Over-Schmuck

26. November 2015


Jedes Jahr im Advent, der jedes Jahr ein paar Tage früher zu beginnen scheint, umweht unsere Nachbarschaft ein Hauch von Las Vegas. Es ist die Zeit, in der es schwer ist, Tag und Nacht voneinander zu scheiden, denn die Weihnachts-(besser: Winter-)beleuchtung taucht die ganze Region in ein rot-grün-blau-violett-gestreiftes Licht. Das Anbringen der Weihnachtsbeleuchtung ist der verbliebene Rest des Kalten Krieges: Wenn die uns zehnmal verstrahlen können, müssen wir dazu elfmal in der Lage sein! Wie sollte man sich sonst sicher fühlen?

Das von Politikwissenschaftlern „Over-Schmuck“ genannte Phänomen sorgt dafür, dass das Gleichgewicht des winterlichen Schreckens immer mehr ins Absurde übersteigert wird. Solarbetriebene Räucher-Engel, die durch den erzeugten Dampf einen mit Hirten besetzten Güterzug antreiben, der auf einer Art Achterbahn eine Krippenszene umfährt, die Albrecht Dürers Christi Geburt nachempfunden zu sein scheint. Wie lange können wir diesem Druck noch standhalten? Allein mit Herrnhuter Sternen in Größe M? Keine Frage: Wir müssen aufrüsten!

Dabei braucht sich bei den November-Provokationen niemand zu wundern, wenn es irgendwann wirklich mal knallt. Zum Beispiel im Sicherungskasten. Denn ob die Standard-Stromversorgung für Haushalte ausreicht, um eine Rentierherde, einen überdimensionierten Schlitten, ein halbes Duzend blinkende Weihnachtsmänner und eine in mehreren Schichten über die Fassade gelegte Lichterkette zu betreiben, mögen Physiker als Seminararbeit exakt berechnen. Ich bin da eher der Typ „besorgter Nachbar“.

Es ist noch nicht Advent. Aber bald. Und in die Dämmerung hinein strahlt bereits der nächste Coup der benachbarten Gesamtschule, die zur Stromversorgung unter Spitzenlast über ein eigenes Atomkraftwerk verfügt. „Gesegnete Weihnachten“ schreiben umgerüstete Flak-Scheinwerfer in den Himmel über Berlin. Alle drei Sekunden wechselt die Schrift: „Schöne Jahresendfeierlichkeiten“. „Frohes Fest. Ihr Autohaus Brömmel“. Wir müssen handeln. Das sind wir den kommenden Generationen schuldig. Und dem Abendland. Dem Morgenland aber auch.

(Josef Bordat)

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