Katholische Scharia?

2. Dezember 2015


Manchmal hört man, die Katholische Kirche habe in Gestalt des Kirchenrechts auch so eine Art „Scharia“ in der Hinterhand und könne sich daher nicht beschweren, wenn der Islam nun seine Gesetze (eben die Scharia) überall einführen will. Mal abgehen davon, dass es inhaltliche Unterschiede zwischen den Rechtsvorstellungen der Kirche und des Islam gibt, müsste eigentlich auffallen, dass eine Gleichsetzung schon aus ganz einfachen Gründen nicht möglich ist.

Eine nicht ganz unwesentliche Differenz zwischen Kirchenrecht und Scharia besteht nämlich zunächst einmal darin, dass das Kirchenrecht nur für Kirchenmitglieder gilt und gelten soll, die Scharia hingegen für alle Menschen, die sich auf dem Gebiet bewegen, auf dem sie vorgibt, was Recht und Unrecht ist. Das Kirchenrecht behandelt überhaupt nur Fragen, die die Kirche und deren Mitglieder betreffen, nach Regeln, die die Gesellschaft möglicherweise nicht versteht oder ablehnt, aber nicht mit dem Anspruch, auch die Vollzüge dieser Gesellschaft in Gänze zu regeln.

Das Kirchenrecht steht daher auch nicht in Konkurrenz zum staatlichen Recht, sondern ergänzt es im Rahmen des verfassungsmäßig zugestandenen Selbstverwaltungsrechts von anerkannten Religionsgemeinschaften; zu diesen zählt die Katholische Kirche. Die Scharia steht eindeutig in Konkurrenz zum staatlichen Recht, weil sie dieses ja in allen Fällen von gesellschaftlichem Regelungsbedarf ersetzen will, einschließlich aller Sanktionen bei Normverstößen. Mit der islamischen Scharia entsteht daher in der Tat eine Paralleljustiz, die rechtsstaatlichen Prinzipien – die Gesetzmäßigkeit der Verwaltung, die Unabhängigkeit der Gerichte, das Gewaltmonopol der Polizei – zugunsten eigener Vorstellungen die Anerkennung verweigert. Die Katholische Kirche erkennt dagegen den Rechtsstaat an und entwickelt im Rahmen des Kirchenrechts dazu keine Alternativen.

(Josef Bordat)

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