Mexiko und die Katholische Kirche II

16. Februar 2016


Teil 2: Bürgerkrieg

Wenn Sie wissen wollen, wie es zu diesem Text kam, lesen Sie bitte die Vorbemerkungen“ zu Teil 1 des Dreiteilers Mexiko und die Katholische Kirche. Nun also Teil 2, in dem es um das 19. Jahrhundert und den Bürgerkrieg gehen soll, die Guerra Cristera (1926-1929).

1. Das 19. Jahrhundert

Wie sah das 19. Jahrhundert in Mexiko aus? Für den Verfasser dieses Blogbeitrags war es ein heldenhafter Befreiungskampf gegen eine übermächtige Kirche, die das Land im Würgegriff hielt, die Menschen spirituell unterjochte und wie seit ehedem material ausplünderte.

Wie sah das 19. Jahrhundert in Mexiko wirklich aus? Zunächst: Chaotisch. Zwischen 1823 und 1867 gab es in Mexiko 36 Verfassungen und 72 Staatsoberhäupter. Natürlich soweit sie gegen die Kirche waren alles lupenreine Basisdemokraten, die nichts anderes wollten, als Mexiko von einer übermächtigen Kirche zu befreien, die das Land im Würge… das hatten wir schon.

Ein paar Fakten täten jetzt gut. Kirche in Not kann uns helfen: 1822 wurde – als eine der ersten Maßnahmen im postkolonialen Mexiko – das „kirchliche Eigentum der Indianermissionen verstaatlicht“. 1833 wurde es Priestern verboten, an öffentlichen Schulen zu unterrichten. Ab 1857 kann man von offener Verfolgung und „versuchter Vernichtung“ der Kirche sprechen: „Das Kirchengut wurde beschlagnahmt, Kirchen und Klöster geplündert. 1874 wurden die kirchlichen Feiertage abgeschafft, geistliche Kleidung und religiöse Feiern außerhalb der Kirche waren verboten“.

Das sind für den Verfasser alles proto-paradiesische Zustände, die er kurz und bündig unter „Macht der Kirche einschränken“ subsummiert. Er jubelt: „Die mexikanischen Reformer siegten schließlich, viele Kirchengüter wurden eingezogen“, ohne den Wermutstropfen verschweigen zu können: „doch die katholische Kirche wäre nicht die katholische Kirche, wenn sie nicht trotzdem gewaltige Macht behalten hätte“.

2. Die Mexikanische Revolution und die Verfassung von Queretaro

Ihre „gewaltige Macht behalten“, das also habe sie, die Kirche. Hier scheint es jemanden zu ärgern, dass die eine oder andere Kirche immer noch nicht ganz ausgebrannt war, vielleicht sogar das eine oder andere Kloster noch nicht geplündert wurde. Doch Rettung naht: die Mexikanische Revolution, die endlich Schluss machen soll mit den „Privilegien der Kirche“. Oder, wie es der Verfasser zuckersüß ausdrückt: „Nach der Revolution versuchten Reformer noch einmal, die Macht der katholischen Kirche zu beschneiden, aber mit geringem Erfolg“.

Oh, das hört sich gut an: „Reformer“ und „Macht der katholischen Kirche zu beschneiden“. Das hört sich so an, als wollte man den Bischöfen keine goldenen, sondern nur noch silberne Löffelchen zugestehen. So als drehte man ein wenig am Geldhahn. Und so weiter.

Wie es wirklich aussah, schildert Kirche in Not: „Als sich durch Unterstützung des amerikanischen Präsidenten Wilson 1915 Venustiano Carranza als Präsident durchsetzte, verbot dieser in der ‚Verfassung von Queretaro‘ das Studium in geistlichen Anstalten, ebenso den Zölibat und das Ordenswesen sowie alle gottesdienstlichen Handlungen außerhalb der Kirche. Alle Priester wurden von ihren staatsbürgerlichen und politischen Rechten ausgeschlossen. Die einzelnen Bundesstaaten hatten das Recht, die Zahl der Priester zu bestimmen“. Mit der „Reform“ war also im Ergebnis folgendes verbunden: 1. Gründung einer Nationalkirche (unkatholischer geht es nicht!). 2. Verbot von Ordensgemeinschaften. 3. Verbot des Zölibats[sic!]. 4. Verbot von Priester- und Ordenskleidung und 5. Verbot, die Sakramente zu spenden (im Klartext: den priesterlichen Dienst auszuüben, noch deutlicher: Priester zu sein).

Die Katholische Kirche hätte de facto aufgehört zu existieren. In den Jahren unmittelbar vor der Guerra Cristera, als die Verfassung umgesetzt werden soll, müssen die Priester in den Untergrund. Wer gegen das Verbot der Sakramentenspendung als Priester arbeitet, wird verhaftet. Pater Miguel Pro SJ, von dem weiter unten noch ausführlich die Rede sein wird, bleibt Priester, spendet die Sakramente und lässt sich auch durch zweimalige Verhaftung nicht abschrecken. Andere geben auf. Priester in Mexiko zu sein, das ist in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre lebensgefährlich. Ihre Zahl sank in den Jahren der Mexikanischen Revolution von über 4000 auf etwa 300. Über 90 Prozent des Klerus – ermordet, vertrieben, geflohen. Der Verfasser nennt es eine „Reform“, mit dem Ziel, die „Macht der katholischen Kirche zu beschneiden“. Zynisch? Ich entscheide mich für „einseitig informiert“. Denn: Wir haben wohl alle unsere subjektive Wahrnehmung der Welt und ihrer Vorgänge. Nur: „Reform“ und „Machtbeschneidung“ für die Kirchenverfolgung in Mexiko liegen auf der Euphemismus-Skala irgendwo zwischen „Antifaschistischer Schutzwall“, „Republikflucht“ und „Sonderbehandlung“.

3. Die Guerra Cristera

Und die Guerra Cristera? Was war damit? Für den Verfasser des Blogbeitrags steht fest: „Der Klerus wiegelte die ungebildete Landbevölkerung zum Bürgerkrieg auf“. Wie hat sich die Kirche tatsächlich verhalten? Die Cristeros standen der Kirche nahe, das ist wahr, aber von der Kirche gab es keine Unterstützung, die über spirituelle Hilfe hinaus ging. Sie hat die Menschen nicht „aufgewiegelt, sondern zu besänftigen versucht. Gegen den Willen der mexikanischen Bischöfe griffen die Cristeros zu den Waffen.

Noch einmal Pater Miguel Pro. Er verteilt Flugblätter, die zu passivem Widerstand und zu Gottvertrauen aufrufen – nicht aber zum Bürgerkrieg. Die Kirche ist – wie schon zuvor (vgl. Teil 1) – nicht Erfüllungsgehilfin der Mächtigen, nicht Promotorin von Krieg und Gewalt, sondern Mahnerin, weil sie auf den verweisen kann, der menschliche Macht übersteigt: Jesus Christus.

Es ging zwar auch um die geplanten antiklerikalen Gesetze von 1917, gegen die sich die Cristeros (wie gesagt: der Katholischen Kirche nahestehend) wehrten (ohne dazu aufgewiegelt“ hätten werden zu müssen), aber es ist eben wohl auch ein sozialer Stadt-Land-Konflikt gewesen, ein Aufbegehren gegen das Eingreifen des Zentralstaates in die Belange der Dorfgemeinschaften“, wie sogar die schwerzitierbare Wikipedia meint.

Kann es also sein, dass die Landbevölkerung schlicht um ihre Existenz fürchtete? Kann es sein, dass sie in der Kirche einen Halt fand und im Priester jemanden, der sie nicht „aufwiegelte“, sondern zunächst mal ernst nahm? Kann es sein, dass sie als gläubige Katholiken die Existenz ihrer Kirche gefährdet sahen und damit das Ende von etwas, das ihnen Kraft gab? Gar nicht dumm, die Landbevölkerung! Denn genau das wäre passiert, wenn die Verfassung umgesetzt worden wäre.

4. Das Attentat auf Álvaro Obregón und das Martyrium Pater Miguel Pros

Und dann ist da noch das Attentat auf Álvaro Obregón. Der Verfasser meint, „religiöse Fanatiker“ hätten es begangen. Das ist nur dann richtig, wenn man Religiöse grundsätzlich für Fanatiker hält (tut er wahrscheinlich). Der Plural ist jedenfalls falsch es handelte sich um einen Einzeltäter.

Die Hintergründe: Obregón war gerade zum zweiten Mal Präsident geworden (nach einer ersten Amtszeit von 1920 bis 1924 infolge eines von ihm organisierten Militärputsches auch nicht die feine Art, an die Macht zu kommen, aber solange diese nicht bei der Kirche liegt, ist die Welt in Ordnung), als er am 17. Juli 1928 Opfer eines Anschlags wurde. Das Attentat wurde von José de León Toral verübt, einem Priesteramtskandidaten, der Obregóns antikirchliche Einstellung ablehnte und zudem fürchten musste, unter einem Präsidenten Orbegón niemals das Priesteramt ausüben zu dürfen. Dass dies eine Erklärung ist (jenseits von „Fanatismus“), ist ebenso unbestreitbar, wie dies niemals ein Grund ist, einen Menschen zu ermorden. Doch es ist unsinnig, daraus auf die Kirche als solche zu schließen. Genau das jedoch tut der Verfasser.

Das hat man aber auch damals schon getan: Als am 13. November 1927 ein erster Anschlag auf Obregón verübt wird, verhaftet die Polizei nicht nur den Täter Luis Segura, sondern am 18. November 1927 auch seinen Beichtvater, Pater Miguel Pro, der Segura am Tag zuvor die Beichte abgenommen hatte (was verboten war), sowie Miguels Brüder Humberto und Roberto. Obwohl die Beweislage eindeutig gegen eine Beteiligung bzw. Mitwisserschaft der Brüder Pro sprach, sowohl der geständige Täter Segura, als auch Pater Pro eine solche abstritten und selbst der Ermittler Cruz in dieser Hinsicht erhebliche Zweifel hatte, blieben die drei Brüder in Haft. Präsident Calles ordnete gegen Cruz’ Bedenken die Erschießung aller vier Inhaftierten an. Für Calles bot die Sache eine günstige Gelegenheit, drei engagierte Katholiken zu beseitigen und zugleich die Kirche kriminalisieren zu können. Offenbar mit Propagandawirkung bis heute. Pater Miguel Pro SJ starb mit den Worten „Viva Cristo Rey!“ („Es lebe Christus, der König!“) den Märtyrertod und war mit seinem unerschütterlichen Glauben ein Vorbild für viele deutsche katholische Jugendliche während der Zeit des Nationalsozialismus. Am 25. September 1988 wurde er in Rom selig gesprochen; der Heiligsprechungsprozess läuft. Sein Gedenktag ist der 23. November.

5. Fazit

In den Bürgerkriegen des 19. Jahrhunderts, in der Mexikanischen Revolution und in der Guerra Cristera gab es Gewalt und Opfer auf beiden Seiten. Warum der Verfasser den Krieg ganz beiläufig quasi der Kirche in die Schuhe schiebt (deligitimiert ist seiner Ansicht nach offenbar nur diese, nicht jedoch der damalige mexikanische Staat mit seiner menschenrechtswidrigen Religionspolitik oder Krieg und Gewalt an sich), erschließt sich mir nicht wirklich. Interessant ist aber doch wohl und hier zeigt sich der Charakter der kirchenfeindlichen Regierung, gegen die sich die Cristeros wehrten, wohl am deutlichsten , dass noch nach dem Friedensschluss“ (Modus Vivendi) und der damit verbundenen Amnestie“ rund 5000 Cristeros hingerichtet wurden. Interessant ist auch, dass die Regierung nicht nur gegen Kombatanten auf der Gegenseite“ vorging, also im Kampf gegen die Cristeros stand, sondern das Land offenbar ganz gezielt von der Kirche bzw. ihren Repräsentanten säubern“ wollte. Bei über 90 Prozent ist das ja auch gelungen. Die waren am Ende „weg“. Schon toll, solche „Reformen“.

Morgen geht es weiter mit Teil 3.

(Josef Bordat)

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