15 Jahre Schwarmtendenz

15. Januar 2016


Wikipedia ist eine in bestimmten Themenbereichen (Religion, Christentum, Katholische Kirche) sehr tendenziöse Quelle.

1. Nicht nur Jobo72 hat heute Geburtstag, nein: auch die Wikipedia. Die wird heute 15 Jahre jung. Wikipedia gilt als gelungenes Beispiel für Schwarmintelligenz. Das Mitmach-Lexikon belegt scheinbar die Auffassung, dass ganz, ganz viele Köche den Brei nicht verderben, sondern das Menü erst ermöglichen. Und zwar nach dem Geschmack möglichst vieler.

Das an und für sich löbliche Unternehmen hat Schwächen, die sich immer dort zeigen, wo es nicht um die Auflistung von Fakten, sondern um die Einordnung von Positionen geht. Hier tritt neben die Schwarmintelligenz eine unverkennbare Schwarmtendenz. Gerade bei Themen wie Religion, Christentum und Katholische Kirche ist Wikipedia eine äußerst tendenziöse Quelle.

Das nicht, weil sie grob fehlerhaft wäre, sondern weil ihre Autoren und insbesondere die wachsamen Redakteure durch Auswahl der betrachteten Aspekte eines Sachverhalts inhaltliche Schwerpunkte setzen. Das macht der Brockhaus auch, aber bei der Wikipedia ist der redaktionelle Vorgang nicht mehr als hierarchisch-subjektiver erkennbar, weil er im Narrativ des gleichförmigen Schwarms untergeht.

Kurzum: Die Wikipedia-Erzählung ist eine Mogelpackung hinsichtlich der Methode, auch dann, wenn der Inhalt zu 90 Prozent stimmt. Oder immerhin zu 60 Prozent. Das allein ist schon manipulativ und kritikwürdig. Gut hingegen, dass die Entwicklung eines Artikels nachvollziehbar ist, denn im Versionsvergleich tritt manchmal allerhand Erhellendes zu Tage.

2. Hinzu kommt eine auffällige Diktion, die oft genug nicht dem Standard der Disziplin entspricht, und ganz beiläufige Thematisierungen von Religionskritik in Biographien, die in der Summe und Gradlinigkeit den Verdacht nähern, in der Wikipedia werde subtil für bestimmte Weltanschauungen geworben, vor allem, weil religiöse Haltungen – auch dort, wo sie für Leben und Werk eine Rolle spielen – in Personen-Artikeln nur selten erwähnt werden, und wenn, dann nur auf Zuruf und widerwillig, so scheint es, und daher – zur Rettung der Wikipedia-Mission – mit sehr eigentümlichen Konnotationen.

Und in anderen Fällen hat man das Gefühl, es soll eine gezielte Demontage von Persönlichkeiten stattfinden, auch um den Preis der Aufgabe selbstauferlegter Neutralitätsregeln, die ja ohnehin bei einigen Themen nicht greifen können (besser wäre es, man markierte die fehlende Neutralität deutlich, um den Lesern eine Einordnung zu ermöglichen).

3. Zudem werden semantische Werte von Textgattungen nicht berücksichtigt. Damit wird es etwa möglich, eine theologische Kritik des Judentums im Spiegel der Lex Nova Jesu als Billigung der Judenverfolgung auszulegen, also politisch zu deuten. So geschehen mit einer von Wikipedia zitierten Einlassung Michael Kardinal von Faulhabers, der als Erzbischof von München und Freising in seinen Adventspredigten zum Verhältnis von Judentum und Christentum, von Altem Bund und Neuem Bund in Richtung der katholischen Christen (wer hört sonst eine Predigt in einem katholischen Gottesdienst?) meinte: „Das alte Gesetz sagte: Aug um Auge, Zahn um Zahn! Christus: Liebet eure Feinde. […] Wir haben keine Wahl: Entweder sind wir Jünger Christi, oder wir fallen in das Judentum der biblischen Vorzeit und seine Rachelieder zurück.“

Daraus meint Wikipedia schließen zu können: „Bischof[sic!] Michael von Faulhaber lehnte in seinen Adventspredigten 1933 zwar inviduelle gewalttätige Übergriffe gegen Juden, nicht aber die staatliche Judenverfolgung ab. Das Judentum sei eine ‚Rachereligion’“. Aha. Wie passt das zu der Tatsache, dass die Machthaber in den Adventspredigten einen Fall von „Kanzelmissbrauch“ sahen? Wie passt das zu der Tatsache, dass im Mai 1934 uniformierte und bewaffnete Gauführer der HJ die Berliner Filiale der Herderschen Buchhandlung stürmten und die Entfernung des „katholischen Schunds“ aus der Auslage und die Einstellung des Verkaufs der mittlerweile gedruckten Adventspredigten von Kardinal Faulhaber verlangten? Wie passt das zu der Tatsache, dass der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern ihm 1949 dankte: „Als Vertreter der Bayerischen Kultusgemeinden werden wir nie vergessen, wie Sie, verehrter Herr Kardinal, in den Jahren nach 1933 mit einem Mut sondergleichen die Ethik des Alten Testaments von der Kanzel verteidigten und Tausende jüdischer Menschen vor dem Terror und der Gewalt geschützt haben.“

Also. Erstens: Kategorienfehler im Hinblick auf die Textgattung. Zweitens: Rachelieder machen noch keine Rachereligion. Drittens: Etwas weit hergeholt, die Schlussfolgerung. Aber nicht für Wikipedia. Da ist dieser übergreifende und zurechtschleifende Stil üblich. Wenn es gegen die Kirche geht.

4. Und gegen die geht es. Immer. Kein gutes Haar gilt es zu lassen an Christentum und Kirche. Im Artikel Liebe steht geschrieben: „Die Feindesliebe ist eine im Neuen Testament auf Feinde bezogene Nächstenliebe, die oft als christliche Besonderheit gilt, aber auch in anderen Religionen vorkommt – so zum Beispiel im hawaiischen Hoʻoponopono, bei dem sie sich als ‚den anderen loslassen‘ ausprägt“. Auffällig hier die umgehende Relativierung mit einem sehr weit hergeholten, nicht besonders wirkmächtigen Einzelbeispiel, das in den Augen der Wikipedianer sogar in der Lage ist, den gewählten Plural – „auch in anderen Religionen“ – zu belegen (Normalsterbliche erwarten hier mindestens zwei Beispiele).

Abgesehen davon trifft es gar nicht wirklich den Kern der Sache: der „Andere“ ist nicht primär immer gleichbedeutend mit der „Feind“. Aber dem Christentum ein Alleinstellungsmerkmal zubilligen? Ein positives gar? Nein, nein. Es gibt den hawaiischen Hoʻoponopono, der die Sache – etwas zurechtbiegen noch, dann passt es – widerlegt. Gott sei Dank.

5. Ferner sagt der Umfang von Lexikonartikeln etwas über die einem Sachverhalt grundsätzlich zugeschriebene Bedeutung aus. Es erstaunt daher nicht, dass in der deutschen Wikipedia der Eintrag zum Stichwort Polyamory mit über 100.000 Zeichen mehr als doppelt so lang ist wie der Eintrag zum Stichwort Christentum.

Weist man auf diese und ähnliche Missstände hin, ist der Tenor im Diskussionsbereich nicht unbedingt einladend. Kein Wunder: Christen gibt es unter den Mächtigen bei deutschen Wikipedia nur wenige. Kirchenkritische Geister dafür umso mehr.

Die Folge: Gleiches wird ungleich behandelt, wenn es nur irgendwie der Kirche schadet. Beispiel: Ein Museumsbau in Troisdorf kostete statt drei Millionen Euro am Ende neun Millionen Euro. In den einschlägigen Wikipedia-Artikeln zu den Troisdorfer Museen und zur Burg Wissem findet man keinen Hinweis auf die medial thematisierte Kostenexplosion, während es in Franz-Peter Tebartz-van Elsts Wikipedia-Biographie ein Hauptkapitel „Umstrittene Amtsführung“ mit dem Unterpunkt „Bischofshaus“ gibt, in dem ausführlich (über fünf Absätze) die Kostenfrage des Bauprojekts Diözesanzentrum erörtert wird.

6. Wikipedia unterläuft aber auch eigene Standards, indem sie bei Wikiquote durch geschickte Zitatauswahl auf höchst fragwürdige Literatur hinweist, die wegen der Qualitätsstandards den Sprung in die Wikipedia niemals schaffen würde. Beispiel: Jobeljahr. Beispielsatz: „Dazu gehören oft solche sexueller Natur, die sog. Enthaltsamkeit, aber auch die alttestamentliche Forderung nach einer Neuverteilung fast aller Güter nach sieben Jahren – das sog. Jobeljahr.“

Das ist zum einen Unsinn, weil ein Schuldenerlass und Besitzausgleich für die Israeliten nicht alle sieben, sondern alle 50 Jahre geboten war (Lev 25, 8-55), zum anderen stammt der Satz aus dem Buch eines eher weniger bekannten Verfassers namens Arendt Roland Jachwe, das als Book-on-Demand vor einigen Jahren erschien, Titel (festhalten!): Gottes Sturz aus dem Himmel. Was sich hinter „Gott“, seinen „Engeln“und den Marienerscheinungen in Wahrheit verbirg. Darin, so erfährt man nach kurzer Recherche im weltweiten Netz der unbegrenzten Möglichkeiten, werde „erstmals ein wissenschaftlich-kritischer, also nicht mehr sinnvoll anfechtbarer Beweis geführt, daß in der Antike tatsächlich außerirdische Großraketen von der Erde aus gestartet sind“. Der Verfasser hoffe, mit diesem Buch die „Prä-Astronautik“ ein für alle Mal „auf den Weg hin zu einer anerkannten wissenschaftlichen Disziplin gebracht“ zu haben.

Außerirdische. Raketen. Ein wissenschaftlich-kritischer, also nicht mehr sinnvoll anfechtbarer Beweis. Das überrascht ein wenig. Doch noch mehr überrascht es, dass ausgerechnet ein Zitat aus diesem Buch, dessen Verfasser nicht einmal zu wissen scheint, was genau ein Jobeljahr ist, in Wikiquote als erläuterndes Beispiel für den Begriff Jobeljahr herhalten muss. Über Wikiquote schleichen sich also Referenzen ein, die man sich bei Wikipedia gemeinhin verbittet. Ein skurriler Zufall? Der Verfasser hofft es.

7. Besonders auffällig ist schließlich, wie unkritisch mit Medienberichten umgegangen wird, sobald diese hinreichend kirchenkritisch sind. Im Artikel zur Gemeinschaft Sant’Egidio heißt es: „Der italienische Journalist Sandro Magister behauptete 2003“ – was folgt sind haarsträubende Anschuldigungen, die sich ohne weiteres widerlegen lassen, doch darum soll es hier nicht gehen. Es geht vielmehr um folgendes: Italienische Journalisten, die irgendetwas behaupten, sind für ein Lexikon keine geeignete Quelle. Da gilt dann plötzlich die Vorsichtsregel, die sonst immer zur Abwehr unliebsamer Fakten aus unliebsamer Quelle zum Einsatz kommt, nicht mehr. Warum auch: Es passt ja ins anti-christliche Konzept der Wikipedia.

Auf dieser Linie liegt auch die ohne schuldhaftes Zögern in den Personen-Artikel Braulio Rodríguez Plaza eingeplegte „Kontroverse“: „Am 27. Dezember 2015 vertrat der Erzbischof laut Medienberichten in einer Predigt den Standpunkt, dass Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden, oft selbst schuld daran seien. Seiner Ansicht nach wird die Gewalt dadurch ausgelöst, wenn die Frau dem Mann nicht gehorcht und seine Forderungen nicht erfüllt oder gar mit der Scheidung droht. Insgesamt stellte er den Begriff der Häuslichen Gewalt in Frage und verurteilte zu leichtfertige Eheschließungen sowie hohe Scheidungsraten durch eine zu scheidungsfreundliche Gesetzgebung in Spanien.“ Nun: Man sollte selbst als Wikipedianer nicht alles glauben, was in der Zeitung steht – passe es auch noch so gut ins Wikipedia-Weltbild. Mal sehen, wie lange es dauert, bis der Abschnitt der Wirklichkeit angepasst (d.h. in diesem Fall: gestrichen) wird.

Trotz allem: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

(Josef Bordat)

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