Ein neues Kirchenjahr

29. November 2015


Am ersten Adventssonntag beginnt ein neues Kirchenjahr. Das ist diesmal etwas ganz besonderes: Die Weltkirche begeht auf Veranlassung von Papst Franziskus das nächste Kirchenjahr als Heiliges Jahr der Barmherzigkeit.

Am ersten Adventssonntag beginnt zugleich die Vorbereitung auf Weihnachten, auf das Fest, das uns Christen an die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth erinnert. Mit dem göttlichen Christus kam etwas in die Welt, das zuvor durch die Sünde verdunkelt war: Barmherzigkeit und Liebe.

Die Liebe Gottes zum Menschen ermöglicht die Liebe des Menschen zu Gott und zum Mitmenschen. Die Barmherzigkeit Gottes strebt nach Recht und Gerechtigkeit für den Menschen. Die Adventszeit dient der betrachtenden Vorbereitung auf diesen Neuanfang Gottes mit dem Menschen.

Das klingt sehr anspruchsvoll und ist es auch. Alfred Delp hat es mit drastischen Worten ausgedrückt: „Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst.“

Geht das denn überhaupt: Erschütterung, wach werden, zu sich selbst kommen – zwischen Glühwein, Lebkuchen und verkaufsoffenem Sonntag? Worauf bereiten wir uns vor – im Advent? Denken wir Weihnachten von uns her, auf dass es ein schönes Fest werde, in der Familie oder im Freundeskreis?

Oder stellen wir uns selbst zurück und denken Weihnachten von Gott her? Feiern wir es wirklich als Fest der Menschwerdung Gottes im Christuskind? Dann können wir auch schon den Advent von Gott her begehen und mit Dietrich Bonhoeffer zu der Erkenntnis gelangen, dass es auf unser Tun dabei gar nicht so sehr ankommt.

In einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge schreibt Bonhoeffer am 21. November 1943 aus dem Gefängnis Berlin-Tegel: „Weißt Du, so eine Gefängniszelle, in der man wacht, hofft, dies und jenes – letztlich Nebensächliches – tut, und in der man ganz darauf angewiesen ist, dass die Tür der Befreiung von außen aufgetan wird, ist gar kein so schlechtes Bild für den Advent.“

In der Tat – kein schlechtes Bild: die Tür, die nur von außen aufgetan werden kann. Das Volk, das im Dunkeln lebt, findet in der Dunkelheit keine Möglichkeit, sich selbst zu erleuchten. Das Licht muss von außen in die Nacht hinein kommen. Dadurch, dass Gott in die Welt kommt.

Wenn wir also in den nächsten Wochen die Türen von Kaufhäusern und die Türchen des Adventskalenders öffnen – denken wir daran: Dass uns die Tür zur Krippe, in der Gott als Mensch liegt, ganz weit offen steht, ist nicht Resultat unserer Geschäftigkeit, sondern das Geschenk der Barmherzigkeit und der Liebe Gottes.

(Josef Bordat)

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