Der Leihmuttervertrag

30. November 2015


Fast keine Satire mehr.

Ein Mann mittleren Alters sitzt in einem Ledersessel und hält ein Glas in der Hand. Auf dem Couchtisch vor ihm Zigaretten und eine Whiskyflasche. Er beugt sich vor, öffnet die Flasche, schenkt sich reichlich ein und lehnt sich zurück.

Wir haben sie nicht gezwungen. Damit das schon mal klar ist. Die macht das freiwillig. (etwas lauter) Und verdient gut daran! 60.000 Dollar. Ist doch eine Stange Geld, nicht wahr?! (dozierend) In dem Dorf, in dem sie da lebt, ist das ein Vermögen! Gut, der Chef von der Agentur, der kommt ja auch aus dem Dorf, also, ursprünglich, der verdient natürlich etwas mehr. Ja, der macht den größten Reibach. (mit großer Anerkennung, fast ehrfürchtig) Was der abkassiert! Von allen Seiten! Aber er muss ja auch viel investieren, hat hohe Kosten. Letzten Herbst hat sich eine von seinen… Mitarbeiterinnen… also, die ist aus dem Fenster gesprungen. (die Betroffenheitsmiene hellt sich auf) Aber die Beerdigung hat er bezahlt! Und Sie wissen ja, wie teuer so etwas ist!

Hier (zeigt ein Papier). Der Vertrag. Alles rechtmäßig, alles geregelt. Ja, und das hat sie unterschrieben. Ich weiß jetzt nicht, wie sie heißt… also, die haben da auch mehr so… Nummern. Unsere war die Drei. Und die Drei hat unterschrieben. Freiwillig. Und zu ihrem eigenen finanziellen Vorteil. Hier: 30.000 bei Vertragsabschluss, weitere 30.000 bei Lieferung. Alles geregelt. Schadensersatz, falls sie das Kind… verliert. Ich meine, sie ist ja wohl haftpflichtversichert! So was hat ja eigentlich jeder Freiberufler, eine Haftpflicht, oder? (blättert durch den Vertrag) 30 Prozent Rabatt bei Down Syndrom. Alles geregelt. Das sind keine Amateure von der Agentur. Die kennen sich aus.

Wir haben ja auch schon schlechte Erfahrungen gemacht. Uns hat man schon mal einen Vertrag ohne Rückgabegarantie angedreht. So ein windiger Typ war das. Ich meine, wir sind natürlich von einwandfreier Ware ausgegangen. Müssen wir ja auch. Geschuldet ist, nach Treu und Glauben, ein Kind mittlerer Art und Güte. Also, ein Mädchen. Einen Jungen hätte man gegebenenfalls gegen Ausfallhonorar von 50 Prozent abtreiben, also: wegmachen… können, da lassen wir mit uns reden. Aber es war ja auch ein Mädchen. Also: Alles in Ordnung. Erstmal. Bis wir sie gesehen haben. (blickt angewidert zur Seite) Ich sag’s Ihnen! So etwas geht ja noch nicht mal als Abschreibungsobjekt! Nein, nein! Aber dieser windige Typ hat Abnahme verlangt! (ihn immitierend) „So, hier ist es! Bezahlt hatten Sie ja. Alles Gute und auf wiedersehen!“ (ernst) Ja, da standen wir dann mit Baby 56MT4. (Pause) Bei Planned Parenthood hat man uns das… Problem dann abgenommen. Für die Hälfte des Originalpreises. (laut) Ich meine, das geht natürlich auf die Dauer ganz schön ins Geld!

Aber hier (zeigt stolz den Vertrag) – das ist wasserdicht! (lehnt sich wieder zufrieden zurück und zündet sich eine Zigarette an). Ich sag nur (fährt mit der geöffneten rechten Hand durch die Luft) Nigeria – frische Ware zu günstigen Preisen. (zieht an der Zigarette) Sie, da können Sie investieren! Fuffzehn Prozent ist da drin. Return on Investment. Wo gibt’s das sonst?! Gut, wir haben jetzt diese Thailänderin. Auch nicht schlecht. Mit (betont) dem Vertrag (hält ihn noch mal hoch).

Jetzt gab es ja neulich diese Meldung, von dem – unter uns: wirklichen fahrlässigen – Kollegen, der seiner Auftragnehmerin drei befruchtete… Dings… eingepflanzt… also, hat einpflanzen lassen… Das ist doch wohl etwas zu viel auf Sicherheit bedacht, oder?! So – und jetzt kommt’s (in vertraulichem Ton): Alle drei haben angeschlagen! (schadenfroh kichernd) Zwei hat er aber nur im Budget. Das dritte muss dann weg. Logisch. (legt den Kopf in den Nacken und zieht an der Zigarette) Ich meine, wir leben in turbulenten Zeiten. Da kann man das Kapital nicht einfach so langfristig binden. Was weiß ich: Morgen jammert der Grieche wieder, der Euro bricht ein – da muss man flexibel bleiben. Wir haben unseren Fuhrpark auch um ein Drittel reduziert. (drückt die Zigarette aus) Und das will er jetzt auch, also, im übertragenen Sinne. Recht hat er, klar.

Aber wissen Sie, was jetzt passiert ist? (kichert) Die Frau, also die Leihmutter, die will das nicht. Also, die Abtreibung. Klar, Sie haben Recht: Kompetenzüberschreitung! Was hat sie sich da einzumischen! Geht sie schließlich nichts an! Richtig. Also, da hat der Mann meine volle Solidarität. Aber… (betont und mit erhobenem Zeigefinger) de facto (kichert)… Was will man tun? (betont) Sie muss ja schließlich die Beine breit machen, dass da… ähm… Sie verstehen… gearbeitet werden kann. (schüttelt den Kopf)

Also, das kann mir nicht passieren. (wedelt mit dem Vertrag) Ich habe die Abnahme von genau einem Baby hier schriftlich festge… warten Sie… das ist die „Was kümmert mich ein späterer Suizid der Frau“-Klausel… nein, das ist es nicht… Moment, ich hab’s gleich… „Zahlungsverzugszinsen“… nein… „Eigentum des Käufers“ (lacht) das bin immer noch ich (murmelnd) „alle weiteren aus dem Zellhaufen sich ergebenen materiellen und immateriellen Rechte, insbesondere die Verwertung in Bild, Ton und…“ (unwirsch) Mensch, wo haben wir’s denn? Ach, hier: „§ 24 (1) Abgenommen wird genau ein Baby weiblichen Geschlechts zum Preis von 60.000 US-Dollar oder dem Äquivalent in Landeswährung (amtlicher Mittelkurs am Tag der Entbindung)“ – Glasklar. (formt Daumen und Zeigefinger der rechten Hand zu einem Ring, überbetont) Kristallklar.

Übrigens: Ich hab‘ jetzt schon drei Millionen Baht auf einem Nummernkonto. Sobald die Wehen einsetzen, tausch ich die zurück. (augenzwinkernd) Druck auf den Devisenmarkt. Da verkaufen dann andere auch, garantiert. Und zack… Kurseinbruch! Wenn die dann ihre Wochenbettdepression hat, kann ich in aller Ruhe den Baht viel günstiger zurückkaufen. Wenn’s klappt, kriegen wir unsere Prinzessin praktisch aus der Kursschwankung finanziert (lacht dreckig). (wieder ernst) Ich meine (winkt ab), das kriegt die ja gar nicht mit. Die hat ja ohnehin noch nie einen Dollarschein gesehen. (lehnt sich zurück und den Kopf in den Nacken, atmet tief durch die Nase ein) Aber das hier (hält die Papiere hoch), das ist mal ein seriöser Vertrag!

Was? Ach, die Uhr (zieht die Manschette seines gestärkten Hemdes hoch, zum Vorschein kommt eine protzige Armbanduhr). Wieviel? (grinst) Sagen wir es so: Die hier (tippt mit dem Zeigefinder der rechten Hand auf die Glasabdeckung) – oder ein Geschwisterchen für unsere Prinzessin. Wenn Sie verstehen, was ich meine. (ergreift das auf dem Couchtisch stehende Glas, lehnt sich zurück und trinkt, verschluckt sich dann fast an unterdrücktem Lacher) Da muss eine junge Frau lange für austragen!

(Josef Bordat)

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