Gutmensch

12. Januar 2016


„Gutmensch“ ist Unwort des Jahres 2015. Zu Recht. Denn viel zu oft wird das wirklich gute Engagement von Menschen diffamiert, insbesondere auch aus der Distanz, ohne Detailkenntnis. Die Frage ist dann, auf welcher Seite der eigentliche Gutmensch zu finden ist: auf der des Diffamierten oder auf der des Diffamierenden?

Man muss schon unterscheiden: Gutmensch und guter Mensch. Beide, der Gutmensch und der gute Mensch, wissen: Man kann nicht allen Menschen in Not helfen. Ein guter Mensch hilft Einigen, weil er barmherzig ist und Barmherzigkeit ihn zum Handeln nötigt, ein Gutmensch Niemandem, weil er gerecht ist und Gerechtigkeit ohne Gleichheit für ihn ein unterbestimmtes ethisches Konzept bildet. Der gute Mensch fordert, dass kein Mensch das Recht haben soll, eine Frau als Sklaven zu halten. Der Gutmensch fordert das auch. Es heißt schließlich „Sklavin“.

Ein Gutmensch ist ein Mensch, der gut scheint, ein guter Mensch einer, der gut ist. Schon Platon macht diesen Unterschied und meint, der Mensch, der bloß gut scheint, verfehle das Wesen der Moral. Er werde nur vordergründig und kurzfristig zufrieden sein, weil er hoch angesehen werde, ohne etwas dafür tun zu müssen. Doch seine wahre Bestimmung erreicht der Mensch nur, wenn er auch gut ist, nicht bloß gut scheint. Das allein kann ihn glücklich machen.

Gutmenschen sind also – auf lange Sicht – nicht wirklich glücklich. Dazu müssten sie gute Menschen werden. Daran wird man den Unterschied erkennen: an der Zufriedenheit, die von einem Menschen ausstrahlt. Oder auch nicht. Man sollte sich jedenfalls hüten, pauschal und mit Abstand Menschen zu beurteilen, die man gar nicht kennt. Das ist nie gut, Mensch!

(Josef Bordat)

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