Schein oder Sein?

11. Februar 2016


Zum Gedenktag Unserer Lieben Frau in Lourdes, zugleich Welttag der Kranken

Die vier wichtigsten katholischen Wallfahrtsorte (der Petersdom in Rom sowie die Marienwallfahrtsorte Lourdes, Fátima und Guadalupe) werden jährlich von etwa 50 Millionen Menschen besucht. Allein Lourdes wird Jahr für Jahr von 10 Millionen Pilgern besucht. Warum?

Die Pilger suchen in Lourdes Heilung ihrer Leiden – im Glauben an die Heilkraft der Quelle, welche die Muttergottes einem 14jährigen Mädchen vor über 150 Jahren offenbarte. Daher ist der Gedenktag Unserer Lieben Frau in Lourdes für die Katholische Kirche zugleich der Welttag der Kranken.

Ist das nicht leichtgläubig, ja, geradezu aberwitzig, einer 14jährigen solch ein Vertrauen entgegenzubringen? Heute noch? Millionenfach? Das ist sicher Ansichtssache oder anders gesagt: Eine Frage des Glaubens. Für katholische Christen geht von Lourdes eine nicht anders als mit Gottes Wirken erklärbare Kraft der Heilung und des Heils aus.

Die Kirche hat es sich mit den Berichten der Bernadette Soubirous über ihre Marienerscheinungen ab dem 11. Februar 1858 sehr schwer getan. Gemeinsam mit dem Ortspfarrer hat der zuständige Bischof vier Jahre lang den Wahrheitsgehalt der Aussagen des Mädchens geprüft. Die Frage war dabei eigentlich nur: Lügt sie oder irrt sie?

Zwischenzeitlich macht auch die Politik in Gestalt des Bürgermeisters Druck: Ihm wurde mitgeteilt, dass eine geplante Zugtrasse an Lourdes vorbeilegt werde, sollte man dort nicht bald zur Besinnung kommen. Er klagt: „Sie werden sehen, diese kleine Landplage hat uns die Eisenbahn vermasselt.“ Selbst die eigene Mutter glaubt Bernadette nicht.

Doch schließlich erfolgt am 18. Januar 1862 die kirchliche Anerkennung der Marienerscheinungen. Bernadette konnte nicht gelogen oder sich geirrt haben: den von ihr berichteten Namen der weißgewandeten Dame hätte sie sich unmöglich ausdenken können: Unbefleckte Empfängnis.

Vom Dogma der Immaculata conceptio bzw. der Bulle Ineffabilis Deus von Papst Pius IX., in der dieses am 8. Dezember 1854 verkündet wurde, wusste die 14jährige Bernadette jedenfalls nichts. Das wäre wohl auch das mit Abstand größere Wunder gewesen.

Zahlreiche Berichte über Heilungen bestätigen seither die besondere Kraft, die von Lourdes ausgeht. Auch hierbei gilt: die Kirche prüft diese Berichte immer sehr streng. Die Kirche sucht keine Wundererzählungen für den Reputationsgewinn ihres Glaubens, schließlich ist sie sich des größten Wunders gewiss: Gott wird Mensch, um den Menschen zu erlösen. Diese Heilsgewissheit ist wichtiger als jede Heilungsgeschichte.

Die Kirche prüft die Heilungsberichte sorgfältig und unter Einbeziehung unabhängiger Experten. Nur so lässt sich das heilige und heilende Wirken Gottes vom Wunschdenken des Menschen unterscheiden. Gerade bei medizinischen Wundern ist dabei sicherlich die Grauzone zwischen autogener Heilung psychosomatischer Symptome und unerklärlicher Gesundung bei eigentlich unheilbarer Krankheit fließend.

Dennoch: Es gibt Wunder. Sagt der Glaube, der bekanntlich Berge versetzt. Es gibt zumindest beeindruckende Zeugnisse. Das muss auch der Unglaube anerkennen. Ein skeptischer Journalisten hatte 1960 vom zuständigen Sekretär Akten über Wunderberichte zur Prüfung erhalten. Er wollte darin für einen Verriss der kirchlichen Wunderlehre recherchieren.

Nachdem er aber die Fälle sorgfältig studiert hatte, musste er eingestehen, dass es nach menschlichem Ermessen an der Unerklärlichkeit der dort beschriebenen Ereignisse keinen Zweifel mehr geben könne. Es seien tatsächlich Wunder. Der Sekretär erwiderte ihm: „Und dabei sind die Akten, die ich Ihnen gab, doch nur die, die wir als mangelhaft abgelehnt haben.“

Wunder oder Einbildung? Sein oder Schein? Anders gefragt: Lohnt sich Lourdes? An der Antwort auf diese Frage scheiden sich die Geister. Es mag Menschen geben, die gegen das Unerklärliche des Wunders die Leistung künftiger wissenschaftlicher Forschung einwenden. Doch auch das ist freilich eine Hoffnung, ein Glaube.

Zumal dieses Denken das Wesen des Wunders umgeht: Gott wirkt ja nicht in der Natur, wie ein zusätzliches Kraftfeld oder eine ominöse Energieform, sondern außerhalb dessen, was überhaupt natürlich gegeben und von daher naturwissenschaftlich erfahrbar ist. Er wirkt von Person zu Person. Personalität ist aber gerade kein Gegenstand der Naturkunde.

Für den Gläubigen indes zählt dieser personale Kontakt außerhalb des weltlichen Geschehens. Für den Gläubigen lohnt sich also eine Pilgerfahrt immer. Und nicht erst in Krankheit und Leid. Denn das, was Gott uns zu geben hat, umfängt unsere ganze Persönlichkeit. Es geht eben letztlich nicht um Heilung, sondern um Heil. Auch in Lourdes.

Der 1886 geborene David Ben Gurion, der erste Premierminister Israels, hat mit Blick auf sein Land einen Satz gesagt, der vielleicht auch in Sachen Lourdes die Wogen glätten und am Ende Schein und Sein versöhnen könnte: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“. Seien wir also realistisch: Glauben wir an Wunder! Dann kann Christus auch heute noch durch unser Vertrauen auf Ihn heilsam sein und sagen: „Dein Glaube hat dir geholfen“.

(Josef Bordat)

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