Zwischenzeitliche Kapitulation

29. Januar 2016


Eigentlich sehe ich es als meine Aufgabe an, Argumente in Diskursen zu identifizieren, zu sortieren und damit grobe Begründungslinien zu ziehen, um so die Hauptströmungen öffentlicher Meinung beschreiben zu können. Das kann dialektisch geschehen (rechts und links) oder auch nach beteiligten Interessengruppen geordnet. Jedenfalls ergibt sich am Ende ein Bild, vor dem ich mich positionieren kann, um aus Gründen eine subjektive Perspektive einzunehmen.

Das ist mir in der Flüchtlingsdebatte bisher nicht gelungen, obwohl ich sehr viel lese und nachdenke. Mehr eigentlich als sonst, mehr als bei anderen Debatten. Und doch komme ich zu keinem Ergebnis. Das verunsichert mich. Es gibt so viel Disparates und Widersprüchliches. Es ist überkomplex. Philosophen, die sich an der Komplexitätsreduktion versuchen, scheitern meiner Ansicht nach mehr oder weniger kläglich. Aus Vereinfachung wird Banalität. Dann besser schweigen.

Das einzige, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist folgendes:

1. Eine zufriedenstellende Auflösung des Problems in der Sache, zu welcher Seite auch immer, ist nicht möglich, zumindest nicht sinnvoll. Wir müssen mit den Spannungen und Unsicherheiten leben. Zwischen rücksichtlosem Abschottungswillen und ruinöser Weltrettungsabsicht gibt es einen vernünftigen Weg, den wir gemeinsam suchen müssen.

2. Sprachliche Abrüstung ist bei dieser Suche dringend geboten. Der Goldene Regel-Test gehört vor jedes Posting. Das ist keine Selbstzensur, sondern einem Minimum an Anstand geschuldet. Wir müssen einander wieder zuhören, auch, wenn das schmerzt. Wir brauchen ehrliche Untersuchungen, keine billigen Beschuldigungen. Wir brauchen Fachleute, keine Phantasten. Wir brauchen konkretes Engagement, keine vollmundigen Versprechungen.

3. Gewalt ist niemals ein Mittel der Auseinandersetzung. Niemals. Dabei meine ich mit Gewalt insbesondere die unmittelbare Gefährdung von Menschen. Es muss weiterhin möglich sein, kriminelles Verhalten rechtstaatlich zu bewältigen, ohne es politisch – in welche Richtung auch immer – auszuschlachten und damit Gräben zu vertiefen.

Das ist nicht viel. Ja, das ist enttäuschend. Aber bei einer Gleichung mit zu vielen Unbekannten kann man die richtige Lösung auch nicht so schnell erwarten. Ein paar der Variablen stillschweigend rauszustreichen, ist eine unzulässige Vereinfachung. Da ist es wohl besser, vor dem Gegenstand zwischenzeitlich zu kapitulieren. Muss ja nicht für immer sein.

(Josef Bordat)

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