Religion

5. Januar 2016


Das französische Satiremagazin Charlie Hebdo zeigt auf seinem neuen Cover zum Jahresgedenken an den Anschlag auf die Redaktion eine Zeichnung, die Gott als Terroristen darstellt. Unterschrift: „Ein Jahr danach: Der Mörder ist immer noch auf der Flucht“.

Es gibt wohl nur eines, das falscher ist als sich mit Gewalt von Gott beauftragt zu wähnen: Gott selbst als Gewalttäter zu sehen. Doch Gott steht hier ja auch nur stellvertretend für „Religion“. Dass ikonographisch der christliche Gott dargestellt wird – das Dreieck mit Auge steht für die Dreieinigkeit – spielt dabei keine Rolle. Denn das wäre nur dann ein Problem, wenn man überhaupt noch zwischen einzelnen Religionen unterscheiden könnte bzw. müsste. Muss man aber nicht. Kann man auch gar nicht. Vor allem: Will man nicht. Das ist unmodern. „Religion“. Das reicht.

Im Kampf gegen „Religion“ scheint jedes Mittel recht. Differenzierungen sind quasi verboten, mindestens aber verpönt. Zwischen radikal und extrem wird nicht mehr unterschieden (tut mir Leid, Hannah Arendt!), im Zweifel ist das, was man nicht versteht, fundamentalistisch. So kann dann auch eine radikale Christusnachfolge bei einem Terroranschlag von Extremisten gleich mitdiffamiert werden. So kann man auch hinter Verzicht und Askese verkappte Aggression und Gewalt vermuten. So kann man christliche Märtyrer und islamistische Selbstmordattentäter unter denselben Wahnbegiff subsummieren. So bekommt man sie unter alle, alle unter einen Alu-Hut. „Religion“.

Der zunehmende Mangel an Differenziertheit fällt aber nicht nur bei französischen Satiremagazinen oder in den Kommentarbereichen deutscher Qualitätsmedien auf, sondern zunehmend auch in der Politik. Aufgefallen ist mir das zum Beispiel Mitte November bei Cem Özdemirs Parteitagsrede zur Rolle des Islam in der Gesellschaft eines demokratischen Rechtsstaats, wo es urplötzlich auch ganz allgemein um „Heilige Schriften“ ging, die nicht über dem Grundgesetz stehen dürften. Was genau meint der Mann?, habe ich mich gefragt. Tanach und Talmud, die Bibel und die Bhagavad Gita, das Buch Mormon und das Buch der Schatten? Ach, so: Egal! „Religion“.

Unter uns: Komplexitätsreduktion ist eine prima Sache und sicher auch notwendig, um überhaupt noch zu Potte zu kommen. Aber bitte nicht an der falschen Stelle! Nicht da, wo es wirklich ums Eingemachte geht! Um – Sie ahnen es – Religion. Um Glaube und Gott, um Transzendenzsehnsucht und Sinnsuche. Hier sollte man sich die größte Mühe geben, um sicherzustellen, dass man das, was man gerade kritisiert, zuvor nach besten Kräften zu verstehen versucht hat. Alles andere tut Gott – vor allem dem mit dem Dreieck – ziemlich grob Unrecht. Den meisten Menschen übrigens auch.

(Josef Bordat)

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