Letztes Türchen: Ein Stall.

24. Dezember 2015


Ein Beitrag für den Adventskalender der Blogoezese 2015.

Vielleicht ist es ja das Alter, aber ich habe den Eindruck, dass es recht schnell ging, in diesem Jahr. Die Zeit des Wartens im Advent, die sich in meiner Kindheit schier unendlich hinziehen konnte, ist bereits abgelaufen. Heute wird das letzte Türchen geöffnet. Besonders groß ist es, bei einigen Kalendern. Ein Drittel mehr Schokolade. Mindestens.

Und? Schon in Stimmung? Fragt sich, wofür. Vorbereitet? Frag sich, worauf. Gutes Essen, guter Wein? Geschenke? Oder: Geburt Jesu Christi? Es mag sein, dass ich momentan besonders sensibel auf das alljährliche Ablenkungsmanöver reagiere, das sich „Weihnachten“ nennt, dass ich in diesem Jahr besonders bemüht bin, den Etikettenschwindel aufzudecken und das für mich Wesentliche herauszuschälen. Ich bin heuer einfach nicht in Stimmung für Rührseligkeiten. Für schöne Weihnachten.

Es ist ja auch nichts schön, an den Umständen der Weihnacht. Die Geburt Gottes im Menschen ist eine Geburt in den Tod hinein. Das gilt zwar für jede Geburt, aber hier ist es noch augenfälliger als sonst: Krippe und Kreuz sind aus demselben Holz geschnitzt. Hochmut und Hass, Neid und Aggression brechen sich Bahn in der 2000jährigen Erzählung von der Menschwerdung Gottes. Die wahre Weihnachtsgeschichte handelt nicht vom harmonischen Idyll. Hier spiegelt sich nichts in goldnen Alu-Kugeln. Die roten Schleifchen bleiben auf der Rolle.

Eine Militärdiktatur organisiert die totale Kontrolle über die Bevölkerung im besetzten Gebiet an der Peripherie ihres Machtbereichs. Die Menschen werden schikaniert und bis zur Schmerzgrenze ausgepresst, für neue marmorne Paläste im Zentrum des Imperiums. Sie nimmt dabei keine Rücksicht, auch nicht auf Schwangere. Die Solidarität in der Bevölkerung ist eng begrenzt, Bedürftige werden abgewiesen. Herrschaft basiert auf Grausamkeit, die keine Kompromisse macht. Potentielle Konkurrenz wird ausgeschaltet, ehe sie zur Gefahr heranwachsen kann. Verfolgung, Vertreibung, Leben im Untergrund. Nur so lässt sich dem Terror entkommen. Für einige Zeit. Und übermorgen steinigen sie Stephanus. Es scheint – oberflächlich betrachtet – alles entschieden: Der Mensch als des Menschen Wolf, das Leben sinnlos, die Sinnsuche absurd. Es scheint alles zum Schlechten gewendet, alles verloren zu sein, zu Lasten der Liebe und zu Ungunsten der Barmherzigkeit. Gewalt statt Gänsebraten.

Wir sind aufgerufen, genauer hinzuschauen. Mitten im Chaos von Machtmissbrauch und Überheblichkeit: ein Baby. Neues Leben. Anderes Leben. Zumindest scheint dies möglich. Trotz Abweisung an der Herbergspforte. Dann halt im Stall.

Das Kind wird als junger Erwachsener der Welt ein neues Gesetz geben: Liebt einander. Der Mann, der die Hinrichtung des Diakons Stephan leitet, wird ein paar Jahre später von dieser Liebe schreiben, ganz ohne falsches Pathos, geradezu sachlich. Er wird eine Prioritätenliste erstellen: Glaube, Hoffnung, Liebe. Diese – so wird der Ex-Extremist aus dem Nahen Osten dann schreiben – sei am größten. Das Extreme wird radikal, das Böse wendet sich zum Guten. Paulus ist dafür ein Beispiel. Also: Doch nicht alles verloren?

Ich glaube an Gott und an die Gnade. Ich glaube, dass beides meinen Verstand übersteigt. Damit glaube ich, dass auch diejenigen Menschen von der Gnade Gottes umfangen sind, für die dummerweise Gewalt eine Lösung ist. Die sich zum Beispiel nicht anders zu helfen wissen, als mir wieder und wieder mit dem Tod zu drohen. Auch für sie ist nichts verloren.

Weihnachten gibt mir diesen Glauben. Das Baby schenkt mir diese Hoffnung. Mein Glaube, meine Hoffnung sind klein, vielleicht sogar – ich muss das sagen – etwas kleiner noch als zur letzten Weihnacht. Doch sie besitzen einen unsterblichen Kern. Das heißt: Sie enthalten etwas, das nicht umzubringen ist – nicht mit Todesurteil, nicht ohne. Denn es ist und bleibt das Größte, auch im Kleinen: die Liebe.

Ihnen allen eine gnadenreiche Weihnacht. Denen, die an die Gute Nachricht glauben, sei es zudem ein frohes Fest. Schön muss es nicht sein. An Weihnachten.

(Josef Bordat)

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