Eine Armlänge Zurückhaltung

6. Januar 2016


Freilich: Der Hinweis an Frauen, die sexuell belästigt werden, doch Abstand von den Tätern zu halten, ist misslungen. Gerade auch die Konkretisierung („eine Armlänge“) bietet Angriffsfläche, obgleich der Ratschlag, gegenüber Unbekannten erst einmal Abstand zu halten, und zwar „eine Armlänge“ oder auch „eine Unterarmlänge“, in jedem Bewerbungsratgeber zu finden ist (Kapitel: Vorstellungsgespräch, Abschnitt „Begrüßung“).

Gemeint war wohl, was ohnehin gilt, wenn man sich im öffentlichen Raum bewegt, zumal bei Großveranstaltungen: Aufmerksam zu sein, auf das eigene Eigentum zu achten – und das im umfänglichen Sinne Lockes. Nicht nur die Geldbörse sichern, sondern auch die körperliche Unversehrtheit. Rücksicht nehmen. Unangenehme Situationen auflösen – kurzfristig und vorläufig auch durch Rückzug. Das hat nichts mit Unterwerfung und Abendlanduntergang zu tun, sondern mit Vernunft.

Im Zusammenhang mit den Vorfällen in der Silversternacht an diese Selbstverständlichkeiten zu erinnern, gibt den Hinweisen Schlagseite. Es scheint, die Lasten würden grundsätzlich falsch verteilt. Motto: Täter können so bleiben, wie sie sind, Opfer müssen ihr Verhalten ändern. Das hat die Kölner Oberbürgermeisterin sicher nicht gemeint. Nun über Henriette Reker herzufallen, als habe sie sich nicht bloß ungeschickt ausgedrückt, sondern zynisch sein wollen, zu Lasten der Opfer und aller Frauen überhaupt, das ist extrem billig.

Wir werden das vermutlich noch öfter erleben: Hilflose Spitzenpolitiker, die sich ungeschickt ausdrücken. Denn ungeschickte Äußerungen sind Ergebnis des Umstands, dass man als Spitzenpolitiker für komplexe Probleme in kürzester Zeit eine einfache Lösung präsentieren soll. Hohe Zahl an Freiheitsgraden, geringe Zahl an Daten, praktisch nur Variable, kaum Konstanten, ein auf schnelle Abhilfe drängendes, insgeheim – seien wir ehrlich – auf Fehler wartendes Volk. Was soll dabei heraus kommen?

Man kann der Hilflosigkeit mit Häme begegnen („Guckt mal, wie hilflos!“), wie das derzeit passiert. Dann fühlt man sich auch gleich besser. Was sage ich: überlegen! Überlegen fühlt man sich. Man kann – könnte – dem aber auch mit Zurückhaltung begegnen. Das würde der schmerzlichen Einsicht, dass die Probleme zu komplex sind für schnelle, einfache Lösungen, wohl am ehesten gerecht.

Nur: Das tun wir Menschen nicht gerne. Wir haben gerne Lösungen für Probleme. Auch einfache. Hauptsache schnell. Und je komplexer das Problem ist, desto mehr scheint zu gelten: Je einfacher die Lösung, desto eher wird sie akzeptiert. Globalisierung? Grenze zu! Migration? Stoppen! Klimawandel? Gibt’s nicht! Damit bekommt man in Deutschland zehn Prozent. Mindestens.

Das Eingeständnis, momentan schlicht überfordert zu sein, ist keine Option. Schon gar nicht für Menschen, deren komplexesten Problem es zu sein scheint, morgens früh den Rechner einzuschalten und das Facebook aufzurufen. Wenn man sich dann noch für die Netzdebatten ein Pseudonym überlegen muss („Großdenker“), ist der Akku leer. Und das ist wohl die Bedingung der Möglichkeit, einfache Lösungen für komplexe Probeme zu akzeptieren.

Ach, so: Ich habe auch keine Lösungen für unsere Probleme. Zumindest keine einfachen. Über alle anderen denke ich nach. Kann dauern.

(Josef Bordat)

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