Fünf Anmerkungen zur Kondomfrage

3. Dezember 2015


Was Papst Franziskus zum Thema Kondom gesagt hat, erfahren Sie in einem Beitrag des Kollegen Felix Honekamp für die Online-Zeitschrift Disputata, nebst einer kompetenten Erläuterung. An dieser Stelle sei nur an einige allgemeine Hintergründe erinnert, die mir in der Debatte oft zu kurz kommen.

1. Wichtig ist es zunächst einmal, anzuerkennen, dass das „Abraten vom Kondomgebrauch“, auf welches die Haltung der Kirche zum Thema HIV/AIDS oft reduziert wird, nicht im luftleeren Raum steht, sondern Teil der katholischen Sexualmoral ist, bei deren Befolgung das AIDS-Problem gar nicht erst entstanden wäre.

Die katholische Sexualmoral ergibt sich aus der Allgemeinen Moral und diese aus der Anthropologie. Es dürfte klar sein, dass das christliche Menschenbild einer geschöpflichen, gottebenbildlichen Personalität in Form einer leiblich-seelischen Wesenseinheit hier zu anderen Ergebnissen leitet als konkurrierende Menschenbilder, die die Nähe menschlichen Verhaltens zum animalischen Trieb betonen (etwa den „Instinkt“ als moralisch leitende Kategorie einführen) und dessen Befriedigung zur Grundlage der Sexualität machen.

Anders die Theologie des Leibes, wie sie der Heilige Johannes Paul II. verstand. Er führt im Grunde das fort, was – schöpfungstheologisch untermauert – in der katholischen Morallehre Tradition hat: Sex ist etwas von Gott für den Menschen Gewolltes, nicht nur wegen der Notwendigkeit der Fortpflanzung, sondern auch wegen der Möglichkeit, Vertrauen und Liebe auszudrücken. Sexualität hat aus kirchlicher Sicht mithin eine dreifache Bedeutung: die Erfahrung von Lust, die Vertiefung der Beziehung und die Offenheit für neues Leben. Diese Trias ist selbstverständlich auch für den jetzigen Papst Franziskus unhintergehbar, weil ihr eben keine päpstlich-persönliche, sondern eine katholische (heißt: allgemeine) Moral im Rücken steht.

2. Die Aussage, dass nicht Kondome die erste Wahl bei der AIDS-Bekämpfung sind, insbesondere wenn es um die Verhinderung von Neuinfektionen geht, sondern Keuschheit und Treue, trifft die Position der Kirche viel besser als sie schlicht „Abraten vom Kondomgebrauch“ zu nennen. Und diese Position ist erstaunlicherweise nur dann ein Skandal, wenn ein Papst sie vertritt. An vielen kritischen Beobachtern scheint indes völlig vorbeigegangen zu sein, dass dies seit Jahrzehnten auch die Position der wichtigsten katholischen Hilfswerke sowie zahlreicher säkularer Einrichtungen in der AIDS-Bekämpfung ist.

Beispiel Misereor. Das bischöfliche Hilfswerk Misereor meint: „Viele Menschen in Europa verbinden mit dem Schutz vor AIDS vorschnell Kondomkampagnen. Wer aber meint, unter den Lebensbedingungen der Armutsregionen wären sie das Mittel in der AIDS-Bekämpfung, greift viel zu kurz. Die Erfahrungen unserer Partner in Afrika, Asien und Lateinamerika und die Erfolge der gemeinsamen Projekte zeigen uns, dass ein wirksamer Schutz vor AIDS anders, das heißt ganzheitlich, ansetzen muss“.

Beispiel UNESCO und WHO. Das UN-Hilfswerk UNESCO und die Weltgesundheitsorganisation WHO propagieren den so genannten ABC-Ansatz, bei dem A (=abstinence; Enthaltsamkeit) und B (=behavior; Verhalten, also Treue) für vorrangig gegenüber C (=condoms; Kondome) erachtet werden. Die größten Erfolge erreicht man mit A, dann mit B und erst dann – als ultima ratio – mit C.

3. Es drängen sich zudem folgende Fragen auf: Warum geht es eigentlich immer nur um Afrika? Gut, weil dort drei Viertel der Erkrankten lebt. Da ist es sinnvoll, diese Priorität zu setzen. Doch warum soll der Papst gerade für die Situation in Afrika zur Verantwortung gezogen werden, wo es dort verhältnismäßig wenig Katholiken gibt, für die ein etwaiges „Kondomverbot“ überhaupt gelten könnte? Nur 15 Prozent der Bevölkerung Afrikas sind katholisch, 85 Prozent der Afrikaner werden vom Papst – was auch immer er sagen mag – gar nicht direkt angesprochen. Und wie passt dazu, dass dort, wo in Afrika mehrheitlich Katholiken leben, die Rate der von HIV/AIDS Betroffenen signifikant niedriger liegt als anderswo? Zu erwarten wäre doch das glatte Gegenteil!

Aber es scheint die Tatsache, dass die Zahl der Katholiken und die Zahl der AIDS-Kranken in Afrika negativ korreliert, weitgehend unbekannt zu sein. In den Ländern, in denen der Katholikenanteil bei unter 5% liegt, liegt der Anteil der HIV-Infizierten bei über 30% (Swaziland: 43% Infizierte, 5% Katholiken, Botswana: 37%, 4%), in den Ländern, in denen der Katholikenanteil bei unter 10% liegt, liegt der Anteil der HIV-Infizierten bei über 20% Simbabwe 25% Infizierte, 8% Katholiken, Südafrika 22%, 6%). Dort hingegen, wo der Katholikenanteil bei über 10% liegt, liegt der Anteil der HIV-Infizierten bei unter 20% (Sambia 17% Infizierte, 26% Katholiken, Malawi 14%, 19%). Und dort schließlich, wo der Katholikenanteil bei über 30% liegt, liegt der Anteil der HIV-Infizierten bei unter 5% (Ruanda 5% Infizierte, 47% Katholiken, Uganda 4%, 36 %). Kurz: Je mehr Katholiken, desto weniger AIDS.

4. Woran liegt das? Nun, insbesondere wohl an der katholischen Sexualmoral und der Möglichkeit, auf ihrer Basis einen ganzheitlichen Präventionsansatz zu entwickeln. Einen eindrucksvollen Beleg für diese These liefert das zuletzt genannte Land: Uganda. Die Regierung Ugandas hatte in den 1980er Jahren vergeblich versucht, das AIDS-Problem „technisch“, also mit der forcierten Abgabe von Kondomen zu lösen, gesponsert durch europäische Entwicklungsorganisationen. Erst durch eine u. a. von der Katholischen Kirche unterstützte Kampagne für eine Veränderung des Sexualverhaltens, mit der darauf hingewirkt wurde, dass der erste Geschlechtsverkehr später stattfindet und Sex außerhalb einer festen Beziehung seltener geschieht, konnten in den 1990er Jahren die unverbindlichen Sexualkontakte um 60 Prozent und die AIDS-Neuansteckungsrate um 70 Prozent gesenkt werden. Sagt kein Katholikenarsch, sondern die Fachzeitschrift Science. Andere Länder der Region, die nur auf Kondome gesetzt hatten, konnten laut Science, keinerlei Erfolg messen. Heute hat Uganda mit 4% eine der niedrigsten HIV/AIDS-Raten des afrikanischen Kontinents.

Die entscheidende Korrelation, auf die Science hinweist, besteht also nicht zwischen „Kondomverbot“ und „HIV/AIDS-Neuansteckungen“, sondern zwischen „unverbindlichen Sexualkontakten“ und „HIV/AIDS-Neuansteckungen“. Es ist also eindringlich davor zu warnen, dass das ABC der AIDS-Bekämpfung aus Gründen der Leichtfertigkeit umgekehrt wird: erst C, dann B und dann – wenn überhaupt – A. Die Katholische Kirche erinnert an die Bedeutung von A und B, während viele nur auf C setzen, obwohl nachweislich die größten Erfolge mit A, dann mit B und schließlich mit C erzielt werden.

5. Die Bedeutung des ABC der AIDS-Bekämpfung wird auch dann deutlich, wenn man sich die folgenden Fragen stellt: Wo steigt die Zahl der Neuinfektionen besonders stark? Antwort: In Westeuropa und in den USA, vor allem unter weißen Männern. Und warum? „Abraten vom Kondomgebrauch“? Gar „Kondomverbot“? Kirche Schuld? Nein. Die Neuinfektionen geschehen weniger aus Mangel an Kondomen als vielmehr aus Mangel an verantwortungsvollen Verhaltensweisen.

Im Schwarzwälder Boten vom 25. März 2009 war zu lesen, dass 3 Prozent der Bevölkerung von Washington D. C. mit dem HI-Virus infiziert sein sollen. „Die tatsächliche Zahl liegt noch deutlich höher“, wird Bürgermeister Adrian Fenty zitiert, und die AIDS-Beauftragte der Stadt, Shannon Hader, meint: „Unsere Ansteckungsrate ist schlimmer als die in Westafrika.“ Tatsächlich: Um 22% ist die Zahl der Infizierten in Washington D. C. seit 2007 gestiegen. Man stehe, so die Offiziellen, vor einem Rätsel, wie dies trotz der kostenlosen Abgabe von Kondomen geschehen konnte.

Das „Rätsel“, also die hohe Zahl der Neuinfektionen in Westeuropa und in den USA (nicht nur in Washington), ließ sich mit „Kirche ist Schuld!“ bisher offenbar nicht ganz aus der Welt schaffen, so dass es Hauptthema der Welt-AIDS-Konferenz 2012 war. Thomas Friedman, Direktor des US-Zentrums für Krankheits- und Epidemiekontrolle, meinte zu den Ursachen des Phänomens „AIDS-Neuansteckungen“ (also: zu des Rätsels Lösung): Es liege seiner Ansicht nach an dem „sehr viel riskanteren Sexualverhalten zwischen Männern“. Und nicht am Papst.

Wenn sich die AIDS-Pandemie tatsächlich mit Kondomen eindämmen ließe, müsste sie längst eingedämmt sein. Ist sie aber leider nicht. Weil sie eine Folge von menschlichen Verhaltensweisen ist, nicht eine Folge des Mangels oder gar des „Verbots“ von Kondomen durch die Katholische Kirche. Wer also das Verhalten ausblendet und weiter vorrangig auf das Kondom als technische Lösung setzt, wird künftigen Generationen keinen guten Dienst erweisen.

(Josef Bordat)

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