Der Mensch lebt nicht für sich allein

4. Februar 2016


Bemerkungen zur katholischen Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis von Person und Gemeinschaft. Text zur gestrigen Sendung in der Reihe Katechismus auf Radio Horeb, nachzuhören hier.

1. Einleitung

Niemand lebt für sich allein. Der Mensch ist ein gemeinschaftsbildendes Wesen, ein zoon politicon, en ens sociale. Diese anthropologische Grundeinsicht spiegelt sich auch in der katholischen Glaubenslehre wieder. So hoch die Kirche die menschliche Person als mit Vernunft und Gewissen individuell ausgestattetes und insoweit persönlich vor Gott verantwortliches Wesen schätzt, so absolut sie die Würde des Menschen setzt, als von Gott jedem Einzelnen eingestiftetes Gütesiegel der unendlichen, bedingungslosen Liebe des Schöpfers zu seinem Geschöpf, so verkennt sie doch nicht, dass jede Person eingebettet ist in eine menschliche Gemeinschaft. Denn schließlich ist die Kirche selbst eine solche, ja, ist das Christentum von Beginn an auf die Bildung von Gemeinschaft ausgerichtet.

Das Verhältnis von Individuum und Kollektiv, von Person und Gemeinschaft ist das zentrale Thema der Politischen Philosophie, angefangen von Platon und Aristoteles über die christlichen Denker des Mittelalters (etwa Thomas von Aquin) und die Vertragstheoretiker der Frühen Neuzeit (Hobbes, Locke, Rousseau) bis hin zu den Sozialphilosophen der Gegenwart, die Gerechtigkeit unter den Bedingungen von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit für eine moderne Gesellschaft zu bestimmen versuchen (man denke an John Rawls oder auch Jürgen Habermas). Wie die Katholische Kirche im Rahmen ihrer Soziallehre dieses Thema behandelt, erfahren wir im Katechismus unter den Nummern 1877 bis 1927, im Jugendkatechismus Youcat sind es die Nummern 321 bis 328 und im Kompendium die Nummern 401 bis 410. Darauf beziehe ich mich in der folgenden Erläuterung.

2. Person

Zunächst wird unter Nummer 401 (Stichwort: „gesellschaftliche Dimension des Menschen“) darauf hingewiesen, dass der Personbegriff im Christentum selbst ein relationaler, auf Gemeinschaft ausgerichteter ist. Der dreifaltige und dreieinige Gott ist wesentlich bezugnehmende Liebe – zunächst in sich selbst, dann auf den Menschen gerichtet. Gott als personale Trinität, als Beziehung dreier Personen (Vater, Sohn und Heiliger Geist) ist das Urbild von Gemeinschaft. Der Mensch übernimmt als Ebendbild Gottes diese relationale Personalität; er ist damit qua Schöpfung beziehungsaffin und trägt in sich mithin die kaum hintergehbare Neigung zur Gemeinschaft. Der Mensch hat als Person Beziehungsqualität, die sich in der Bildung ganz unterschiedlicher Gemeinschaften (Partnerschaft, Familie, Gemeinde, Kirche, Staat) entfaltet. Gemeinschaftsbildung liegt damit – schöpfungstheologisch gesprochen – in der menschlichen Natur.

3. Subsidiarität

Als zentraler Begriff zum Bestimmung des richtigen Verhältnisses von Individuum und Kollektiv, von Person und Gemeinschaft dient das Prinzip der Subsidiarität (Nummern 402 und 403). Als ein Grundsatz der katholischen Soziallehre beschreibt das Subsidiaritätsprinzip den „Vorrang der kleineren Lebenskreise“. Der jeweils kleineren Gemeinschaft – etwa der Familie – darf durch eine größere – etwa den Staat – nichts von dem abgenommen werden, wozu ihre eigene Leistungsfähigkeit reicht. Das muss nach Auffassung der Kirche Grundsatz der Sozialpolitik sein. Das heißt beispielsweise, dass finanzielle Notlagen zunächst durch familiäre oder hausgemeinschaftliche Solidarität bewältigt werden müssen, ehe der Staat mit seinen Sozialkassen einspringt, was er dann allerdings auch tun muss. So ist es ja in Deutschland grundsätzlich auch geregelt: Hartz IV bekommt man nicht, wenn man einen Ehepartner hat, der gut verdient, eben auch dann nicht, wenn man als Alleinstehender einen Anspruch auf staatliche Transferleistungen hätte. Hat man diesen Anspruch, muss der Staat ihm jedoch gerecht werden.

Das Subsidiaritätsprinzip geht aber noch weiter, weit über den Bereich der Sozialgesetzgebung hinaus. Er betrifft zum Beispiel auch die Erziehungsberechtigung der Eltern, die gegenüber dem staatlichen Bildungsauftrag grundsätzlich vorrangig ist. Leider wird im Bereich von Erziehung und Bildung immer weiter vom Subsidiaritätsprinzip abgerückt, zugunsten etwa einer Pflicht zur Teilnahme an Kursen, die auch höchstpersönliche Bereiche der Lebensorientierung betreffen (etwa Sexualität und Weltanschauung). Das ist noch keine Totalität, die damit von Staats wegen Einzug hält, aber eben auch keine Subsidiarität mehr.

4. Gerechtigkeit

Gemeinschaft braucht, damit sie für die menschliche Person gut ist und von den Menschen anerkannt wird, eine gerechte Grundordnung (Nummer 404). Eine Gesellschaft, die sich nicht um Gerechtigkeit bemüht, fällt auseinander, weil die Identifikation der Menschen mit ihr in dem Maße schwächer wird, in dem sie ungerecht auf den Menschen zurückwirkt. Freilich lassen sich solche Gesellschaften eine gewisse Zeit mit Gewalt zusammenhalten, doch die innere Bindungslosigkeit lässt den Menschen in einer solchen Zwangsgemeinschaft sein Wesen als Person verfehlen.

Gerade Diktaturen wollen aber gar keine starken Persönlichkeiten, sondern eine leicht manipulierbare Masse. Nicht von ungefähr gehen alle totalitären Regime mit einer deutlichen Entpersonalisierung des Menschen einher („Du bist nichts, Dein Volk ist alles“, so hieß es damals im Nationalsozialismus). Das ist Kennzeichen einer gottlosen Gemeinschaft, einer Gesellschaft ohne Gott: dass sie ein Kollektiv ohne menschliche Personen bildet, sondern allein Funktionsträger kennt, Erfüllungsgehilfen staatlicher Zwecke. Der Mensch jedoch ist immer Zweck an sich, wenn er Person ist; seine Instrumentalisierung impliziert zugleich seine Entpersonalisierung.

Heute neigt unsere – an und für sich demokratische und auch weitgehend gerechte Gesellschaft – wieder dazu, den Menschen zu entpersonalisieren. Aller scheinbaren Individualisierung zum Trotz schrumpft der Mensch – auf Kaufkraft reduziert – in einem konsumistischen Leistungssystem zur vergleichbaren und austauschbaren Größe. Diese Entwicklung ist umso gefährlicher, als sie implizit verläuft und daher erst dann als Problem wahrgenommen wird, wenn die Beziehungslosigkeit als Mangelerscheinung verlorener Personalität krankhaft wird und sich als Depression oder Angststörung bemerkbar macht. Medien und Wirtschaft – in der Werbung wirkungsvoll vereint – bilden in diesem „Spiel“ die sanften Steuerungskräfte, die sich demokratisch kaum zähmen lassen.

5. Herrschaft

Gemeinschaft braucht Herrschaft. Diese muss gerechtfertigt sein – ihre Autorität muss sich sachgerecht begründen lassen (Nummern 405 und 406). Das Kennzeichen einer gerechtfertigten und daher anzuerkennenden Herrschaftsform ist ihre Orientierung am Gemeinwohl, das über gerechte Gesetze und eine gerechte Ordnung zu erreichen versucht wird. Einer Autorität schuldet der einzelne Mensch Gehorsam, soweit für ihn keine Verstöße gegen das Grundprinzip der Gerechtigkeit und Gemeinwohlorientierung erkennbar sind.

Das entbindet die Person andererseits von der Pflicht, den Normen einer Gemeinschaft zu folgen, wenn er diese vor seinem Gewissen als ungerecht erkennt. Dieser Gewissensvorbehalt ist selbst Teil der Normativität einer gerechten Ordnung. Wenn das Gewissen jedoch unter die gesellschaftliche Norm gestellt wird (etwa – wie im Sozialismus – als „Klassenbewusstsein“) müssen die inneren Alarmglocken läuten. Das Gewissen ist die Reflexionsfläche für das Gesetz – und zugleich der Ort, an dem Widerstand gegen Ungerechtigkeit deutlich spürbar wird. Diesen Widerstand durch Handeln äußerlich und damit allgemein erkennbar werden zu lassen, kann ein ungesetzliches Recht im Umgang mit ungerechten Gesetzen sein, ein Recht, das in bestimmten Fällen gar eine moralische Pflicht bedeutet.

6. Gemeinwohl

Das Gemeinwohl ist die zentrale Stell- und Regelgröße einer Gesellschaft (Nummern 407 bis 410). Es umfasst „die Achtung und Förderung der Grundrechte der Person“ sowie „die Entfaltung der geistigen und zeitlichen Güter der Menschen und der Gesellschaft“, mit dem Ziel, „Frieden und Sicherheit“ für alle zu gewährleisten. Diese abstrakten Bestimmungen müssen freilich konkretisiert werden. Bei Grundrechtskollisionen, wie sie in einer pluralen Gesellschaft unvermeidbar sind, müssen Prioritäten gesetzt werden, die wiederum werteorientiert und weltanschaulich prädisponiert sind. Dabei muss stets der Grundsatz der Gerechtigkeit herrschen und das Bemühen erkennbar sein, der menschlichen Person in ihrer freien Entfaltung keine unnötigen Hemmnisse aufzugeben, insbesondere aber, ihre unveräußerliche Würde zu achten.

Das Gemeinwohl wird am besten verwirklicht, wenn das Prinzip der Subsidiarität beachtet wird und damit die kleinen gemeinschaftlichen Einheiten der Gesellschaft bei der rechtlichen und materiellen Förderung im Mittelpunkt stehen. Das verlangt vom einzelnen Menschen die Übernahme von Verantwortung für den ihm zugewiesenen Teil der gemeinschaftlichen Arbeit, ohne dies mit schädlicher Machtausübung und überzogener Einflussnahme zu verbinden. Auch der Einzelne muss also die Gemeinwohlorientierung der Gesellschaft und ihrer Herrschaft mittragen, soweit ihm dies möglich ist.

7. Fazit

Niemand lebt für sich allein. Wir Menschen brauchen einander. Wir sollen Gemeinschaften bilden, in die wir uns einbringen, ohne ganz in ihnen aufzugehen. Die Kirche versucht mit den Konzepten Subsidiarität und Solidarität, Gerechtigkeit und Gemeinwohl Bedingungen für Herrschaft und das richtige Maß an Kollektivismus für das Individuum zu bestimmen, um der auf Beziehung ausgerichteten menschlichen Person zu einem angemessenen Gemeinschaftsleben zu verhelfen.

(Josef Bordat)

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