Eine Erfahrung

12. Februar 2016


Ohne Dich nur Not.

Das war in letzter Zeit doch etwas viel. Ich erhalte Mails zum Faktencheck. Ich erhalte Mails zur Papstreise. Ich erhalte Mails zur AfD. Ich erhalte Mails zum Thema Lebensschutz. Die sind im Durchschnitt so von der Art: Dann doch lieber Morddrohungen. Da weiß man wenigstens, was man hat: Da ist jemand voller Hass und sagt es. Punkt. Aber diese subtilen Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten – mal ad hominem, mal in der Sache – zermürben am Ende viel mehr.

Was ich mich frage: Glauben die Menschen eigentlich wirklich, was sie schreiben? Dass es keinen legitimen Zugang zur Kirchengeschichte gibt, außer „natürlich“ dem von Karlheinz Deschner. Dass man möglichst bald damit anfangen sollte, auf Flüchtlingskinder zu schießen, bevor diese uns „das Essen vom Teller reißen“. Dass der Mensch bis zur Vollendung der Geburt im schrankenlosen Verfügungsbereich der Schwangeren liegt, diese folglich „damit machen kann, was sie will“. Und so weiter.

Glauben die Menschen das oder wollen sie mich nur ärgern? Ich meine, letzteres sähe ich ja noch ein, aber ansonsten hätte ich – PISA hin und her – schon meine Bedenken. Und warum schreibt man jemandem, den man – mal als Katholiken, mal als Gutmenschen – für das Böse schlechthin halten muss, vor dem Hintergrund dessen, was man von der Katholischen Kirche und vom Gutmenschentum denkt? Oder von der Ethik des Lebensschutzes.

Ich gebe zu, dass sich vieles für mich derzeit sehr rätselhaft ausnimmt, mich auch etwas frustriert, irritiert, ja, unzufrieden sein lässt. Da schreibt man, da sammelt man Fakten, da argumentiert man. Nichts. Man kommt einfach nicht an gegen das pauschale Unterstellen des Schlechtesten. Gegen das äußerst praktische Prinzip Beweis durch Behauptung. Ich fühle mich matt. Sonst trinke ich dann ein Bier. Aber es ist ja Fastenzeit.

Auch während der Abendmesse in der Steglitzer Rosenkranzbasilika komme ich zunächst kaum zur Ruhe. Bis in einer Fürbitte mein Name fällt. Und dann im Hochgebet noch einmal. Ich weiß nicht, wer Stifter dieser Intention war. Sicherlich aber jemand, der Anteil genommen hat an den Unannehmlichkeiten der letzten Wochen und Monate, für mich und meine Angehörigen. Obgleich der ganz große Druck raus zu sein scheint, kam diese Botschaft heute Abend genau richtig. Berührend. Überwältigend. Unverhofft.

Es wird mir klar: Wir dürfen Hoffnung haben und wir sollen Gott vertrauen, auch, wenn wir zu verzweifeln drohen. Es wird mir in der Kirche klar, in der Heiligen Messe. Es wird mir durch das Wort des Priesters klar. Menschenwort – und doch anders als die vielen sehr gut gemeinten und auch tatsächlich sehr guten Worte des Zuspruchs, die ich sonst ja auch erhalte und an die ich nun in Dankbarkeit denke. Es ist wie eine Mahnung: Vergiss das Schöne nicht!

Aber im Kern geht es um etwas anderes: Ich fühle mich von Gottes barmherziger Liebe umfangen. Sie aktualisiert schöne Erfahrungen und Erinnerung, ja, das ganz sicher, sie hat aber doch noch eine andere Qualität. Ich kann das nicht genau beschreiben. Es ist tiefer. Ohne diesen Glücksmoment, den man hat, wenn im Bingo die Zahl gezogen wird, die einem noch fehlt. Eher so wie ein Glücksgefühl, das langsam in einem aufsteigt, mit den immer verbleibenden Zweifeln und Ängsten ringt und sich am Ende doch durchsetzt. Als Gottes großes Ich bin da!.

Diese Erfahrung lässt mich dankbar sein. Hundertfach dankbarer als mich die Erfahrungen des Alltags zornig oder traurig sein lassen. Wir singen Lied Nr. 377 – alles mit, durch und in Jesus. Wir brauchen Dich. Ohne Dich nur Not. Streit. Leid. Tod. Und mit Dir? Alles andere. Vor allem eines: Mit Jesus kann ich endlich zur Ruhe kommen. Für heute.

(Josef Bordat)

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