Moral nach Auschwitz

27. Januar 2016


Thomas Schröder gibt Adornos Vorlesungen über „Probleme der Moralphilosophie“ heraus

Theodor W. Adorno (1903-1969) ist einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Mit Max Horkheimer und Walter Benjamin zählt Adorno zu den wichtigsten Vertretern der „Frankfurter Schule“, die aus dem Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt hervorging. In der Nazi-Zeit emigriert (Adorno war väterlicherseits jüdischer Abstammung), kehrte er 1949 nach Frankfurt zurück, wo er zu einem der wichtigsten Denker der jungen Bundesrepublik wurde, und zugleich zu einem ihrer „kritischen Theoretiker“; zu seinen Schüler zählt unter anderem Jürgen Habermas. Zugleich ist Adorno Komponist und Musiktheoretiker.

Adorno ist in seinem gesamten Spätwerk stark vom Holocaust beeinflusst. Ob in seinem zusammen mit Max Horkheimer verfassten Hauptwerk „Dialektik der Aufklärung“ (1947) oder in dem berühmten Essay „Erziehung nach Auschwitz“ (1966): Stets reflektiert er vor dem Hintergrund der Frage, wie passieren konnte, was passiert ist. Seine Lösung kristallisiert sich im Begriff vom „Verblendungszusammenhang der bürgerlichen Gesellschaft“. Anders gesagt: Was fehlte, war Mündigkeit und die Fähigkeit zur Kritik. Das ist die Hintergrundmelodie seiner gesamten soziologischen und philosophischen Arbeit der „späten Frankfurter Phase“ (1949-1969).

Deutlich zu hören ist sie auch in seiner Ethik, etwa in seiner Vorlesung über „Probleme der Moralphilosophie“ (1963), die Thomas Schröder für die Reihe „Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft (stw)“ herausgegeben hat. Der Text ist identisch mit dem 10. Band der IV. Abteilung („Vorlesungen“) aus der Reihe „Nachgelassene Schriften“, die vom Theodor W. Adorno Archiv herausgegeben wurde. Bei den 17 Vorlesungen handelt es sich um editorisch (formal und stilistisch) leicht überarbeitete Transkriptionen von Tonbandaufnahmen der Vorträge. Die stw-Ausgabe verfügt über ein hilfreiches Personenregister und eine zweiseitige Übersicht über die wesentlichen Inhalte der Vorlesungen.

Sie gehen von Adornos Grundsatz aus, dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gebe, dass also Individuum und Kollektiv – Gesellschaft oder Gemeinschaft – gleichermaßen Gegenstand der praktischen Moralität sind und von einer theoretischen Moralphilosophie erfasst werden müssen. Adorno will von Moral sprechen, nicht von Ethik. Das erinnere zu sehr an „Ethos“ („Charakter“), ein Begriff, dessen individualistische Note die kollektive Dimension dessen verhülle, wovon Moralphilosophie handelt. Die kollektive Dimension zu enthüllen wehre indes einer „Verblendung“ der Gesellschaft. Mündigkeit durch Moralität, das ist das Anliegen der Moralphilosophie Adornos.

Diese liegt damit quer zum Zeitgeist der frühen 1960er-Jahre, der „bürgerlichen Gesellschaft“ par excellance. Aber auch für uns heute, ein halbes Jahrhundert später, hat Adorno die richtige Botschaft, etwa wenn er gleich zu Beginn der Veranstaltung seine Hörerinnen und Hörer darauf hinweist, dass die Auffassung, man müsse nur seinem eigenen Ethos gemäß leben, um dem moralischen Anspruch zu genügen, falsch sei, dass mithin keineswegs „schon das richtige Leben herauskomme“, „wenn man, wie man so schön sagt: sich selbst verwirkliche oder wie diese Phrasen alle lauten mögen“. Adornos unzeitgemäße Kommentare zur Moralphilosophie als Disziplin und zur Moral als Praxis der Lebensführung haben im letzten halben Jahrhundert nichts an Aktualität eingebüßt. Sie zu lesen, lohnt sich.

Erstveröffentlichung in: Literaturkritik (2011).

(Josef Bordat)

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