. Eben auch im Islam.

Anders jedoch als bei Thales von Milet, Platon, Zarathustra, Buddha, Konfuzius und Jesus („Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“, Mt 7, 12) bezieht sich die Forderung nach Achtung des Anderen bei Mohammed nur auf den „Bruder“: „Keiner von euch ist gläubig, solange er nicht für seinen Bruder wünscht, was er für sich selbst wünscht“ (Hadith 13).

„Bruder“ ist dabei der muslimische Glaubensbruder, der sich wünscht, Moslem zu bleiben, und der Ungläubige, der sich wünscht, Moslem zu werden. Wenn sich das Wohlwollen aber nur auf den erstreckt, der mit mir einer Meinung ist bzw. meine Zuneigung nur dem gilt, der sich meine Meinung zu eigen machen will – was gewinne ich dann mit dem moralischen Leitprinzip der Goldenen Regel?

Die Goldenen Regel verlangt in der allgemeinen Form ja Empathie und Toleranz auch und gerade angesichts von Andersartigkeit. Es wäre daher sehr hilfreich für die Einigung auf Gewaltlosigkeit, wenn die Muslime sich dazu durchringen könnten, den Begriff „Bruder“ als Synonym für Mensch aufzufassen, der auch den Menschen einzuschließt, der kein Moslem ist oder werden will. Nur so funktioniert die Goldenen Regel.

Ausschlaggebend ist dabei der Praxistest, wie auch Alexander Görlach betont: „Ausschlag geben die Menschen. Muslime sind der lebende Islam, das andere sind tote Buchstaben“.

(Josef Bordat)

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