Eine drastische Mahnung zur Umkehr

27. Februar 2016


Zu dieser Zeit kamen einige Leute zu Jesus und berichteten ihm von den Galiläern, die Pilatus beim Opfern umbringen ließ, sodass sich ihr Blut mit dem ihrer Opfertiere vermischte. Da sagte er zu ihnen: Meint ihr, dass nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer aber nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt. Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms von Schiloach erschlagen wurden – meint ihr, dass nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt. Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine. Da sagte er zu seinem Weingärtner: Jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen? Der Weingärtner erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen. (Lk 13, 1-9)

Gräueltat und Katastrophe

Die Perikope des Dritten Fastensonntag ist dicht und aspektenreich. Man hört von Gräueltaten und Katastrophen. Ganz nebenbei erfährt man, dass der von Hollywoods Filmemachern meist sehr wohlwollend charakterisierte römische Statthalter Pontius Pilatus ein brutales Regime führte. Mit harter Hand regiert er die Unruheprovinz Judäa zur Zeit des öffentlichen Auftretens Jesu bereits seit mehreren Jahren. Eiserne Strenge und rohe Gewalt halten ihn insgesamt zehn Jahre lang an der Macht. Auch nach der Kreuzigung Jesu geht die Ära Pilatus weiter. Bis zum Jahr 36 ist er Statthalter. Abgesetzt wird er, weil sein brutales Vorgehen in Rom nicht mehr hingenommen werden konnte. Wegen diverser Vergehen soll sich Pilatus vor dem Römischen Kaiser Tiberius rechtfertigen. Philo von Alexandria listet die Anklagepunkte auf: Bestechung, Beleidigung, Raub, Gewalttätigkeit, Zügellosigkeit, wiederholte Hinrichtungen ohne juristisches Verfahren, konstante Ausübung von extrem leidvoller Grausamkeit. Zum Prozess kam es aber nie: Als Pilatus in Rom eintraf, war Tiberius schon verstorben. Was dann mit Pilatus geschah, ist unklar. Klar ist aber, dass die Zeichnung des Pontius Pilatus in den diversen Verfilmungen der Passion Christi als ein besonnener, nachdenklicher, gerechtigkeitsvernarrter Politiker, der im Fall des Jesus von Nazareth erst vom jüdischen Mob zu einem Todesurteil verleitet werden muss, wohl deutlich an der historischen Wahrheit vorbeigehen. Pilatus geht über Leichen, Hinrichtungen sind für ihn Alltag.

Das zum eingangs geschilderten Massaker an den Galiläern. Dem schließt sich eine Katastrophennachricht an: Der Einsturz des Turms von Schiloach mit 18 Toten. Im Zentrum steht jedoch in dieser Perikope nicht die neueste Schreckensmeldung aus dem Nahen Osten, sondern die Mahnung zur Umkehr. Dennoch müssen wir uns zunächst etwas mit der Wirkung dieser Nachrichten befassen. Jesus bringt sie hier ja nicht von ungefähr. Er will den Zuhörern vermitteln, dass auch sie gefährdet sind. Weniger von außen (durch Gräueltaten und Katastrophen, die vermeintlich als „Strafen“ über sündige Menschen hereinbrechen) als vielmehr von innen, durch die „Katastrophe“ der Sündhaftigkeit, von der alle Menschen infiziert sind.

Die jüdische Theodizee

Für die Juden ist der Tun-Ergehens-Konnex ein Grundpfeiler ihres Denkens: So, wie man handelt, erfährt man im Leben Wohl oder Wehe. Zu diesem Denken gehörte die Zuschreibung von Leid zu einer bestimmten Schuld. Nur der Sünder leidet – „verdientermaßen“. Und: Wer leidet, wird wohl gesündigt haben. Oder einer seiner Vorfahren. Katastrophenereignisse werden so zur berechtigten Sühne verklärt. Man kann zudem als Beobachter auf die Opfer schauen und sich gut fühlen: Uns hat es nicht erwischt – dann war das, was wir getan haben, offenbar in Ordnung.

Jesus räumt an verschiedenen Stellen mit dieser Einschätzung auf. Als die Jünger Jesu einen von Geburt an Blinden treffen, fragen sie den Herrn: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, so daß er blind geboren wurde?“ (Joh 9, 2). Leid ist – wie gesagt – in den Augen der Juden stets etwas „Gerechtes“, etwas, das der Leidende „verdient“ hat. Den Jüngern, die Ihn nicht etwa nach der Ursache der Blindheit fragen, sondern die nur wissen wollten, wer die leidauslösende Sünde beging, entgegnet Jesus: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.“ (Joh 9, 3). Leid bekommt damit einen anderen Aspekt, weg von der Strafe hin zur Chance einer Neuausrichtung auf Gott.

Auch in dieser Perikope nimmt Jesus der jüdischen Theodizee die Pointe: Leid ist keine Folge von Schuld. Angesichts des malum morale eines Massakers an der Zivilbevölkerung fragt Jesus rhetorisch: „Meint ihr, dass nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer aber nicht?“ (Lk 13, 2). Und angesichts des malum physicum (oder technologicum) eines Turmeinsturzes: „Meint ihr, dass nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht?“ (Lk 13, 4).

Jesus will nicht unsere Bewährung im Bösen, sondern unsere Bekehrung zum Guten

Jesus denkt mit seiner Ablehnung des jüdischen Sünde-Strafe-Automatismus aber auch nicht an eine „Bewährung“ im Aushalten von Leid. Gottes Gerechtigkeit erweist sich für ihn stattdessen in zwei Dimensionen: 1. dem Paradies als konkreter und unmittelbarer Jenseitshoffnung (Lk 23, 43) und 2. dem Anbruch des Gottesreiches als mittelbarer und zeitlich nicht festgelegter Vorstellung (Mk 13, 32). Die Theodizeefrage verliert in diesem Horizont viel von ihrer Spannung, da Gottes Gerechtigkeit sich auch über das irdische Leben hinaus erweisen kann: Dem hier und jetzt ungetröstet Leidenden wird im Paradies Gerechtigkeit widerfahren.

Wie kann das geschehen? Eingedenk der Katastrophenmeldungen fordert er Bekehrung: „Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt“ (Lk 13, 5). Darum geht es also: Bekehrung. Umkehr. Wir sollen – so geht es dann bildlich weiter, mit dem Gleichnis vom Feigenbaum – Früchte tragen, um nicht Gefahr zu laufen, umgehauen zu werden (vgl. Lk 13, 6-9).

Ein starkes Wort! Kehrt Jesus damit nicht wieder zur Strafrhetorik zurück? Zur Drohbotschaft? Nicht direkt. Er nimmt den Umweg über die göttliche Barmherzigkeit, die in den Worten des Gärtners anklingt: „Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen.“ (Lk 13, 9).

Das Umhauen – wenn es denn je dazu kommt – ist in diesem Bild kein Symbol der Macht, sondern der Sorge, der Sorge um das Gelingen des ganzen Anbauprojekts, denn der fruchtlose Baum nimmt der Erde Kraft, erschwert also die Blüte und Reifung der anderen Bäume (vgl. Lk 13, 7). Die Fruchtlosigkeit ist – so könnte man sagen – keine Privatsache, keine „innere Angelegenheit“ des Einzelbaums, sondern sie hat Auswirkungen auf den Baumbestand insgesamt, sie wirkt nach außen, wird öffentlich. Sie ist damit nicht wertneutral, d. h. sie ist nicht nur nicht gut, sondern zugleich ungut – böse. Dennoch: Es gibt die Chance zur Umkehr, zur Besserung. Zeitlich limitiert, aber mit dem Hilfsangebot des Gärtners.

Jesus will uns nicht „umhauen“, sondern Jesus will, dass wir umkehren

Das zeigt uns: Jesus will Besserung, nicht Verdammung. Er will, dass wir umkehren, damit Er uns nicht „umhauen“ muss. Das einzige, was uns „umhauen“ darf, ist Seine Liebe. Ihm geht es um die Zukunft, nicht um die Vergangenheit. Und: Sein Ratschluss betrifft alle, nicht nur einige Menschen.

Weder Angst noch Sorglosigkeit prägen daher den christlichen Glauben und das theologische Denken zu Schuld und Strafe, zu Sünde und Vergebung. Wir brauchen keine Angst zu haben, von Gott bestraft zu werden. Strafe ist nicht das Wesen der göttlichen Barmherzigkeit. Wir sollten aber auch nicht meinen, es sei damit völlig egal, wie wir denken, reden und handeln. Denn wir können uns sehr wohl von Gott – also: von Seiner Barmherzigkeit – abwenden und entfernen. Das führte dann in die nächste Katastrophe – für uns und für alle.

(Josef Bordat)

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: