Barmherzigkeit. Anatomie eines Begriffs

5. Dezember 2015


Barmherzigkeit. Darin steckt das mittelhochdeutsche Verb barmen, was soviel bedeutet wie „mit Mitgefühl erfüllen“, „Mitleid erregen“. Wir kennen heute noch die Form „sich erbarmen“ oder „Erbarmen haben“. In barmen steckt das althochdeutsche Adjektiv arm, was „gering“, „hilflos“, „schwach“ bedeutet, aus dem gotischen arms („beklagenswert“, „elend“) abgeleitet. Und was ist mit Mitgefühl erfüllt? Das Herz! Ein „barmendes Herz“ hat, wer tief in sich Mitleid spürt, wer voll ist von Mitgefühl. Der Ort des Barmens ist das Herz.

Das Herz ist traditionell der Sitz des Gefühls (im Gegensatz zum Kopf, der sinnbildlich für den Verstand, für die Vernunft steht). Eine Herzensangelegenheit ist gerade etwas, das man unbeteiligten Dritten nicht restlos verständlich machen kann, durch rationale Argumente. Was dann bleibt, ist oft ein kopfschüttelndes Unverständnis. Was findest Du nur an diesem Hobby, was hast Du nur mit diesen Leuten? Dieses final Unerklärbare passt zu einem Phänomen, das der Barmherzigkeit vorausgeht und ihr zugrundeliegt: Empathie. Auch das Ein- und Mitfühlen ist ein Akt, der sich intellektuell nicht restlos durchdringen lässt. Die ihm entspringende Barmherzigkeit, die sich in konkreten Taten der Nächstenliebe zeigt, wird damit der analytischen Ethik nie ganz zugänglich sein.

Was man aus tiefstem Herzen tut, das ist aus Liebe getan und nicht mehr weiter zu begründen. Das solches Tun trotzdem eine tiefe Rationalität in sich birgt, ist keine christliche Schwärmerei, sondern menschliche Erfahrung, wie der Philosoph Harry Frankfurt zeigt. Der Gedankengang ist – ganz kurz gefasst – folgender: Wir handeln dann im Einklang mit uns selbst, also kongruent mit unserer Vernunft und unserem Gewissen, wenn wir unseren Willen einem Prinzip unterstellen, das uns selbst keine tiefere Begründung mehr abverlangt, etwa ein Grundsatz der Art: „Ich will Gutes tun und Böses unterlassen.“ Ein solcher Grundsatz ist weder begründungsfähig, noch begründungspflichtig. Wer ihm folgen will, muss sich nicht rechtfertigen.

Andererseits ist ein solches Prinzip so allgemein, dass es nicht handlungsleitend wirkt, wenn es darauf ankommt. Wir brauchen genauere Angaben, für die wir uns dann aber wieder rechtfertigen müssen. Wer etwa ergänzt: „Und daher will ich mich für Waisenkinder in Peru einsetzen.“, der muss begründen, warum gerade dieser Einsatz unter „Gutes tun“ subsumierbar sein soll, wo es doch auch so viel Not in Deutschland gibt. Jetzt kommt der springende Punkt: Zwischen diesen Sphären des Wollens – dem anerkannten Prinzip und der konkreten Ausformung zur Absicht – liegt eine Disposition, die Harry Frankfurt „wholeheartedly“ nennt, also: aus ganzem, aus vollem Herzen.

Diese Einstellung, die uns Dinge zu Herzensangelegenheiten werden lässt, führt uns zu einem Handeln in Liebe. Was aus dem Herzen kommt und was mit Liebe getan wird, braucht keine Rechtfertigung. In diesem Sinne kann Augustinus sagen: „Liebe und tu, was Du willst!“ Im Laufe der Jahrhunderte verblasste die Voraussetzung der autonomen Volition: die Liebe. Zum Gefühl degradiert und im Zuge dessen missverstanden als willkürliche, launische, insoweit „ungerechte“ Herzenshaltung verlor die Liebe außerhalb einer dezidiert christlichen Moralvorstellung ihren ethischen Wert. Und das, obwohl wir etwas, das uns Herzensangelegenheit ist, nicht nur im Guten, sondern auch gut tun.

Eine solche Herzensangelegenheit ist also nicht zu verwechseln mit dem Herzklopfen der romantischen Liebe, sondern es gleich eher dem Ruf des Gewissens, das oft mit dem Herzen in Verbindung gebracht wird, wenn wir etwa sagen, dass Gott uns Sein Gebot „ins Herz geschrieben“ hat, dass es sich daher um eine „Stimme des Herzens“ handelt, die uns dazu rät, das Gute zu tun und das Böse zu unterlassen. In diesem Sinne bittet Salomon Gott um ein „hörendes Herz“, um ein guter König sein zu können: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3, 9).

Für den Christen ist die Liebe zu Gott und zum Nächsten die Herzensangelegenheit seines Glaubens, die das ganze Leben prägt. Ihr liegt der Wille zur Einheit mit Gott und dem Nächsten zugrunde, die Empathie, die uns Erbarmen haben lässt, weil wir den anderen Menschen mit den liebenden Augen Gottes sehen und dabei das nötige Mitgefühl entwickeln, um eine Herzenshaltung anzunehmen, die uns zum Handeln treibt. Mit einem Wort: Barmherzigkeit.

(Josef Bordat)

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