Klostersturm

13. Januar 2016


Heute vor 75 Jahren: Geheimerlass zur Beschlagnahme von Klöstern

Die Zerschlagung aller Systeme jenseits des eigenen Machtapparats war das innenpolitische Ziel der Nationalsozialisten. Was sich nicht gleichschalten ließ, wie die Katholische Kirche, die schon Bismarck für ihren staatfeindlichen Ultramontanismus gegeißelt hatte, sollte Schritt für Schritt aus dem öffentlichen Leben gedrängt werden. Zunächst ideologisch, dann mit symbolischer Gewalt, schließlich mit physischer Gewalt.

NS-Ideologe Alfred Rosenberg hatte bereits 1930 in Der Mythus des 20. Jahrhunderts die Unvereinbarkeit von Nationalsozialismus und Christentum betont: „Der Mythus des römischen Stellvertreters Gottes muß ebenso überwunden werden wie der Mythus des ‚heiligen Buchstabens‘ im Protestantismus. Im Mythus von Volksseele und Ehre liegt der neue bindende, gestaltende Mittelpunkt.“ Eine völkische „Religion des Blutes“ solle das Christentum ersetzen, so Rosenberg, denn dieses sah er durch die Katholische Kirche, vor allem durch die Jesuiten, verdunkelt, verfälscht und „verjudet“. Noch vor der Machtübernahme war klar: Nationalsozialismus und Katholische Kirche – das ist inkompatibel.

Viele Katholiken hatten diesen Braten frühzeitig gerochen. Dort, wo sie in der Mehrheit waren, waren die NSDAP-Wähler in der Minderheit – und umgekehrt. In Bayern, im Rheinland und in Schlesien, wo damals über 80 Prozent der Menschen katholisch war, erreichte die NSDAP bei den Reichstagswahlen vom November 1932 unter 20 Prozent. In der Diaspora Nord- und Mitteldeutschlands hingegen erreichte sie flächendeckend über 35 Prozent, in einigen Regionen auch die absolute Mehrheit der Wählerstimmen. Die Stimmung in der katholischen Bevölkerung war also keineswegs „Pro Hitler“. Hätten sie allein das Sagen gehabt, wäre Hitler nie an die Macht gekommen. Wäre es nach den Nicht-Katholiken gegangen, hätte Hitler gar nicht erst den Weg über eine Koalitionsregierung gehen müssen, sondern wäre gleich zum „Führer“ aufgestiegen.

Die zunehmende Diskreditierung des Katholizismus in der NS-Zeit, die in vielen Stürmer-Karikaturen Ausdruck fand und sogar zu Solidaritätsbekundungen aus der unverdächtigen sozialistischen Ecke führte (in einer 1936 im Prager Exil gedruckten Sonderausgabe der Arbeiter-Illustrierte-Zeitung wurde auch der Antikatholizismus der Nazis getadelt), zeigt in aller Deutlichkeit, dass die Kirche den neuen Machthabern unbequem war, auch nach dem Konkordat (1933), das dem politischen Katholizismus (vor allem der Zentrumspartei) ein Ende bereitet hatte.

„Ab 1933 verhaftete das Nazi-Regime tausende Mitglieder der katholischen Deutschen Zentrumspartei, unter ihnen katholische Priester, und schloss katholische Schulen und Institutionen, entsprechend der totalitären Politik der nationalsozialistischen Partei und ihres Bestrebens, jede konkurrierende Autorität zu beseitigen. Dies stand in Widerspruch zum ‚Konkordat‘, das 1933 mit dem Vatikan geschlossen worden war. In den Kriegsjahren wurden verschiedene katholische Organisationen unterdrückt und tausende katholische Priester in allen Gebieten der nationalsozialistischen Besatzung wurden eingesperrt und ermordet.“ Dieses Zitat findet man an einem der Apologetik unverdächtigen Ort: auf der Website der Gedenkstätte Yad Vashem. Drei Fakten kann man dieser Stellungnahme entnehmen: 1. Umgehende Unterdrückung katholischen Lebens und Kontrolle über katholische Einrichtung. 2. Die Nationalsozialisten hielten sich nicht an das Konkordat. 3. Katholische Priester waren Teil des NS-Vernichtungsplans.

In Dachau entstand ein eigener Lagerkomplex, der so genannte „Priesterblock“. Tausende Geistliche waren dort inhaftiert, die meisten von ihnen katholischer Konfession. Viele starben an den Folgen der unmenschlichen Bedingungen. Bekannt sind Alexander Heinrich Alef, Victor Dillard, Anton Fränznick, Christoph Hackethal, Bischof Michał Kozal, Karl Leisner, Anastazy Pankiewicz, Anton Schies und Aloys Scholze. In Auschwitz wurde die katholische Intelligenz Polens zu vernichten versucht. Das bekannteste Opfer ist sicher der Franziskaner-Minorit Pater Maximilian Maria Kolbe, der 1941 durch eine tödliche Injektion ermordet wurde, nachdem er für den Familienvater Franciszek Gajowniczek in den Hungerbunker gegangen war. Weitere bekannte Opfer sind die polnischen Salesianer Josef Kowalski und Włodzimierz Szembek. Zudem wurden in Auschwitz die Karmelitin Teresia Benedikta vom Kreuz (Edith Stein) sowie Angela Autsch, eine Schwester des Trinitarier-Ordens, ermordet. Weitere prominente katholische Opfer der Nazis sind Marcel Callo, Alfred Delp, Jakob Gapp, Johann Gruber, Bernhard Lichtenberg, Friedrich Lorenz, Max Josef Metzger, Otto Müller, die Hartmannschwester Maria Restituta Kafka, Herbert Simoleit, Hermann Josef Wehrle, der Seminarist Franz Wipplinger und der Karmeliterpater Paulus Wörndl.

In diese gewaltsame Eskalation fällt auch der so genannte Klostersturm, der heute vor 75 Jahren angeordnet wurde. Martin Bormann befahl am 13. Januar 1941 in einem Geheimerlass, Klöster zu besetzen, das Vermögen zu beschlagnahmen und die Gebäude in NS-Einrichtungen umzuwandeln. Der Vorwurf: „volks- und staatsfeindliches Verhalten“. Das reichte. Ordensgemeinschaften waren dem NS-Regime seit der Machtübernahme ein Dorn im Auge, bildeten sie doch ein nicht vollständig zu reglementierendes Rückzugsgebiet – für Gedanken und Menschen. Orden galten den Nazis als „militanter Arm der katholischen Kirche“, als „Kampftruppe des römischen Papsttums“ – und es galt, sie zu zerschlagen. Heute vor 75 Jahren war es soweit.

Mehr als 300 der insgesamt etwa 1600 Klöster im Reichsgebiet wurden im Zuge des Geheimerlasses enteignet, insbesondere im Rheinland und in Westfalen. Doch bereits seit Kriegsbeginn (1. September 1939) waren immer wieder Klöster und kirchliche Einrichtungen beschlagnahmt worden – unter dem Vorwand „kriegsnotwendiger Maßnahmen“. Auch das reichte. Damals. Protestschreiben der Bischöfe bleiben zunächst wirkungslos, ehe der Münsteraner Bischof Clemens August von Galen im Sommer 1941 u. a. die NS-Kirchenpolitik scharf angriff. Hitler verfügte am 30. Juli, die Beschlagnahme von Klöstern einzustellen. Nicht aber die Enteignung von Ordensgemeinschaften. Noch bis 1942 fanden umfangreiche Vermögenseinziehungen statt.

Hitlers Einlenken stellt aber keine Kehrtwende in der Haltung des NS-Regimes gegenüber der Kirche dar, sondern ist taktischen Überlegungen geschuldet: An der „Heimatfront“ konnten die Nazis keine Unruhe gebrauchen. Und die hatte es gegeben, im katholischen Westfalen – nicht nur in Münster, sondern auch in Olpe, wo sich Gläubige mehrere Tage schützend vor das örtliche Pallottinerkloster gestellt und sich dabei regelrechte Schlachten mit der Gestapo geliefert hatten. Die Zerschlagung der Katholische Kirche blieb auf der To do-Liste der NS-Führer, sollte aber erst „nach dem Endsieg“ stattfinden. Dann sollte auch Bischof von Galen hingerichtet werden. Dazu kam es bekanntermaßen nicht. Der Nationalsozialismus brach 1945 zusammen. Und Bischof von Galen wurde 1946 zum Kardinal ernannt. Am 9. Oktober 2005 sprach ihn Papst Benedikt XVI. selig.

(Josef Bordat)

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