Hungertuchbetrachtung (1)

9. März 2016


Am Sonntag ist Passionssonntag. Zugleich wird an diesem Sonntag die Misereor-Kollekte gehalten. Das ist ein Anlass, einmal genauer auf das Misereor-Hungertuch zu schauen.

Gott und Gold – Wie viel ist genug? Unter diesem Leitmotiv steht das Misereor-Hungertuch des chinesischen Künstlers Dao Zi aus dem letzten Jahr, das auch in diesem Jahr Verwendung findet. Alle zwei Jahre gibt es ein Hungertuch, gestaltet jeweils von Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Teilen der Welt, oft aus Ländern des Südens, aus den Misereor-Nehmerländern. Es ist das 20. Hungertuch in der Geschichte des Hilfswerks.

In diesem Jahr also ein Künstler aus China. Nun zählt China wirtschaftlich betrachtet nicht mehr zu den armen Ländern. Im Gegenteil: China ist die Wirtschaftsmacht Nr. 1 in der Welt. Sie hat den USA den Rang abgelaufen. Dennoch ist China ein sehr schönes Beispiel für den Gegensatz von Gott und Gold. Jahrzehntejang war das Land auf der Suche nach Gold – und hat durchaus auch die eine oder andere Goldmine gefunden, wenn man so will. Zugleich wurde die Religion – auch der traditionelle Konfuzianismus – in der Öffentlichkeit zurückgedrängt. Das Christentum wird sehr kritisch beäugt und nur in sehr engen Grenzen geduldet. Materialismus ist die Religion der Gegenwart Chinas. Und nicht nur Chinas.

Dennoch wächst in China die Zahl derer, die sich für Alternativen zum Konsum interessieren. Christliche Gemeinden haben Zulauf. Ich habe mal behauptet, für jeden Deutschen, der aus der Kirche austritt, treten zehn Chinesen ein. Ich weiß nicht, ob das so genau stimmt, zumal es eine formelle Mitgliedschaft in der Römisch-Katholischen Kirche Chinas, die im Untergrund wirken muss, nicht gibt, so dass wir da keine exakten Vergleichszahlen haben. Was es offiziell gibt, das ist eine „Chinesisch-Katholische Kirche“, die nicht den Papst als Oberhaupt anerkennt, sondern die Kommunistische Partei. Das Phänomen der „Ultramontanität“ ist also im Kulturkampf Chinas heute genauso gegeben wie damals in Preußen unter Bismarck – die Berge zwischen dem eigenen Staat und dem Vatikan sind eben nicht – wie im Falle Preußens – die Alpen, sondern das Himalaya.

(Josef Bordat)

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