Jesus ausradiert

13. Januar 2016


Ich hatte nach dem letzten Champions League-Finale noch meine Witze gemacht, nun überholt die Realität jede Satire: Die FIFA zensiert ihr Video über den Triumph des FC Barcelona, an dem auch der für den „Goldenen Ball“ nominierte (und am Ende drittplatzierte) Brasilianer Neymar teilhatte. Die inkriminierte Stelle: Neymar trug bei der Siegerehrung ein Stirnband mit der Aufschrift „100% Jesus“.

Neymar ist Christ und scheut das Bekenntnis nicht. Er verweist auf den, dem er den großen Sieg zu verdanken hat, er vergisst auch in der Stunde des persönlichen Triumphs nicht, worauf es im Leben ankommt. Soweit meine Deutung, mit der man leben können sollte. Auch als Nicht-Christ.

Das sieht die FIFA anders: Du sollst keine Götter nehmen mir haben. An dem Punkt ist er streng, der Fußball-Weltverband. Dankbarkeit ausdrücken? Kann man machen, wenn es dabei um die eigene Oma geht. Aber: Jesus? Geht nicht! Klein‘ Moment – wird gelöscht.

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Vorher: Jesus. Nachher: Nichts. Die FIFA als kulturgeschichtliche Seismographin. Quelle: Hazteoir.

Religiöse und politische Bekundungen widersprechen den FIFA-Richtlinien, doch selten wird bei Zuwiderhandlungen so konsequent durchgegriffen. Katalanische Spieler dürfen selbstverständlich die Fahne der Unabhängigkeit zeigen. Ohnehin sind Nationalfahnen immer erlaubt.

Dabei sollte die FIFA wissen, dass Jesus ausradieren! derjenige Vorgang in der Menschheitsgeschichte ist, der wohl am dramatischsten scheiterte. Und auch hier könnte die Reaktion eher die sein, dass man sich fragt: „Moment mal – stand da letzten Sommer nicht ‚100% Jesus‘ auf dem Stirnband?“

Und schon haben die FIFA-Zensoren das erreicht, was theologische Fakultäten seit Jahrzehnten vergeblich versuchen: Ein Anfangsinteresse zu wecken, für diesen Jesus.

(Josef Bordat)

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