Misshandlung und Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen

9. Januar 2016


Die Zahl der Fälle von Misshandlung und Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen ist offenbar viel größer als bisher angenommen. Eine unabhängige Untersuchung durch Rechtsanwalt Ulrich Weber im Auftrag des Bistums Regensburg kommt zu diesem vorläufigen Ergebnis, wie Radio Vatikan unter Hinweis auf den gestern veröffentlichten Zwischenbericht meldet, leider unter der Schlagzeile Missbrauchsskandal: Bis zu 700 betroffene Domspatzen, was suggeriert, „bis zu 700“ Schüler seien sexuell missbraucht worden. Das entspricht aber wohl nicht den Tatsachen.

Es ist richtig, das intensiv geprüft und genau nachgeforscht wird, um auch geringfügigere Übergriffe zu erfassen. Umso wichtiger ist es dann aber, entsprechend nach Fallgruppen und der Schwere der Taten zu differenzieren. Nicht jede Berührung ist sexueller Missbrauch, nicht jeder Klapps eine schwere körperliche Misshandlung. Und nicht jede körperliche Misshandlung ist sexueller Missbrauch. Zugleich ist nicht jede Misshandlung körperlich – weit schlimmer wirken oft Demütigungen nach. Gerade die waren im Untersuchungszeitraum (1953 bis 1992) offenbar an der Tagesordnung.

Zudem muss man den historischen gesellschaftlichen Kontext berücksichtigen. Niemand mag heute Schläge in Ordnung finden, aber in den 1950er und 1960er Jahren waren sie gängiges Erziehungsmittel. Dass man also zu dem Befund kommt, ein Drittel der Schüler sei geschlagen worden, sollte nicht überraschen. Das gilt wohl für jede Grundschule und jedes Gymnasium. In Deutschland bestand bis in die frühen 1970er Jahre hinein ein so genanntes „körperliches Züchtigungsrecht“ des Lehrers gegenüber dem Schüler, in Bayern sogar bis 1982. Interessant wäre es daher zu ermitteln, ob die Prügelstrafen in den letzten Jahren des Untersuchungszeitraums zahlenmäßig stabil blieben oder aber – was zu erwarten oder mindestens zu erhoffen wäre – signifikant sanken.

Apropos Zahlen: Diese müssen deutlich nach oben korrigiert werden. Es sind wohl weit mehr als die 72 Opfer körperlicher Gewalt, die bislang vom Bistum anerkannt worden waren, und wohl auch mehr als zwei Täter, die wegen sexuellen Missbrauchs belangt wurden. Die Gesamtopferzahl kann bis zu zehnmal höher liegen, wenn man den Vermutungen glauben schenken will, dass jeder dritte Regensburger Domspatz ein Gewaltopfer geworden ist. Bei knapp 2500 Schülern in den 40 Jahrgängen wäre das etwa diese Größenordnung. Ulrich Weber hat jedenfalls „derzeit keinen Grund, an einer Gesamtopferzahl von 600-700 zu zweifeln“.

Diese Zahl bezieht sich aber auf alle Formen von Misshandlung und Missbrauch: körperliche Gewalt (aus heutiger Sicht immer verwerflich, damals größtenteils alltäglich), seelische Grausamkeit und sexuelle Übergriffe, die von Annäherungsversuchen, unerwünschten Berührungen bis hin zu Vergewaltigungen gingen. Weitere Ermittlungen werden hoffentlich ein genaueres Bild und damit auch ein gerechteres Urteil ermöglichen.

Das Bistum Regensburg hat zu dem Zwischenbericht keine Stellung genommen, es wartet bis zur Veröffentlichung des Abschlussberichts.

(Josef Bordat)

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