CVK contra Charisma

13. Februar 2016


In einem Monat finden drei wichtige, richtungsweisende Landtagswahlen statt. Im Wahlkampf haben die sozialen Medien eine große Bedeutung. Dazu ein kommunikationstheoretischer Gastbeitrag von Julie Albedo, der sich mit der computervermittelten Kommunikation (CVK) und ihren Grenzen beschäftigt.

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Im Spannungsfeld von Journalismus und Public Relations interessieren mich Politiker vor allem aus kommunikativer Sicht: Welche Politiker sagen was, wann, wie und wo, beispielsweise auf Pressekonferenzen. Welche Botschaften vermitteln sie dabei und welche hätten sie besser für sich behalten. Und was ist von den Medien wahr, verzerrt, überzogen oder womöglich gelogen dargestellt. Das sind Fragen, die mich angesichts der unterschiedlichen Medienkanäle bewegen. Dass sich hierbei das Netz nur bedingt als Ort der politischen Meinungsbildung eignet, zeichnet sich tagtäglich in den Social Media und den Kommentarrubriken von Online-Zeitungen ab: Shitstorms, Bashing und Flaming sind Phänomene, an die ich mich als vernünftiger Mensch einfach nicht gewöhnen will. Weshalb aber mischen da Politiker so eifrig mit?

Einerseits ist das Internet das massenmediale Informationsmedium schlechthin, andererseits steht der grenzenlosen, aber unkontrollierbaren Informationsflut ein krasser Informationsverlust entgegen. Dieser kaum bedachte Umstand ist der sogenannten computervermittelten Kommunikation (CVK) geschuldet, die wesentliche, aber immaterielle Informationen verschluckt. Die interaktiven Möglichkeiten des Web 2.0 zwischen virtuellen Avataren gelten zwar weithin als kommunikativer Meilenstein, doch segensreich für einen Homo Politicus ist das nicht: Die technologisch nicht zu vermittelnden Komponenten seiner nonverbalen Kommunikation führen zu einem Informationsdefizit, mit dem die politische Strahlkraft nur mehr schlecht als recht gelingt. So gehen bei der CVK Gestik und Mimik, Stimme und Stimmung, Charisma und Stil der öffentlich wirkenden Person verloren; mithin jene Komponenten, die Vertrauen schaffen und die Politiker authentisch machen. In seinem Aufsatz „Krise der repräsentativen Demokratie“ erinnert Hubert Kleinert, Professor für Sozialwissenschaften und Kommunikation, an diese charismatische Seite der Politik, die bei der Netzkommunikation auf der Strecke bleibt: „Denn zum Wesen der Demokratie“, schreibt er, „gehören auch physische Präsenz, Rhetorik und Ausstrahlung, Konfrontationen von Angesicht zu Angesicht, Emotionen und soziale Erlebnisse. Dafür bietet das Netz keinen Ersatz.“ – Und darin ist selbst die antike Agora, die einstige politische Versammlungsstätte griechischer Stadtstaaten und Wiege der Demokratie, der computervermittelten Kommunikation des 21. Jahrhunderts überlegen.

Die Auswirkungen des Informationsverlusts gehen zulasten komplexer Inhalte und zugunsten schneller Stereotypen, die im Moloch der Medien längst die politischen Debatten vergiften. Durch oft unbedacht abgesetzte Botschaften von Politikern via Twitter, Facebook & Co. mutiert die traditionelle Berichterstattung immer öfter zu einem Sekundärjournalismus, der auf der einen Seite die Netzdiskussionen in den Social Media nicht ausblenden darf, auf der anderen Seite selbst Gefahr läuft, das Politgezwitscher überzubewerten. Zur gegenseitigen Beeinflussung traditioneller und neuer Medien schreibt Kleinert: „Während die mediale Politikpräsentation mehr hysterische Aufregungskonjunkturen hervorbringt als Maßstäbe zur Beurteilung komplexer Sachverhalte, hat der Siegeszug des Internets die Fundamente des demokratischen Systems in zwiespältiger Weise beeinflusst: Wo einerseits neue Chancen und Foren von politischer Information und Beteiligung geöffnet und auch genutzt werden, finden sich andererseits auch wachsende Erscheinungen von Flüchtigkeit und Maßstablosigkeit.“

Weshalb aber mischen da Politiker so eifrig mit? Vor dem Hintergrund der CVK kann die Krise der repräsentativen Demokratie auch als Kommunikationskrise aufgefasst werden. Das Internet ist ein massenmediales Informationsmedium, in dem authentische Interaktion eine Illusion ist. Netzkommunikation muss entmystifiziert werden, da sie statt freiheitlich-demokratischer Werte technologisch verursachte Abhängigkeiten provoziert. Sie muss dort sparsam eingesetzt werden, wo es um Inhalte, Werte, Charisma, Leadership und Qualität geht. An der Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, sei es auf der Agora oder bei einer Bürgerversammlung, geht mithin kein Weg vorbei. Politiker müssen eifrig auf Menschen und nicht auf deren Avatare zugehen, wollen sie den Bürger mit ihren Inhalten überzeugen und einen Homo Politicus mit Leib und Seele als Wähler gewinnen.

Julie Albedo

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