Feigheit und andere Deutungsmuster. Ein Kommentar

5. Januar 2016


Ich habe zu dem Text über die Feigheit der Täter von Köln (ich muss leider hinzufügen: Hamburg und Stuttgart) einige Rückmeldungen erhalten – einige sachliche, einige unsachliche. Tendenz: Je unsachlicher, desto anonymer. Quod erat demonstrandum. Ich will kurz auf die sachlicheren unter den Anmerkungen eingehen.

Feigheit als Deutungsmuster ist zu einfach. Richtig. Kein Geschehen ist monokausal, von daher ist die Erklärung (Feigheit – und zwar in erster Linie: Feigheit der Täter!) unzureichend. Das gebe ich zu. Ich wollte hier auch keine kriminalpsychologische Dissertation über Gruppenvergewaltigungen abliefern, sondern der ebenso monokausalen „Erklärung“ entgegentreten, es handle sich bei den Straftaten quasi um die logische Konsequenz der Aufnahme von Flüchtlingen, aus der dann wieder gefolgert wird, die Grenzen seien schleunigst dicht zu machen, so wir denn wollen, dass Frauen in Zukunft noch Nachts auf die Straße gehen können. Das halte ich nämlich – verglichen mit der Feigheitsthese – für den noch größeren Unsinn.

Herkunft und Kultur spielen doch eine Rolle. Als Arbeitshypothese lasse ich das gelten, als letztinstanzliches Werturteil nicht. So aber wird die Aussage oft vorgetragen. Dass die Tatverdächtigen neben „nordafrikanisch“ noch andere Merkmale aufwiesen (jung, alkoholisiert, männlich) darf nicht zu schnell in den Hintergrund rücken. Auch hier könnte man tatrelevante Eigenschaften und Einflussgrößen vermuten, ohne gleich ein Verbot von Brauereien zu fordern. Oder die vorsorgliche Inhaftierung aller jungen Männer vor Silvester, Karneval und dem örtlichen Schützenfest.

Nordafrikaner sind nicht sakrosankt. Aus der Ablehung einer Allausage folgt nicht die Ablehnung der entsprechenden Existenzaussage. Wenn ich mich gegen Pauschalverdächtigungen von Nordafrikanern ausspreche, bedeutet das nicht, dass ich der Meinung wäre, Nordafrikaner seien qua natura außer Stande, Frauen zu belästigen. Sie sind es nicht. Die Frage ist, ob es umgekehrt in ihrer Natur oder Kultur liegt, eine Neigung zu sexuellen Übergriffen zu haben, die Bulgaren, Luxemburgern oder Neuseeländern fremd ist. Also: Ist es wahrscheinlicher, dass eine Frau belästigt wird, wenn sie Nachts einem jungen Mann aus Nordafrika begegnet als wenn sie einem jungen Mann aus Nordrhein-Westfalen begegnet? Gibt es dazu belastbares empirisches Material? Das hätte ich dann gerne.

Flüchtlinge bringen ihr Frauenbild mit nach Deutschland. Ja, klar. Ist das ein Wunder? Die Frage ist doch: Ist das Frauenbild des Durchschnittsflüchtlings so viel schlechter als das des Durchschnittsdeutschen? Woran macht sich das fest – an Kultur, an Religion? Das muss man untersuchen, bevor man urteilt. In der Bibel findet sich beides: Hochachtung (Jesus lässt sich von einer Frau salben und nimmt Frauen auf in seinen Schülerkreis) und Zurücksetzung (Paulus empfiehlt den Frauen zu schweigen und ihren Männern zu gehorchen). Was ist wesentlich für das Christentum? Was steht im Koran? Was ist wesentlich für den Islam? Wollen wir empirisches Material hinzuziehen? Wirklich? Um festzustellen, dass in Deutschland anteilsmäßig deutlich weniger Frauen im Parlament sitzen als in Bolivien, im Senegal, in Nicaragua, in Namibia, in Äthiopien und in Mozambique? Und, wenn wir bei der Untersuchung feststellen, dass in den Herkunftsländern der Flüchtlinge die Rechtslage – gerade auch für Frauen – ungünstiger ist als bei uns, könnte es dann nicht auch sein, dass die Menschen, die zu uns kommen, gerade deshalb zu uns kommen, weil sie dieser ungünstigen Lage entfliehen wollen? Oder ist es plausibler anzunehmen, dass sie uns eben jene Rechtsauffassung aufzwingen wollen, die sie hat fliehen lassen?

Die Rolle der Polizei und der Medien wird nicht gewürdigt. Wie gesagt: Es sollte keine Dissertation werden. In einer solchen bekämen beide ein eigenes Kapitel. Es ist in der Tat fragwürdig, warum die Polzei die Lage – so mein Eindruck – nicht unter Kontrolle hatte und warum die Medien nicht Ross und Reiter nennen, warum mithin der Eindruck entsteht, es dürfe nicht offen über Herkunft und Kultur diskutiert werden. Das darf, das muss. Allerdings: sachlich und eng an den Fakten. Dass vielen Menschen Sachlichkeit nicht möglich ist, weiß ich selbst. Das kann aber kein Grund für Denkverbote sein. Es wäre vielmehr ein weiteres Zugeständnis an einen Diskurs, der geführt wird, ohne zu denken.

Oktoberfest – ist nicht vergleichbar. Nicht?

(Josef Bordat)

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