Gebrochener Damm

3. Januar 2016


Während in der deutschen PND/PID-Debatte das Thema „Designerbaby“ noch als hysterisches Dammbruchargument zurückgewiesen wurde, gab es in den USA schon längst Anbieter, die – gegen Bezahlung – aus dem Genmaterial zweier oder mehrerer Erwachsener den optimierten Nachwuchs herstellten. Oder, in den Worten der Welt: „Während in Deutschland sogar die Pränataldiagnostik in der Kritik steht, können Paare in den USA Babys im Labor züchten und von Leihmüttern austragen lassen. Es ist ein Milliarden-Geschäft.“

Ein Geschäft, in dem jeder bedient wird. Auch alleinstehende Männer können sich mit einer Frau nach Wahl – beziehungsweise ihrer Eizelle – paaren, um die eigene Art zu erhalten. Zitat: „In einem Katalog und in Videos kann man sich über ihre Herkunft, Ausbildung, Talente und Krankheiten informieren. Die Frauen sind jung, gesund und klug, meist auch sportlich und musisch begabt.“ Wenn es dann nicht klappt mit dem Wimbledon-Halbfinale, war es wohl der Herr Papa.

Dass es auf dem freien Markt Anbieter gibt für etwas, das als Nachfrage bezeichnet werden kann, ist klar. Dass es in den USA kaum regulierende Eingriffe in den Markt gibt, ebenso. Erschreckend allein, mit welcher Selbstverständlichkeit von „Selektion“ die Rede ist, mit welcher emotionalen Leichtigkeit das „Material“ in Güteklassen („‚A‘, ‚B plus‘ oder ‚C minus'“) eingeteilt wird. Mit welcher Kaltschnäuzigkeit „zusätzlich zur Sichtung per Mikroskop ein DNA-Screening“ angeboten wird, um „Erbkrankheiten und genetische Defekte“ auszuschließen – gegen Aufpreis, nehme ich an.

Da lobe ich mir den deutschen Sozialstaat: Bei uns gab es damals das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (1. Januar 1934) kostenlos und für alle. Dessen Zielsetzung („das biologisch minderwertige Erbgut auszuschalten“) könnte heute als Verkaufsargument eine Werbekampagne der CT Fertility tragen. Ja, so ist das heute: Nicht nur Anbieter von Fernsprecheinrichtungen und Rundfunkanstalten geraten unter neoliberalen Privatisierungsdruck, auch „minderwertiges Erbgut“ muss man heute aus der eigenen Tasche wegselektionieren. Wer kann sich das schon leisten? Der kleine Mann und seine kleine Leihmutter haben auch in Zukunft C-Klasse-Kinder, die womöglich auch noch auf natürlichem Wege gezeugt wurden (wie verantwortungslos!) und dann später „irgendwas mit Medien“ machen.

Im Ernst: Schockierend ist für mich, wie groß die Lust an der Eugenik ist, die sich im Artikel zeigt, vor allem aber im Kommentarbereich hemmungs- und gedankenlos Platz schafft. Das Menschenbild ist eines der genoptimierten Biomaschine, die Wünsche Dritter zu erfüllen hat und gefälligst nicht krank werden soll. Man kann nur hoffen, dass sich die Investition in den Kleinen, von dem im Welt-Artikel exemplarisch die Rede ist, auch wirklich lohnt und er zumindest mal einen Golden Globe gewinnt. Oder irgendeinen anderen Blumentopf. Und das keiner seiner beiden Väter bei einer „Zwei minus“ in Mathe die Nerven verliert und ausspricht, was er wohl denken mag: „Und dafür haben wir dich genoptimiert?!“ Armer Mensch.

(Josef Bordat)

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