Wir brauchen mehr Inquisition!

24. Januar 2016


Und eine größere Ambiguitätstoleranz auch.

Was mir im Diskurs dieser Tage auffällt, ist die Tatsache, dass wir sehr schnell beschuldigen, Gerüchte in Umlauf bringen, die sich mit rasender, nicht einholbarer Geschwindigkeit ausbreiten, ohne genauer zu untersuchen, ob das, was wir unterstellen, überhaupt wahr sein kann. Dabei wenden wir uns direkt an die beschuldigte Person, ohne Umwege, ohne nachdenkliches Zögern. Das ist uns ohnehin völlig abhanden gekommen.

So, wie die Fähigkeit, Mehrdeutiges und Zweischneidiges zu ertragen. Statt vielschichtige Interpretationen zu ertragen, wollen wir alles in eine Richtung aufgelöst sehen. Die Schneide wird dazu auf einer Seite zu schärfen versucht, schon, damit die andere Seite verhältnismäßig stumpf erscheint. Ambiguitätsintoleranz hat das ein Freund kürzlich genannt. Ein neues Wort, für mich zumindest, und ich lerne gerne neue Wörter kennen. Vor allem dann, wenn sie so gut beschreiben, was ich empfinde.

Es ist schier unfassbar, in welcher Art und Weise auf Menschen eingeschlagen wird, die vermeintlich oder tatsächlich einen Fehler gemacht haben. Ob spanische Bischöfe oder argentinische Berufsfußballer – allein die grundlose Vermutung, sie hätten einen Fehler gemacht, führt zu unaussprechlichen Anschuldigungen – unaussprechlich im Rahmen zivilisierter Diskurse. Und dazu, dass sich ein derart großer Hass offenbart, dass ich mich frage, wie er so lange unentdeckt bleiben konnte.

Es gab in der Menschheitsgeschichte sicher Zeiten, in denen man noch brutaler aufeinander einschlug, aber gab es Epochen und Kulturen, in denen das so unnachgiebig und zugleich so flächendeckend erfolgte? In denen hunderte Menschen in bizarren Gewaltphantasien ein Todesurteil über jemanden sprachen, den sie gar nicht kennen können? Und auch nicht wollen. Das ist erst heute möglich. Bei spanischen Bischöfen oder argentinischen Berufsfußballern, im Facebook und auf Twitter.

Umso mehr muss eine Gesellschaft mit diesen technischen Möglichkeiten wieder zurück zur Inquisition als Moralprinzip, eine Strategie der Wahrheitssuche, die einst das Paradigma der Akkusation ersetzte, das heute wieder vorherrscht – ironischerweise unter der Maßgabe einer Moderne, die für sich moralischen Fortschritt in Anspruch nimmt. Der ist jedoch in allergrößter Gefahr, wenn Anschuldigungen nach dem Gesinnungsprinzip beglaubigt werden und Untersuchungen aus Zeitgründen ausfallen.

(Josef Bordat)

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